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Twister schreibt

Von Nazikatzen und Tierhalterproblemen

Hitlerkatzen sind ja für Internetfreunde keine Neuigkeit mehr, doch „Nazikatzen“ sind eher unbekannt bisher.

Hitlerkatzen sind ja für Internetfreunde keine Neuigkeit mehr, doch „Nazikatzen“ sind eher unbekannt bisher. Wer sich also Fuhrs Woche durchliest, der wird bei der Überschrift stutzen.

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Das BKA ermittelt gegen den Nazikatzen-Untergrund

heißt es dort und was sich so lächerlich anhört, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Am Beispiel der zwei Katzen, die Beate Zschäpe gehören, wird nämlich deutlich, welche Probleme sich durch eine Untersuchungshaft für jemanden noch „nebenher“ ergeben, egal ob am Schluss eine Schuld festgestellt wird oder nicht. Die tagtäglichen Kosten laufen für den Häftling natürlich weiter, weshalb auf Grund ggf. fehlender Einnahmen etliche Schulden entstehen können. Ist der Häftling Tierhalter, ergibt sich eine weitere Problematik: gibt es weder Verwandte noch Bekannte, die die Tiere die Gesamtzeit über bei sich aufnehmen, so werden diese früher oder später im örtlichen Tierheim ihr Zuhause finden, welches für eine vorübergehende Aufnahme eine Aufwandserstattung verlangt. Im Fall des Tierheimes in Vielau betragen diese Kosten ca. 12 Euro täglich für beide Tiere (Tierarztkosten und Medikamente nicht eingerechnet). Diese Kosten sind vom Häftling selbst zu tragen – ist er dazu nicht bereit, so muss er die Tiere entweder anderweitig unterbringen oder aber einer Vermittlung zustimmen.

Problematisch wird es, wenn die Tiere jedoch nicht vom Eigentümer selbst sondern durch eine Behörde beim Tierheim abgegeben werden. Ein solcher Fall ergab sich im Fall der Katzen der Frau Zschäpe. Das Tierheim, das von der zuständigen Polizei zwei Katzen zur Verwahrung bekam, wusste anfangs lediglich, dass nach einem Wohnungsbrand der Eigentümer nicht in der Lage war, sich um die Katzen zu kümmern. Erst nach und nach erfuhren die Mitarbeiter, welch prominenten Tierzuwachs sie da erhalten hatten. Da nicht Frau Zschäpe selbst die Verwahrung initiierte, wäre es an der zuständigen Polizei gewesen, die Kosten vorübergehend zu übernehmen und sich diese von Frau Zschäpe, sofern möglich, zurückzuholen. Zunächst war die Polizeidirektion Südwestsachsen auch dazu bereit, die Kosten zu übernehmen, doch nachdem das BKA den Fall übernahm, sah sie das BKA auch in der Pflicht, sich um die Kosten für das Tierheim zu kümmern. Das BKA sah das anders und lehnte die Kostenübernahme ab, was mittlerweile zu offenstehenden Posten in Höhe von über 1000 Euro führte. Laut Auskunft des BKA hat sich mittlerweile die Stadt Zwickau bereit erklärt, die Kosten zu übernehmen, dem Tierheim war dies bisher nicht bekannt.

Hier habt ihr wieder ein paar Tiere…

Für das //www.tierheim-vielau.de/ ergibt sich nicht nur durch die Zschäpe-Katzen ein belastender Zustand. Die zuständige Mitarbeitern sah in diesem Verhalten keinen Einzelfall, sondern eine Art System, in dem der Staat seine Aufgabe auf die (privat geführten) Tierheime abwälzt und die Tierheime dann auf den Kosten sitzenlässt. Längst sind eine Vielzahl der aufgenommenen Tiere nicht mehr nur Abgabetiere, bei denen der Eigentümer sich selbst entscheidet, das Tier ins Tierheim zu geben, sondern vielmehr Fundtiere bzw. Tiere, die beschlagnahmt und dann beim Tierheim abgegeben werden. Doch die Kosten, die das Tierheim durch diese Tiere hat, wollen oft nicht übernommen werden – und die Anzahl der Tiere steigt. Immerhin über 500 Katzen sind im letzten Jahr im Tierheim aufgenommen worden, dazu kommen Hunde, diverse Kleintiere wie Meerschweinchen, Kaninchen, Vögel… Für Tierschutzverbände und private Tierfreund ist es oft nicht einsehbar, dass Tierheime es ablehnen, Tiere aufzunehmen. Das Wort „Aufnahmestopp“ klingt nach Gefühlskälte, nach eiskalter Bürokratie, nach fehlender Empathie. Doch Tierheime müssen letztendlich auch im Blick behalten, wie viel sie schultern können. Die Personalkosten sind hoch, denn der Mythos, dass in den Tierheimen nur Ehrenamtliche Arbeiten, ist von der Wirklichkeit weit entfernt. Die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter übernehmen eher einfache Arbeiten wie das Ausführen von Hunden usw, für die Mehrzahl der Tätigkeiten sind jedoch professionell augebildete und dementsprechend entlohnte Mitarbeiter notwendig, die sonstigen Kosten für Miete/Pacht, Strom, Wasser, Heizung, Büroräume, Nahrung und Unterbringung sind ebenfalls resourcenintensiv. Das bedeutet, dass Tierheime zunehmend schlichtweg „Nein“ sagen müssen da sie ansonsten Tiere nur noch aufnehmen, nicht jedoch auch auch dem Tierschutzgesetz entsprechend behandeln könnten. Werden diese Kosten durch die steigende Anzahl von „Animal Hoarding“-Fällen gesteigert, ohne dass durch die entsprechenden Behörden auch eine Kostendeckung erfolgt, geraten die involvierten Tierheime in finanzielle Schieflage.

Vielen Tierheimen ist dies nicht einmal bewusst, sie gehen davon aus, dass von Behörden abgegebene Tiere „nun halt da sind“ und insofern die Behörde auch keinerlei finanzielle Verpflichtungen eingeht. Insofern war das Verhalten des BKA hier ein typisches Verhalten.

Speichelproben für die Katz

Was allerdings eher seltsam anmutet ist die Tatsache, dass das BKA zwar das Tierheim aufsuchte, jedoch nicht um die Kostenfrage zu klären, sondern um die beiden Katzen zu fotografieren und von ihnen Speichelproben bzw. Haarproben zu nehmen. Das BKA selbst wollte sich zu diesen kriminaltaktischen Maßnahmen im Zuge eines laufenden Ermittlungsverfahrens nicht äußern, die Speichelprobenentnahme sowie die Fotos wurden jedoch vom Tierheim bestätigt.

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