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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Tödliche Madrider Massenpanik wird zum Politskandal

06.11.2012

Die regierende spanische Volkspartei kommt unter Druck, weil die "Madrid Arena" keine Betriebsgenehmigung hat

Einfach hätte eine tödliche Massenpanik in der spanischen Hauptstadt in der vergangenen Woche verhindert werden können, bei der bisher vier Mädchen ums Leben kamen. Die Polizeigewerkschaft SUP hat am Montag dem zuständigen Madrider Gericht Dokumente zukommen lassen, aus denen hervorgeht, dass es für den Veranstaltungsort "Madrid Arena" keine Betriebserlaubnis gab und seit Jahren Sicherheitsmängel bekannt waren. Diese und ähnliche Feiern hätten in der Halle nach Ansicht der SUP nicht stattfinden dürfen. Vier Mädchen wären noch am Leben, die in der Nacht auf den vergangenen Donnerstag in einer Massenpanik totgedrückt wurden, die von einem bengalischen Feuer ausgelöst worden sein soll. Zuletzt starb am Samstag ein 17-jähriges Mädchen an den Verletzungen, die es bei der Halloween-Party erlitt. Die schweren Verletzungen einer 20-Jährigen werden weiter auf der Intensivstation eines Krankenhauses behandelt.

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Für die in Spanien regierende konservative Volkspartei (PP) und für die umstrittene Madrider Bürgermeisterin Ana Botella sind die tödlichen Vorfälle nun zum Politskandal geworden. Die Ehefrau des ehemaligen Ministerpräsidenten José María Aznar ist schwer angeschlagen. Das Mitglied der PP-Führung hat zwar die Flucht nach vorne angetreten. Sie hatte nach den Vorgängen erklärt, für derlei Feste würden keine öffentlichen Einrichtungen mehr zur Verfügung gestellt, solange sie Bürgermeisterin ist. Doch das entbindet sie nicht von ihrer Verantwortung.

Dass Madrid Arena keine Betriebsgenehmigung hat, stellte die Generaldirektion der Polizei schon bei einer Prüfung 2006 vor einem geplanten Basketball-Spiel fest. Die Lizenz konnte den prüfenden Polizisten nicht vorgelegt werden, weil "Madrid Arena keine Betriebsgenehmigung hat" heißt es in fettgedruckten und unterstrichenen Zeilen im damaligen Bericht, der Telepolis vorliegt. Botella und ihre Untergebenen können sich nicht damit herausreden, die Mängel nicht gekannt zu haben. Es war Pedro Calvo, heute Verantwortlicher für Ökonomie der Madrider Stadtregierung, der 2009 einen Antrag auf eine Lizenz stellte. Calvo war und ist Präsident von "Madrid Espacios y Congresos" (MEyC) die für die Stadt auch diesen Saal verwaltet.

Polizeidok 2006.jpg

Der Antrag sei aufgegeben worden, schreibt die große Tageszeitung El País am Montag, weil die Baubehörde "sehr schwere Mängel" festgestellt habe, welche die Sicherheit beeinträchtigen und damit einer Genehmigung entgegenstanden. Auch damals wurden Mängel angeführt, dass die Tunnel, die als Ein- und Ausgänge dienten, unzureichend waren. In einem der Tunnel starben schon am vergangenen Donnerstag die drei jungen Frauen an Herz‑ und Atemstillstand, als sie in einer panischen Menschenmasse eingezwängt wurden. Trotz Sicherheitsmängel und fehlender Lizenz gab es bis zu den tödlichen Vorkommnissen weiter Veranstaltungen in der Halle.

Der Skandal wird nicht nur gefährlich für die Bürgermeisterin Botella. Über Calvo trifft er auch den Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón. Er war Bürgermeister und direkter Vorgesetzter von Calvo, als der die Lizenz beantragte und die Mängel festgestellt wurden. Botella hat zudem noch als Problem, dass ihr Vizebürgermeister sich nach den Vorfällen sofort an die Seite des Veranstalters stellte. Miguel Ángel Villanueva erklärte, alle gesetzlichen Vorschriften seien eingehalten worden. Allein die Tatsache, dass Minderjährige unter den Opfern waren, beweist das Gegenteil. Sie hätten niemals eingelassen werden dürfen.

Er behauptete auch, dass vom Veranstalter weniger als die möglichen 10600 Eintrittskarten verkauft wurden. Längst gibt es [http://www.publico.es/espana/444820/un-trabajador-de-la-fiesta-afirma-que-se-vendieron-20-000-entradas-el-doble-del-aforo ]Aussagen von Mitarbeitern des Veranstalters, dass es deutlich mehr waren. Von der Bühne wurde in der Halloween-Nacht verkündet, dass 15.000 auf der Mega-Party seien. Der Chef der Veranstaltungsfirma José María Flores soll zudem mit Villanueva befreundet sein, was Bilder und Aussagen beweisen. Und Flores ist kein Unbekannter. In seiner Diskothek Alcalá 20 starben bei einem Brand 1982 sogar 82 Personen, weil Sicherheitsvorkehrungen ungenügend waren. Mehrfach wurde die Diskothek wieder geschlossen, nachdem sie ohne Genehmigung wiedereröffnet worden war. Bei seinen Versuchen der Neueröffnung wurde Flores von den damaligen Stadtverordneten Villanueva und Calvo unterstützt.

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