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Nachrichten aus der Wissenschaft

Wann man einem Computer mehr vertraut als einem Menschen

20.03.2014

Nach einem Experiment zieht eine Mehrheit den Computer bei riskanten Entscheidungen vor

Vertrauen ist ein wesentlicher Faktor, der eine Gesellschaft zusammenhält. Das trifft auch für den Finanzsektor und für ganz gewöhnliche Geschäftsbeziehungen zu. Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn und amerikanische Kollegen haben in einem Experiment untersucht, wie sich die Versuchspersonen unter der Bedingung der Unsicherheit verhalten, wobei die Gehirnaktivität mit fMRI gemessen wurde. Die Studie ist in den Proceedings of the Royal Society B erschienen.

Die Wissenschaftler unterschieden "riskante" Entscheidungen, wenn die Unsicherheit in der unpersönlichen Situation begründet liegt, und "vertrauensvolle" Entscheidungen, wenn die Unsicherheit von Entscheidungen anderer Menschen abhängt. Andere Menschen können einen betrügen, was das Vertrauen erschweren kann, entscheidet man sich gegenüber den gewissermaßen objektiven Bedingungen einer Situation falsch oder geht es anders aus, als man erhofft hat, hat man eher Pech gehabt. Der menschliche Gegenspieler kann "böse" sein, eine unpersönliche Entwicklung ist einfach so (wenn man nicht religiös ist und etwa ein Bestrafung Gottes sieht).

Die Wissenschaftler gingen jedenfalls davon aus, dass es ein Betrugsvermeidungsverhalten bei Menschen gibt. Diese "Betrugsaversion" verdanke sich dem Versuch, Enttäuschungen zu vermeiden, wenn man betrogen worden ist. In einem Experiment spielten die Versuchspersonen mit einer anderen Versuchsperson (vertrauensvolle Entscheidung) oder mit dem Computer (riskante Entscheidung). Dabei ging es um einfache finanzielle Entscheidung. Die Versuchspersonen mussten entscheiden, ob sie und der Mitspieler jeweils einen Euro erhalten oder ob sie 6 Euro aufteilen wollen. Dabei bestand das Risiko, dass der Mitspieler den Großteil des Betrags einstreicht und man selbst vielleicht nur ein paar Cent erhält, also weniger als der sichere Euro.

In einem zweiten Schritt sollten die Versuchspersonen dann entscheiden, ob sie die Aufteilung des Geldbetrags lieber dem Mitspieler oder dem Computer überlassen wollen. Den Versuchspersonen wurde vorher gesagt, dass der Computer dieselbe Aufteilung trifft wie der Mitspieler, es wäre also egal gewesen, wer die Aufteilung macht. Überraschenderweise überließen die Versuchspersonen die Aufteilung lieber dem Computer, weil das offenbar erträglicher war, als von einem Mitmenschen womöglich ausgetrickst zu werden: "Wenn der Rechner die Geldaufteilung durchführte, vertrauten ihm 63 Prozent der Probanden, lediglich 37 Prozent nahmen lieber nur den einen Euro", so die Meldung der Universität Bonn. "War aber festgelegt, dass der menschliche Mitspieler die Wahl selbst treffen würde, schenkten ihm nur 49 Prozent der Testpersonen ihr Vertrauen – 51 Prozent nahmen lieber den sicheren kleinen Geldbetrag." Vermutlich, so die Deutung, sei es emotional weniger belastend, "wenn ein Vertrauensbruch durch einen unpersönlichen Computer erfolgt als durch einen persönlichen Geschäftspartner".

Am Magnetresonanztomographen: Prof. Dr. Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn. Bild: Uni Bonn

Bei der Entscheidung war die "vordere Inselregion" (anterior insula) nach dem fMRI-Scan besonders aktiv: "Diese Gehirnstruktur ist immer dann gefragt, wenn negative Emotionen wie Schmerz, Enttäuschung oder Angst angesprochen werden", erklärt Prof. Weber. Sachlich oder nüchtern wird also nicht entschieden, was auch der Grund dafür sein mag, bei gleichem Ergebnis die unpersönliche Computerentscheidung erträglicher zu finden.

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