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Kultur & Medien News
Nachrichten aus Kultur und Medien

Von Hornissenschwärmen geplagt

12.06.2010

Eine Plastikröhre gerät zum Dauerzankapfel bei der WM in Südafrika

Gott sei Dank war ich gestern Nachmittag nicht zu Hause, sondern selbst aktiv auf dem Feld. So musste ich mir wenigstens nicht das Dauergetröte vor dem Bildschirm anhören, das die Südafrikaner bei ihrem Auftaktmatsch gegen die Mexikaner mit ihren Plastikröhren entwickelten. Heute, bei Edeka, gab es gar ein ganzes Sortiment davon in einem Einkaufskorb, der gleich neben der Kasse positioniert war. Für wenige Cent waren sie zu erwerben, rote wie gelbe, zum Zusammenschrauben.

Die Zuschauer, so kann man heute in Foren, Zeitungen oder auch auf Facebook lesen, fühlen sich davon schon so genervt, dass sie den Ton ihres Fernsehers vorsorglich schon mal abdrehen und so auch den Live-Kommentar zum Verstummen bringen. Vielleicht nicht immer die schlechteste Entscheidung. Denn wer gestern Abend die dämlichen Kommentare von Florian König und seines sogenannten Experten "Klinsi" Klinsmann beim Grottenkick der französischen Tricolore gegen die biederen Urus auf RTL gesehen hat, wird diesen Schritt sicherlich nicht bedauern müssen. Soviel Einfalt und Inkompetenz war selten zu hören im deutschen Fernsehen.

Bekanntes Tröten

Wundern über den Trötensound muss man sich allerdings nicht. Wer letztes Jahr einigen Spielen des Confed-Cups am Kap beigewohnt oder Anfang des Jahres beim Afrika-Cup in Angola zugesehen hat, der kennt diesen nervigen Dauerlärm längst und zu Genüge. Schon damals waren Stimmen zu hören, die den Hornissensound der Vuvuzelas, der den der Elefanten imitieren soll, in den Stadien verbieten lassen wollten. Sie unterdrückten, so war zu hören, nicht nur die Stimmung und bestimmte Schlacht- und Fangesänge auf den Rängen, sie verursachten auch einen krankmachenden Lärm von über 120 Dezibel, die sonst Düsenflugzeuge bei ihren Starts oder Landungen entwickeln.

Doch schon damals widersprach die FIFA, der Ausrichter der WM. Sie sah darin einen westlichen oder eurozentrischen Angriff, der kein Verständnis für die Eigenarten und Besonderheiten der südafrikanischen Kultur zeige. Weil man die Südafrikaner aber nicht vor den Kopf stoßen dürfe, sondern die Andersartigkeit ihrer Kultur würdigen müsse, könne man das auch nicht verbieten.

Kein Kulturgut

Das, was natürlich wie so oft gut und politisch korrekt gemeint war, ist in der Sache aber falsch. Musikalität, die man den Afrikanern bisweilen gern unterstellt, besitzt die Vuvuzela beileibe nicht. Und bis vor wenigen Jahren waren die Tröten in Südafrika auch noch gänzlich unbekannt.

Erst seit einigen Jahren kommen sie in den Fußballstadien zum Einsatz. Einerseits, um das eigene Team zu unterstützen und anzufeuern, andererseits aber auch (und mehr noch) um die gegnerischen Mannschaften gezielt einzuschüchtern. Durch das unentwegte Tröten wird nicht nur deren Nervenkostüm auf Dauer mächtig strapaziert - aufgrund der Dauerbeschallung kommt es auch mächtig ins Flattern.

Hinzu kommt, dass die Plastikröhren gar nicht südafrikanischen Ursprungs sind. Sie werden, wie vieles andere auch, in China gefertigt und von dort importiert. Hier also von einer Kultur zu sprechen, die man achten und würdigen müsse, ist schon sehr weit hergeholt, da es eine Tradition hierzu gar nicht gibt.

Unkultur

Bleibt nur zu hoffen, dass diese "Unkultur" nach der WM nicht auch in unseren Stadien Einzug halten wird. Die Kommentare in den einschlägigen Foren machen dazu Mut. Immerhin trauen sich einige Veranstalter ihren Gebrauch beim Public Viewing zu untersagen.

Zwar ist richtig, dass einfältige Fangesänge, die vom Dauergetrommel untermalt werden, den Besuch eines Fußballspiels ab und an zur Qual machen. Doch werden diese zuweilen von denen der gegnerischen Fans übertönt, sodass Abwechslung, Richtungswechsel und unterschiedliche Lautstärken in den Stadien entstehen, die dann die Stimmung heben und anheizen. Durch das permanente Dauertröten wird all das aber abgeschafft und im Keim erstickt, weil nichts mehr die Dauerbeschallung übertönen kann und wird. Jeder Torjubel oder jedes Geraune über eine gelungene Aktion, einen Pass, einen Torschuss oder ein Kabinettstückchen auf dem Feld geht im Trötensound der Plastikröhren unter.

Stimmung und Atmosphäre entstehen dadurch jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Sie würden zerstört und der Stadienbesuch zur Folter.

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