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Unerwünschte "barbarische Praktiken"

15.11.2009

Das neue Handbuch für Einwanderer in Kanada enthält einen neuen Passus, der davor warnt, dass Misshandlungen in der Ehe, "Ehrenmorde", "Verstümmelung weiblicher Genitalien" oder andere "geschlechtsspezifische Gewaltakte" schwer bestraft werden.

In dem neuen kanadischen Handbuch für Einwanderer, das vergangene Woche veröffentlicht wurde, findet sich zum ersten Mal eine Formulierung, die als "Warnung" an die neuen Bürger verstanden wird. Unter dem prominent platzierten Punkt "Die Gleichheit von Frauen und Männern" ist zu lesen:

"Kanadas Offenheit und Freizügigkeit erstecken sich nicht auf barbarische kulturelle Praktiken, die Misshandlungen in der Ehe tolerieren, 'Ehrenmorde', 'Verstümmelung weiblicher Genitalien' oder andere geschlechtsspezifische Gewaltakte. Jene, die solcher Verbrechen schuldig sind, werden unter dem kanadischen Strafrecht, hart bestraft."

Das Handbuch Discover Canada: The Rights and Responsibilities of Canadian Citizenship sei das erste seiner Art, das explizit Gewalt im Namen der Familienehre verurteilen würde, kommentierte die kanadische Zeitung National Post.

Zwar sind Ehrenmorde in Kanada angeblich bislang selten, dennoch gab es ein paar Fälle, die für Schlagzeilen und Aufsehen sorgten. Kritiker hätten sich aber laut National Post am Begriff "Ehrenmorde" gerieben, weil er impliziere, dass bestimmte Religionen diese Praxis akzeptieren würden - im Kommentar wird in diesem Zusammenhang auf eine Studie von Ehrenmord-Fälle verwiesen, die "meistens von Muslimen verübt" worden seien; in Nordamerika seien aber auch Fälle beobachtet worden, in die Hindus und Sikhs verwickelt waren. Die Sprecherin der Organisation Muslim Canadian Congress - die im übrigen Gesetze zum Verbot von Gesichtsschleiern ("masks, niqabs and the burka in all public dealings") fordert -, bewertet die Aufnahme des neuen Passus als "längst überfälligen Schritt" gegenüber der kulturellen Praktik: "Wir können das nicht im Namen des Multikulturalismus ignorieren."

Musterland des Multikulturalismus

Kanada gilt als Musterland des Multikulturalismus. Anschaulich zeigt sich das etwa in einer Bayern2-Rundfunkreportage (PDF) über das alljährliche Jazz-Festival in Montreal, in der zahlreiche Stimmen zu Wort kommen, die das gelungene Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen feiern. An erster Stelle natürlich aus dem Stadtrat von Montreal:

"Es gibt mehr als 200 ethnische Gruppen in Montreal. Die Einwanderer stammen heute vor allem aus dem Maghreb. Wir haben aber auch Libanesen, viele Afrikaner und natürlich Asiaten und etwa 185 verschiedene Sprachen. Trotz der vielen verschiedenen Kulturen, leben wir in einem sehr homogenen Milieu, in Harmonie und Frieden, weil wir eine Gesellschaft des Dialogs sind."

Fürsprecher der "Multikultur", hierzulande häufig als wirklichkeitsferne, naive "Gutmenschen-Position" abgetan, finden sich in Kanada nicht nur im Stadtrat von Montreal und unter beglückten Festivalbesuchern. Für Multikulturalismus plädiert auch Charles Taylor, der von seinem deutschen Verlag Suhrkamp als zugehörig zu den "einflußreichsten Vertretern der politischen Philosophie der Gegenwart" gepriesen wird. Taylor ist Verfasser zahlreicher Anhandlungen und Bücher zum Thema Mulitkulturalismus, allen voran "Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung".

In Interviews betont er Unterschiede: "Multikulturalismus" in Deutschland und Frankreich ist etwas völlig anderes als in Großbritannien, Kanada oder den USA. Es ist deshalb fast unmöglich, das Wort im internationalen Vergleich zu gebrauchen. Es führt nur zu Missverständnissen" - , und verweist im besonderen darauf, dass die Idee einer Leitkultur Kanada fremd ist.

Taylor setzt auf Integration. In Kandada habe man weniger Schwierigkeiten, da die Muslime zur Mittelschicht gehören würden: "Wie der Islam dort gelebt wird, ist etwas völlig anderes als in einer Unterschichtsfamilie aus Anatolien. Eine Mittelschichtsfamilie kann sehr religiös sein, aber sie steht allein qua Bildung den westlichen Werten näher." Probleme ließen sich so immer wieder "kreativ lösen". Man habe sich im Sportunterricht auf "eine leichte, lockere Bekleidung geeinigt", damit die Mädchen teilnehmen können.

Taylor plädiert für eine Toleranz mit eindeutigen Grenzen, bestimmte Sachen müssten per Gesetz ausgeschlossen werden: "etwa, wenn es um die Beschneidung von Frauen geht". Und, so Taylor, man müsse vor allem zu Zeiten, in denen die ethnische Mehrheit zu einer Angst vor Überfremdung ("identity fright") tendiert, nicht davor zurückschrecken, das Gespräch mit Minderheiten zu suchen und dabei "grundlegende liberalen Prinzipien" strikt bewahren. Zu achten sei darauf, dass man die anderen, insbesondere Muslime, nicht zu dem mache, was sie nicht sind: "ein homogener Block".

Die Urteilskrankheit, die jedem Menschen bekannte "Freude am Aburteilen", hat schon ein deutscher Schriftsteller vor einem halben Jahrhundert, samt gefährlicher Konsequenzen herausgestellt: Praktisch jeder Mensch sei dem Bedürfnis verfallen, so Elias Canetti in seinem zentralen Werk Masse und Macht, "alle Leute, die er sich vorstellen kann, immer wieder umzugruppieren" - und diesen Prozess letztlich mit Feindschaft zu erfüllen. In der Wurzel dieser Aburteilungen erkennt er eine Neigung zur "feindlichen Meutenbildung".

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