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Nachrichten aus Kultur und Medien

"Verschimmelte Kekse"

16.09.2013

DER SPIEGEL hält in seiner Titelstory eine Hörspielfigur für real

In seiner aktuellen Titelstory über Nichtwähler zitiert das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL die Nichtwähler-Aktivistin "Sonja Schmidt-Peters", die sich verächtlich über politische Parteien äußert. Wählen sei "so etwas wie heilig", wer sich verweigere, gelte als "schlechter Mensch". Parteien seien wie "verschimmeltes Brot oder verschimmelte Kekse". Gewohnheitswähler würden "aus vordergründig ehrenhaften Motiven die Demokratie schädigen". Theaterpädagogin Schmidt-Peters tritt als Mitkuratorin der "Stiftung Moderne 21" auf und wirkt bei der Vergabe von Finanzspritzen mit, um welche die Initiativen "Dudelstopp", "Gewalt-geht-immer", "Wir-sind-wichtig" und "Wahlzusage" konkurrieren. DER SPIEGEL bewertet Schmidt-Peters, die er neben den unvermeidlichen Parteienkritikern Arnulf Baring, David Precht und Gertrud Höhler zitiert, als "arrogant".

Tatsächlich ist "Schmidt-Peters" nicht einmal das. Die "Nichtwähler-Aktivistin", vor deren Hybris DER SPIEGEL warnt, ist in Wirklichkeit eine Inszenierung des Polit-Satirikers Hartmut Lühr, Mitinitiator des vom Spiegel ebenfalls im Artikel genannten Projekts "Wahlabsage". "Pädagogin Sonja Schmidt-Peters" ist die fiktive Protagonistin der von "moderne21" veröffentlichten Politsatire "Staatsnah geht die Moderne stiften", die zwei Wochen zuvor in der Tucholsky-Buchhandlung in Berlin-Mitte als Hörspiel Premiere hatte.

Lühr, der im Gegenteil ein Aktivist FÜR Wahlteilnahme ist und schon 2008 sein ähnliches Stück "Wahlabsage" inszenierte, hatte den SPIEGEL ausdrücklich zu einer Live-Aufführung seiner Hörspiel-Satire "Staatsnah" eingeladen, die als "starkes Plädoyer für die Beteiligung an politischen Wahlen" angekündigt war. Da nicht zuletzt aufgrund des warmen Wetters zur Aufführung praktisch nur die SPIEGEL-Autorin kam, verlegten die Theatermacher die Aufführung an einen gemeinsamen Tisch. Die Schmidt-Peters-Darstellerin, die auch im Artikel als Schauspielerin bezeichnet wird, blieb während des gesamten Gesprächs in ihrer in der Einladung angekündigten satirischen Rolle, hätte diesen Umstand jedoch auf Nachfrage offen gelegt. Man hätte den satirischen Charakter auch im Internet recherchieren können, zumal Lühr ausdrücklich als Satiriker und Hörspielaktivist auftrat. Bei Google findet man für die Suche nach "politische Satire" Lührs Projekt praktisch an erster Stelle. Die SPIEGEL-Autorin hingegen hielt das Improvisationstheater für echt.

Lühr ist von seinem unfreiwilligen PR-Erfolg wenig angetan: „Das Nichtwählerthema ist definitiv zu heikel, um es zum Gegenstand eines recht oberflächlich recherchierten Pamphlets zu machen. Die Medien sollten sich vielmehr fragen, welchen Anteil sie selber an der zunehmenden Politikverdrossenheit tragen.“

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