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First Contact
Harald Zaun über die wissenschaftliche Suche nach Leben im All

Stern von Bethlehem als außerirdisches Raumschiff

24.12.2013

Über den geheimnisumwittertsten Stern in der Astronomie rätseln nicht nur Wissenschaftler, sondern auch viele Esoteriker, deren Thesen hanebüchen sind und nachdenklich stimmen sollten

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Giotto di Bondone: Anbestung der Hl. drei Könige. Gemeinfrei

"Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. (…) Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt."

Christen, die das Weihnachtsfest zelebrieren oder Menschen, die es abseits aller Rituale feiern, mögen diesen schönen, im Matthäus-Evangelium niedergeschriebenen Worten vollends oder nur teilweise Glauben schenken. Auf jeden Fall fasziniert die Vorstellung, wie vor mehr als 2000 Jahren die Heiligen Drei Könige (die wenn überhaupt nur Astrologen waren) einen hellen neuen Stern gefolgt sind, der sie schnurstracks nach Bethlehem zur Krippe leitete, wo sich die Geburt Jesu zugetragen haben soll.

Kein Chronist vor Ort

So sehr jedoch diese Geschichte mit dem Weihnachtsfest verankert ist und gläubige Christen sie als wahr erachten – das Gros der Wissenschaftler hat sie derweil längst zurück verbannt, wo sie hergekommen ist: in das Reich der Fantasie und Fabeln. "Heute sehen Theologen und Historiker den Stern von Bethlehem als Legende an. Er hat wichtige theologische Funktionen, die aber unabhängig von seiner historischen Belegbarkeit sind", sagt der deutsche Astronom Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg.

Natürlich lässt sich die Echtheit des Weihnachtssterns historisch nicht belegen. Dafür ist die Quellenlage zu dünn, erwähnt doch der Nicht-Zeitzeuge Matthäus den Stern in seinem Evangelium nur beiläufig. "Bei der Geburt Jesu hat leider niemand alles akribisch aufgezeichnet", klagt der Oldenburger Theologie-Professor Wolfgang Weiß. Daher könnten auch die drei Weisen aus dem Morgenland reine Fiktion sein, so Weiß. Sie waren bestenfalls erzählerische Figuren – mehr nicht. Bei alledem könnte Matthäus sich, als er den Text um 70 nach Christus verfasste, aus dem Alten Testament bedient haben, wo viele Prophezeiungen die Ankunft des Messias mit dem Leuchten eines Sterns ankündigen.

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Bild der berühmten Supernova 1987A im Röntgenlicht (links) und im weißen Licht (rechts). Bild: NASA/CXC/PSU/S.Park & D.Burrows.; Optical: NASA/STScI/CfA/P.Challis

Dutzende astronomische Erklärungen

Heute ist der Stern der Weisen zum Objekt wissenschaftlicher Begierde avanciert und hat Dutzende astronomische Erklärungsmodelle und Theorien hervorgebracht, die miteinander konkurrieren, was vor allem mit dem Geburtsjahr Jesu zusammenhängt. Fänden nämlich Wissenschaftler für den Dreikönigsstern eine astronomische Erklärung, wäre dieses genau datierbar.

Gleichwohl gilt als astronomisch gesichert, dass damals die Weisen aus dem Morgenland den vielbeschworenen Halleyschen Kometen nicht gesehen haben können. Schließlich war dieser zwischen Oktober 12 v. Chr. und Februar 11 v. Chr. sichtbar, die Geburt Jesu jedoch irgendwann zwischen 7 und 4 v. Chr. (Tod des Herodes). Außerdem galt in der Antike ein am Himmel aufleuchtender Komet nicht als Heilsbringer, sondern als Unglücksbote.

Auch ein Meteor kann es nicht gewesen sein, weil diese bekanntlich nur kurzfristig den Himmel erhellen und schnell wieder verglühen. Fernerhin scheidet auch die populäre Supernova-Theorie aus, weil Astronomen mit den besten Teleskopen bis heute keinen 2000 Jahre alten stellaren Überrest im All finden konnten. Auch das Schweigen der Astrologen des Altertums, die ein solches Ereignis detailliert aufgezeichnet hätten, spricht eine deutliche Sprache.

Hierzu passt auch eine aktuelle Studie, die Bradley E. Schaefer von der Louisiana State University (USA) unlängst veröffentlicht hat. Als der US-Astronom die Nova Do Aquilae 1925 untersuchte, die bereits mehrfach mit dem Weihnachtsstern in Verbindung gebracht wurde, kam er zu einem lapidaren Ergebnis, das den aktuellen Forschungsstand innerhalb der Astronomie widerspiegelt: "Do Aquilae 1925 war nicht der Stern von Bethlehem, genauso wenig wie irgendeine andere Nova, eine Supernova oder ein Komet."

