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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Was von den "vorweihnachtlichen Massenkündigungen bei Amazon" übrigblieb

Amazon kündigt seinen befristet beschäftigten Mitarbeitern einen Tag vor Weihnachten. Grund genug, das Negativimage des Händlers weiter als gerechtfertigt anzusehen. Aber was steckt dahinter?

Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit, der Nächstenliebe, der Mildtätigkeit. Es verwundert daher wenig, wenn vorweihnachtliche Entlassungen stärker wahrgenommen und auch stärker bewertet werden als zu anderen Zeiten. Wenn der Onlinehändler Amazon einen Tag vor Weihnachten also seinen befristet Beschäftigten im Werk Brieselang kündigt, dann sorgt dies für starke Betroffenheit und die Empörung und Wut ist dementsprechend groß.

Die Kritik kam von der Gewerkschaft ver.di und wurde durch eine entsprechende Pressemitteilung ver.dis in die Öffentlichkeit getragen.

Wen feuert Amazon und warum?

"Amazon feuert befristet Beschäftigte unmittelbar vor Weihnachten - ver.di kritisiert Wildwest-Kultur des Versandhändlers", lautete die Überschrift, die schon durch das Wort "feuern" dafür sorgte, dass diejenigen, die die Pressemitteilung lasen oder in den Medien davon erfuhren, emotional angesprochen wurden.

"Amazon hatte am gestrigen Montag etliche befristet Beschäftigte in Brieselang einbestellt, ihnen die Kündigung ausgesprochen und das sofortige Verlassen des Betriebsgeländes verlangt", schrieb ver.di weiter und so entstand schnell die Vermutung, Amazon hätte hier völlig abrupt und unvermutet Menschen auch noch so kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt. Ver.di unterstrich diese Ansicht auch noch dadurch, dass im weiteren Pressetext davon die Rede war, die Beschäftigten wären "Knall auf Fall" gekündigt worden.

Während einige Medien auch Amazon zu Wort kommen ließen, fehlte eine Stellungnahme Amazons oft, so dass ver.dis Ansicht unkommentiert in den Medien wiedergegeben wurde. Jedoch war selbst die kurze Stellungnahme der Pressestelle Amazons schon aussagekräftig, da sie auf eine Problematik hinwies, die auch ver.di durchaus erkennt, jedoch in seinem Sinne interpretiert.

Dreh- und Angelpunkt der Pressemitteilung waren Begrifflichkeiten wie "feuern", "kündigen", "Knall auf Fall vor die Tür setzen". Diese werden gemeinhin mit einer (unvermuteten) Beendigung eines Beschäftigungsverhältnisses in Verbindung gebracht, welche jedoch nicht mit einem Fristablauf eines nur befristet geschlossenen Beschäftigungsvertrages gleichzusetzen ist. Amazons Pressestelle aber teilte auf Anfrage mit (bzw. wurde auch in entsprechenden Pressemeldungen so zitiert), dass es keine Kündigungen gegeben hätte, sondern hier lediglich Fristverträge ausliefen und nicht verlängert bzw. durch unbefristete Verträge ersetzt wurden.

(Zu viele) Saisonkräfte

Auch wenn viele Leser geneigt waren, Amazon nur wenig zu glauben, so ergibt die Annahme, es hätte sich um Saisonkräfte gehandelt, Sinn, bedenkt man, dass vor wenigen Wochen bereits die Meldung, dass Amazon ca. 14.000 Saisonkräfte für das Weihnachtsgeschäft sucht, in den Medien zu finden war. Als Resonanz auf die Negativberichterstattung über die Zeit- und Leiharbeitskräfte hatte Amazon sich dazu entschlossen, diesmal auf derartige Arbeitsverhältnisse zu verzichten und stattdessen die Beschäftigten selbst einzustellen, als Saisonkräfte bis Ende Dezember 2013.

In dem vorliegenden Vertrag wurde den Arbeitskräften nicht nur von Anfang an mitgeteilt, dass sie lediglich bis zum 31.12.2013 als Beschäftigte eingestellt werden, vielmehr wurde auch ergänzt, wie es hinsichtlich der etwaigen Überstunden bzw. der Urlaubsansprüche bei Amazon geregelt werden würde. So regelte der Arbeitsvertrag, dass die Mehrarbeit nur in Sonderfällen extra vergütet werden würde (wenn durch Beendigung des Arbeitsverhältnisses ein entsprechender Freizeitausgleich nicht mehr möglich ist), an erster Stelle stand der Ausgleich der mehr geleisteten Arbeitsstunden durch entsprechende Freizeit.

