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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Tödlicher Schuss im Berliner Neptunbrunnen: Wer wurde eigentlich gefährdet?

Die Schüsse auf einen sich selbst verletztenden nackten Mann im Berliner Neptunbrunnen lassen Zweifel am deeskalierenden Verhalten der Polizei aufkommen

Es ist, keine Frage, leicht, über das Verhalten der Polizei in Bezug auf den Schusswaffeneinsatz zu fachsimpeln, sofern man selbst nicht vor Ort war und die Situation miterlebte. Daher ist es müßig, dies allein vom Aspekt zu beginnen, dass er doch ins Bein, in den Fuß, in den Arm hätte schießen können, vielmehr ist die Frage, wieso es überhaupt zum Schusswaffeneinsatz kam.

Zunächst das Bekannte: Der 31jährige Manuel F. war einem Passanten aufgefallen. Zuerst hatte sich Manuel F. nur auf eine Bank neben dem Brunnen gesetzt, dann jedoch zog er sich aus, legte sich in den Brunnen und begann, sich mit einem Wellenschliffmesser (Länge 20cm, wie es heißt) selbst zu verletzen – an den Armen und am Hals. Die herbeigerufene Polizei, teils nur in "Sommeruniform", teils jedoch auch mit Schutzwesten ausgestattet, versuchte jedoch nur kurz, Manuel F. zu beruhigen, stattdessen kletterte einer der Polizisten ohne Schutzweste in den Brunnen, die Kollegen sowie die Sanitäter sahen zu.

Bei den Polizisten handelte es sich um solche, die für Krisensituationen ausgebildet sind. Manuel F. watete auf den Polizisten zu, das Messer hielt er in der Hand. Der Polizist wich zurück. Als er gegen den Brunnenrand stößt und nicht mehr weiter zurückweichen kann, zieht er seine Waffe und schießt aus nächster Nähe auf Manuel F. Seine Waffe hatte er bereits früher gezogen und hielt sie auf Manuel F. gerichtet, da er sich von Manuel F., bedroht fühlte. Nun schoss er aus nächster Nähe. Manuel F. taumelte, fiel zurück in den Brunnen, wurde von den Polizisten umringt und tritt um sich, wird jedoch überwältigt zuckte. Sanitäter versuchten, Manuel F. zu reanimieren, doch er starb kurz darauf an dem Lungendurchschuss, den ihm der Polizist zufügte. Die Polizisten versuchten, Handys und Kameras zu konfiszieren, da diese als Beweismittel gelten, dennoch fand ein Video den Weg ins Internet, beispielsweise auf YouTube (Suchbegriff dort: Mann wird in Berlin von der Polizei erschossen (Video beispielsweise von Mac DeJ).

Das Video zeigt, was passiert ist und lässt einige Fragen aufkommen. So ist zu sehen, dass es dem Polizisten durchaus gelang, relativ problemlos den Brunnen zu verlassen, indem er über den Rand kletterte bzw. erst ein Bein, dann das andere über den Rand schwang. Auch ist das Aufgebot der Polizei deutlich zu sehen, acht Polizisten waren insgesamt vor Ort. Es stellt sich die Frage, wieso der Polizist überhaupt selbst in den Brunnen stieg. Sofern er nicht psychologisch ausgebildet ist, wäre es eher sinnvoll gewesen abzuwarten, zwar deeskalierend auf Manuel F. einzureden, jedoch zeitgleich auch Psychologen zu benachrichtigen, wie es bei Suizidkandidaten im Allgemeinen getan wird. Da es heißt, es hätte sich um in Krisensituationen ausgebildete Polizisten gehandelt, wäre insofern die logische Konsequenz gewesen, dass einer der Polizisten beginnt, Verhandlungen mit Manuel F. zu führen und mit ihm in Kontakt zu treten, jedoch auch auf Distanz zu bleiben.

Da der Brunnen durch die acht Polizisten hätte umringt werden können (eine zusätzliche Absperrung hätte Passanten ferngehalten), wäre es möglich gewesen, Manuel F. so nicht in die Enge zu treiben bzw. ihn direkt zu konfrontieren. Es ist anzunehmen, dass ein Mann, der sich nackt in einen öffentlichen Brunnen legt und sich dort Selbstverletzungen zufügt, entweder suizidal, psychisch belastet oder beides ist, weshalb eine direkte Konfrontation, noch dazu durch mit Waffen ausgestatteten Personen, eher eine zweifelhafte Idee ist, um deeskalierend zu wirken.

Wieso dann, wenn schon die Entscheidung getroffen wird, dass einer der Polizisten sich auf eine direkte Konfrontation im Brunnen einlässt, dieser einer der Polizisten ist, die keine Schutzweste tragen, ist ebenso unverständlich. Weil das Messer ja bereits zu sehen war, würde es logisch gewesen sein, sich hinreichend abzusichern und insofern den bestgeschützten Mann auszuwählen. Ebenfalls wäre es möglich gewesen, zu mehreren den Brunnen zu erklimmen und den Mann einzukreisen und zu überwältigen, sofern nicht auf den Psychologen gewartet wird, auf dass dieser dann deeskalierend einwirkt und Manuel F. von weiteren Selbstverletzungen abzuhalten versucht. Da sich Manuel F. im Brunnen befand, der durch die Polizisten hätte abgeriegelt werden können, stellte er für andere keine Gefahr dar – jedes Verlassen des Brunnen hätte ja durch die Polizei vereitelt werden können. Manuel F.s Gefahr ging insofern lediglich gegen ihn selbst aus.

Die Gewerkschaft der Polizei bietet auf ihrer Homepage eine Art "Leitfaden" für Helfer an, die mit einem Suizidalen konfrontiert werden. Darin wird erläutert, wie die verschiedenen Phasen ablaufen und wie wichtig es ist, stets deeskalierend aufzutreten. Auch bieten z.B. Feuerwehren Informationsliteratur an und weisen stets auch auf die Frage der Distanz hin. Es stellt sich also die Frage, wieso für Krisensituationen ausgebildete Polizisten dennoch die direkte Konfrontation suchten, dadurch einen sich in einer Krise befindlichen Mann weiter in die Enge trieben und ihn schließlich erschossen.

Der Polizist, der den tödlichen Schuss abgab, befindet sich in psychologischer Behandlung, der Vorgang wird untersucht.

Hinweis: der rote Text enthält eine Ergänzung bzw. Korrektur nach einem Hinweis im Forum, der durchgestrichene Text enthält den Text vor der Korrektur, der im Artikel verblieb um Konfusion zu vermeiden.

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