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Ein Komet war es auch nicht … Bild: ESA/Max-Planck-Institute for Solar System Research

Däniken lässt grüßen

So war unvermeidlich, dass sich in den Chor der wissenschaftlichen Stimmen auch Ufologen und Esoteriker einreihen mussten, die ihre bizarren Thesen schon seit Jahren mit Verve zum Schlechtesten geben und den Stern von Bethlehem zu einem nicht-biblischem und nicht-astronomischem Ereignis stilisieren. Sichtlich inspiriert von ihrem Guru und Großmeister, Erich von Däniken, der in seinen Büchern den im Alten Testament aufgeführten Propheten Ezechiel (Hesekiel) zum Zeitzeugen (und Chronisten) eines landenden Raumschiffes erhebt, glaubt so manch Paläo-SETI-Anhänger und Däniken-Jünger der Gegenwart, dass der biblische Weihnachtsstern nicht anderes als ein außerirdisches unbekanntes Flugobjekt gewesen war.

In einem pseudowissenschaftlichen Beitrag mit dem Titel "Weltraumschiffe und ihre MISSION" postuliert ein gewisser Herbert Viktor Speer aus Berlin frisch von der Leber weg, dass "kein Stern, weder ein Komet, Planet oder Trabant" imstande gewesen wäre, "einen Menschen von einem Ort zum anderen zu begleiten". Ein außerirdisches Flugobjekt jedoch wäre "sehr wohl dazu imstande, insbesondere, weil es am richtigen Ort auch stillstehen kann."

Manche Autoren wie Juan J. Benitez verlieren sich in die Thematik derart tief, dass sie hierüber ein ganzes Buch ("Das UFO von Bethlehem") schreiben müssen, andere streifen das Phänomen nur beiläufig, verhehlen aber ihre Faszination für die UFO-Idee nicht oder behaupten schlichtweg, dass Jesus ein Außerirdischer war oder die biblischen "Magier" letzten Endes die reinkarnierten Geister von Moses und Buddha gewesen waren.

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Die nächste "Verschmelzung" von Jupiter und Saturn lässt auf sich warten: Die nächste Dreier-Konjunktion folgt erst im Jahr 2238. Bild: NASA/JPL/Space Science Institute

Grün und blau ärgern angesagt

Die Liste der Anhänger diese Theorie oder ähnlich gearteter Hypothesen ließe sich ad libitum fortsetzten. An von Missionseifer beseelten Ufo-Sektierern, Verschwörungstheoretikern und Ersatzreligiösen, die ihre Wahrheiten über den Stern von Bethlehem apodiktisch verkünden, mangelt es fürwahr nicht.

Ob man über deren irrwitzige Behauptungen und pseudophilosophische Ergüsse lachen, weinen oder sich über die Selbigen nach Strich und Faden ärgern soll, liegt im Auge und Naturell des Betrachters. Der Gentleman und tolerante wissenschaftlich Gebildete und Eingeweihte mag das Ganze noch mit einem Augurenlächeln quittieren und distinguiert übergehen oder es mit Ignoranz strafen, um dabei kein Magengeschwür zu riskieren. Wer sich jedoch als Aufklärer sieht, die Fahne der Wissenschaft hoch trägt oder ein Skeptiker der ehrenwerten und verdienstvollen Vereinigung GWUP ist, dürfte sich über die Thesen von den grünen Männchen, die vor 2000 Jahren am blauen Firmament über Bethlehem geschwebt haben sollen, grün und blau ärgern.

Wahrscheinlichste Erklärung: keine grünen Männchen

Wie gut nur, dass mit Blick auf den Dreikönigsstern zu Bethlehem die extraterrestrische Hypothese gottlob nicht strapaziert werden muss, können doch Astronomen für das Auftauchen des Dreikönigssterns tatsächlich mit einer wissenschaftlichen Erklärung aufwarten. Denn dieser zufolge verdankt der Stern der Weisen seine Herkunft einer Dreier-Konjunktion von Jupiter und Saturn.

Bei einer Konjunktion kommen sich zwei Planeten am Firmament scheinbar so nahe, dass sie zu einem sehr hellen Stern verschmelzen. Im Jahr 7 vor Christus geschah dies binnen eines Jahres gleich dreimal. Es war ein seltenes Naturschauspiel, das vor mehr als 2000 Jahren auch im gelobten Land für jedermann zu sehen war. Eine astronomische Rarität, die unsere drei Freunde aus dem Morgenland vielleicht einst wirklich gesehen haben.

Es könnte so gewesen sein. Wir müssen es einfach nur glauben oder die schöne Krippen-Geschichte geradewegs ins Reich der Fantasie verbannen, so wie natürlich auch alle Theorien, deren Urheber hinter dem Weihnachtsstern ein außerirdisches Raumschiff vermuten und das hilflose Christuskind zum Alien-Mutanten verklären.

Lassen wir also die Aliens besser da, wo sie sind – nämlich irgendwo da draußen in den Tiefen und Weiten des Universums. Vielleicht feiern diese auch so etwas Ähnliches wie Weihnachten. Sollte dem so sein, dass wünsche ich diesen, aber natürlich auch Ihnen, verehrte Leser meines Blogs, ein schönes und besinnliches außerirdisches und irdisches Weihnachtsfest …

Ihr Harald Zaun

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