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Syrien: Erste Signale der Bildungsschicht?

13.04.2011

Die Proteste weiten sich aus, das Regime geht mit aller Härte dagegen vor

In der Universität Damaskus protestierten erstmals auch Studenten der Wissenschafts- und Landwirtschaftsfakultäten. Dies könnte, sofern es sich wiederholt, bedeutsam sein, da die Hauptbewegung bislang von den Moscheen ausging. Sie werden vom Regime eisern kontrolliert.

Möglicherweise wählten die Studenten aber vor allem deshalb die Universität als Demonstrationsort, um ein Signal seitens der syrischen Bildungsschicht zu setzen. Bislang schweigt diese - von angestammten kommunistischen Parteien bis hin zu Schriftstellern und Filmschaffenden - gegenüber der "people's power" auffallend laut.

Die Parolen der Studenten decken sich mit den bisher bekannten: "Allein Gott, Syrien und Freiheit" und Solidaritätserklärungen mit dem südsyrischen Protestherd Daraa (aus dem angeblich viele Studenten stammen).

Je nach Quelle demonstrierten 200 bis 1500, die von Schlägertrupps und Sicherheitskräfte schnell auseinander getrieben wurden. 32 Studenten sollen dauerhaft von der Universität ausgeschlossen worden sein. Ein Student soll zu Tode geprügelt worden sein. Anfängliche Spekulationen, das Regime wolle aufkeimende Proteste in Damaskus möglichst unblutig beenden, um nicht die Aufmerksamkeit auf die Hauptstadt zu lenken, wären somit obsolet.

Banias: 12 Soldaten, die Schiessbefehle verweigern, hingerichtet

Seit Sonntag ist die 280 Kilometer nordwestlich von Damaskus gelegene Hafenstadt das Ziel von Angriffen durch Sicherheitstrupps. Internet, Mobilfunk, Festnetz und letztlich das Elektrizitätsnetz wurden gekappt. Mehrere Berichte sprechen von Tötungen von Militärangehörigen, die sich weigerten, auf die Demonstranten zu schiessen. Der im US-Exil lebende Menschenrechtsaktivist Ammar Abdulhamid bestätigte auf seinem Blog die Tötung von 12 Soldaten - und nennt dabei die Leutnants Rami Qattasch und Murad Hajjo, beides Sunniten. Dass sie sich aus konfessionellen Gründen weigerten, auf die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung in Banias zu schiessen, ist nicht auszuschliessen. Ebenso möglich aber ist, dass sie völlig konfessionsunabhängig handelten, denn gerade Banias setzte kürzlich ein eindrückliches Zeichen, indem es erklärte, Sunniten und Alawiten würden sich nicht in bürgerkriegsähnliche Zustände treiben lassen, sondern geschlossen revoltieren.

Eindeutig zu sein scheint, wer die Soldaten ermordet hat: die Schabbiha. Sie ziehen mordend durch Banias, wie das aus London sendende, arabischsprachige Fernsehen al-Hiwar berichtet - dabei betonend, dass sie und nicht die Demonstranten über Waffen verfügen.

Assads blutgierige Geister: Die Schabbiha

Die Rede von den „Shabbiha“ kursiert seit Ausbruch der Unruhen verstärkt im arabischsprachigen Internet. Gemeint sind jene randalierenden Trupps, die über dem Gesetz stehen, als Söldner des regierenden Assad-Clans fungieren und wegen ihrer unglaublichen Verrohtheit gefürchtet sind.

Erstmals traten sie, diesem Bericht zufolge, 1975 in Erscheinung - geschaffen von einem Neffen des damaligen Präsidenten Hafez al-Assad, um Drogen aus dem Libanon nach Syrien zu schmuggeln. Ihren Namen sollen sie dem arabischen Wort "Shabbah" (Geist) verdanken.

Sie wurden mit der Zeit zu bewaffneten Milizen ausgebildet, die den Schmuggel von Drogen, gestohlenen Autos oder Haushaltsgeräten auch nach Zypern und in die Türkei ausweiteten. Ihren Stammsitz bilden die Küstenstädte Lattakia, Tartous und Jabla, wo sie sich zudem als "Vermittler" zwischen Bevölkerung und Behörden betätigen - sprich sie ermöglichen denen, die die meisten Bestechungs- und Schutzgelder zahlen, ihr Gewerbe überhaupt zu betreiben. So werden auf jeden LKW, der die Häfen von Tartous oder Lattakia verlassen will, Zusatzgebühren erhoben - gleiches gilt für die Zollsätze bei Importwaren.

Entweihung der Omari-Moschee in Daraa durch Sicherheitstrupps/Schabbiha

Ein Video dürfte die Emotionen noch mehr anheizen. Es zeigt, wie syrische Sicherheitskräfte die Omari-Moschee in Daraa besetzen, dort Vorrats- und Schlaflager aufstellen und die Moschee entweihen. Sie schwenken triumphierend Waffen und rufen unter anderem "qatalnahon", "Wir haben sie getötet".

HRW: Sicherheitskräfte verhindern medizinische Versorgung für Verwundete

Human Rights Watch veröffentlicht einen Bericht, demzufolge Augenzeugen aus Douma, Harasta und Daraa - darunter Ärzte und Schwestern - bestätigten, dass die Sicherheitstruppen keine medizinische Versorgung zulassen.

Mitunter meiden Verletzte aber von sich aus die Krankenhäuser. Der Grund: Sie haben Angst, dass ihnen Ähnliches widerfährt wie etwa Bashir Adbulghani Delwan aus Douma. Hier die deutsche Zusammenfassung seiner Aussage, die am 6. April auf Youtube eingestellt wurde:

"Die Sicherheit/Polizei hat auf mich zweimal geschossen - (er zeigt, wo die Kugeln ein- und wieder austraten. Wann dies passiert ist, erwähnt er nicht, vermutlich bei der Grosskundgebung in Douma am vorherigen Sonntag.) Einer von ihnen sagte: 'Wir brauchen den lebend'. Ein anderer beschuldigte mich, ein Jude (Israeli) zu sein. Je mehr ich beteuerte, kein Jude, sondern Syrer zu sein, desto mehr schlugen sie mich. (Kamera schwenkt auf sein Auge) Als wir ins Krankenhaus, das Tishreen Militärkrankenhaus in Douma, eingeliefert wurden, fesselten sie uns an die Betten (Kamera schwenkt auf seine Füsse). Dann nahmen sie mir alles ab, Geld, Telefon, Papiere etc. Dann wurden mir die Augen verbunden und ich musste meinen Fingerabdruck auf irgend ein Dokument setzen, auf was weiss ich nicht. Dann entliessen sie mich, aber Geld und Telefon etc. habe ich nicht wieder bekommen."

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