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Nachrichten aus Kultur und Medien

Stadionverbot wegen falscher Farbe?

29.06.2014

Wie antirassistisches Engagement manchmal contraproduktiv werden kann

"Rassismus ins Gesicht geschrieben" haben sich nach Meinung der Taz-Schlagzeile Fußballfans, die in Brasilien beim Spiel Deutschland gegen Ghana ihre Gesichter schwarz angemalt und dazu T-Shirts getragen haben sollen, auf denen der Ländername Ghana zu lesen war. Die Fotos verbreiteten sich rasch im Internet, die Empörung folgte auf dem Fuß. Die antirassistische Organisation Fare, die sich gegen Rassismus im Fußball engagiert, forderte eine Untersuchung. Eine Sprecherin der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland wird in der Taz mit dem Statement zitiert:

Die Bemalten müssten aufgeklärt und gegebenenfalls aus den Stadien verbannt werden.

So werden repressive Maßnahmen zumindest in Erwägung gezogen, allerdings konterkarieren sie die emanzipatorische Intention der antirassistischen Intervention. Wenn am Ende des Satzes die Androhung von Sanktionen gleich so deutlich drangehängt wird, droht die versprochene Aufklärung eher eine Disziplinierung zu werden. Dabei ist das Anliegen der antirassistischen Initiativen, das hier darin besteht, über das tief in rassistischen Traditionen wurzelnde Black Facing zu informieren, durchaus zu begrüßen.

In der letzten Zeit wurde eine solche Diskussion bei vielen Theateraufführungen geführt. Es gab heftige Kontroversen. Sowohl von den Theatermachern als auch dem Publikum kann verlangt werden, sich mit regressiven Traditionen der Unterhaltskultur auseinanderzusetzen und sie müssen sich auch mit heftiger Kritik konfrontieren lassen. Schließlich sollte gerade Theater ein Raum der Auseinandersetzung und nicht der Selbstvergewisserung sein.

Ein Fußballstadion ist kein Theatersaal

Doch kann man auch von allen Fußballfans erwarten, dass sie bei ihren Äußerungen und Ausdrucksweisen alle historischen und sozialen Implikationen berücksichtigen? Wohl kaum. Ein Fußballstadion ist kein Theatersaal und die Fans gehören eben nicht mehrheitlich dem Bildungsbürgertum an, in dem diese Debatte vor allem geführt wird.

Das bekommen sie in der Berichterstattung auch sofort mehr oder weniger unterschwellig von den Journalisten vorgeführt. So werden die Unbekannten in der Taz mit den schwarzgemalten Gesichtern mit "bierbäuchig, bierselig, kurze Hosen" klassifiziert. Im nächsten Absatz lässt der Journalist sein Ressentiment gegen die Unterklassen noch deutlicher raus: "Die runden, tumb grinsenden Gesichter der Bierbäuchigen sind schwarz bemalt."

Obwohl hier Merkmale des Klassismus zu finden sind (vgl. Vom Rassismus und Sexismus zum Klassismus), wird niemand den Autor Stadionverbot oder andere Sanktionen androhen. Auch die Fans mit den schwarzen Gesichtern werden solche Maßnahmen wohl nicht zu befürchten haben. Die FIFA hat Ermittlungen abgelehnt und in diesen Fall ist ihr ausnahmsweise einmal zuzustimmen. Denn noch mehr Sanktionen und repressive Drohungen sind sicher kein emanzipatorisches Konzept.

Dass homophobe Sprüche im Stadion ebenso ignoriert werden, ist hingegen nicht zu begrüßen. Hier zeigt sich, wie notwendig Differenzierungen bei Interventionen sind. Es ist eben ein Unterschied, ob sich Fans ihre Gesichter schwarz anmalen oder ob sie afrikanische Spieler mit Bananenschalen bewerfen oder mit Affenlauten rassistisch provozieren. Dann sind Maßnahmen bis zum Ausschluss notwendig. Ein Schwarzmalen des Gesichtes gehört aber nicht sanktioniert.

Es wäre auch eine paradoxe Situation, wenn Fans, die mit schwarz-rot-goldenen Outfit, Deutschlandfahnen und –rufen dann als Beispiel für ein sanktionsfreies Verhalten dastehen würden, während Fußballanhänger, die das Trikot des gegnerischen Teams tragen und vielleicht sogar mit ihrer Bemalung Ghana unterstützen wollten, sanktioniert würden.

Das würde auch viele Rechte freuen, die es nicht goutieren, wenn den Teams, die als Kontrahenten der deutschen Elf auftreten, Erfolg gewünscht und Sympathie entgegen gebracht wird. In den Berichten gibt es jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass sich die Personen mit den schwarzen Gesichtern abfällig und negativ über die afrikanische Spieler geäußert hätten. Die Kritik zielt ja berechtigterweise auf die historischen Probleme des Black Facing.

Kann ein Farbiger rassistisch sein?

Diese Episode aus Brasilien, die via Internet zu Diskussionen führten, ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie eine gut gemeinte antirassistische Intervention ins Gegenteil umschlagen kann. So lobte der Studierendenrat der Leipziger Universität gemeinsam mit anderen Organisationen eine Negativauszeichnung unter dem umständlichen Titel "Der Preis ist heiß oder auch nicht" aus.

Damit wurde in diesem Jahr das im Carlsen-Verlag erschienene Buch "Singen können die alle!" von Marius Jung ausgezeichnet. In der Öffentlichkeit erfuhr diese Negativauszeichnung viel Häme, allerdings mit merkwürdigen Begründungen. So wurde darauf abgehoben, dass der Autor Marius Jung selber eine dunkle Hautfarbe hat, als ob davon abhänge, ob sein Buch rassistisch ist oder nicht.

Natürlich kann auch ein Schwarzer rassistisch sein wie auch ein Jude antisemitisch sein kann. Ein viel gravierenderes Argument gegen den Negativpreis ist die Tatsache, dass Jung sich in seinem Buch satirisch mit dem Rassismus auseinandersetzt. Als Reaktion auf die Kritik erklärten die Organisatoren des Preises, dass sich der Negativpreis nicht gegen den Autor und das Buch, sondern gegen die Werbung gerichtet habe.

Ein Tod mit rassistischem Hintergrund?

Während heute oft Rassismus vornehmlich in Gesten und Wörtern gesehen werden, geraten Staatsapparate aus dem Blick. In diesen Tagen jährt sich zum 50ten Mal der plötzliche Tod der Jazz-Legende Eric Dolphy, der in Berlin an einem Diabetesanfall starb. Schon bald gab es Gerüchte, dass Dolphy sterben musse, weil er als Schwarzer im Berlin der frühen 60er Jahre zu spät medizinische Hilfe bekommen hat. So schreibt der Musikkritiker Dietrich Diederichsen:

Dolphy starb völlig überraschend Ende Juni 1964 in Berlin. Er hatte einen in Berlin nicht diagnostizierbaren Anfall einer seltenen Diabetes-Variante, die nur bei afrikanischstämmigen Patienten vorkommt. Dass dies (seine Rettung, Einf. d. A.) trotz tausender afroamerikanischer GIs in der Stadt nicht möglich war, wurde immer wieder mit den Todesumständen von Bessie Smith verglichen, der im segregierten Süden kein Krankenwagen zur Verfügung stand.

Bis heute ist nicht aufgeklärt, ob rassistisch motivierte Verzögerung zu Dolphys Tod beitrugen und niemand hat zum 50ten Todestag auch nur die Forderung nach Aufklärung gestellt.

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