(3)Der Mitarbeiter ist verpflichtet, soweit erforderlich, Mehrarbeit (einschließlich Sonn- und Feiertagsarbeit) zu leisten. Etwa geleistete Mehrarbeit wird dem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben und durch Freistellung von der Arbeit ausgeglichen. Können die Mehrarbeitsstunden wegen der Beendigung des Angestelltenverhältnisses nicht durch Freistellung ausgeglichen werden, werden diese auf Basis des rechnerischen Stundensatz gem. §4(1)vergütet"

Verständlicherweise machten sich viele Beschäftigte Hoffnungen auf einen Anschlussvertrag, rein rechtlich gesehen wurde hier jedoch letzten Endes ein befristeter Vertrag geschlossen, der zum 31.12.2013 auslief. Durch die vorgenannte Mehrarbeitsstundenregelungen bzw. den Freizeitausgleich sowie noch etwaige Urlaubsansprüche ergab es sich somit, dass die Beschäftigten bereits am 23.12.2013 die Mitteilung erhielten, dass ihr Beschäftigungsverhältnis nunmehr beendet sei, ferner wurde ihnen noch ein Schreiben Amazons übergeben, in dem die Firma sich für die gute Arbeit bedankt und für 2014 alles Gute wünscht. Im Anschluss daran wurden die Beschäftigten gebeten, das Werksgelände zu verlassen, was aus Sicherheits- bzw. Haftungsgründen notwendig ist. In einigen Foren gaben Kommentierende an, bei Amazon beschäftigt gewesen zu sein und die Verabschiedung eher als freundlich empfunden zu haben, auch sei der Tag bei Kaffee und Kuchen ausgeklungen.

In dem Austrittsschreiben, dass Amazon jenen aushändigte, die keine weiteren Beschäftigungsverträge erhielten, wurde auf die Tatsache verwiesen, dass hiermit eine Freistellung im Sinne des Arbeitsvertrages erfolgte, welche mit einer Fortzahlung der Bezüge bis zum Fristende verbunden ist.

"Kündigung" ist doch nicht im rechtlichen Sinne zu verstehen

Im Gespräch mit ver.dis Pressesprecher, Christoph Schmitz, konnte verifiziert werden, dass auch ver.di sich der Tatsache bewusst war, dass hier keine Kündigungen im rechtlichen Sinne ausgesprochen worden waren, sondern vielmehr Fristverträge ausliefen. Herr Schmitz teilte jedoch mit, dass zwar keine Kündigung im rechtlichen Sinne gemeint war, vielmehr jedoch im allgemeinen Sprachgebrauch auch dann von Kündigung die Rede sei, wenn ein Arbeitsverhältnis z.B. durch Fristablauf endet bzw. durch Ansage des Arbeitsgebers beendet wird. Eine solche deutliche Ansage ist oft von Unternehmen praktiziert worden, um zu vermeiden, dass es ohne diese eindeutige Formulierung des Vertragsendes durch Ungereimtheiten und/oder Missverständnisse zu einer ungewollten Weiterbeschäftigung der Beschäftigten kommt.

Herr Schmitz teilte weiterhin mit, dass ver.di insbesondere auch die Dimensionen rüge, in denen Amazon Saisonkräfte einstellt – so wären beispielsweise in Brieselang 1.000 Personen fest beschäftigt, während immerhin 600 Saisonkräfte im Weihnachtsgeschäft eingesetzt wurden. Ver.di, so Herr Schmitz weiter, würde die allgemeine Tendenz zu befristeten Verträgen rügen und daher auch die Anstellung von "Saisonkräften", wobei er erneut auch auf die Dimensionen hinwies. Auch den Begriff "Saisonkräfte" hielt er eher für verniedlichend, da hiermit ja auch wieder gemeint sei, dass lediglich befristete Arbeitsverträge geschlossen werden würden.

Ferner sei ver.di ja durchaus parteiisch und würde daher in den Pressemitteilungen nicht neutral formulieren. Auf die Frage, inwiefern hier durch die Begrifflichkeiten "Knall auf Fall", "feuern", "Kündigung" nicht auch Emotionen geschürt würden bzw. suggeriert würde, hier würden Beschäftigte völlig unvermutet vor dem Ende ihrer Beschäftigung stehen, wies er erneut auf ver.dis Parteilichkeit hin und ergänzte, dass sich viele der Beschäftigten sicherlich bei Amazon hätten zu Höchstleistungen antreiben lassen, um so ggf. einen neuen Vertrag bzw. eine Vertragsverlängerung zu erhalten. Eine Hoffnung auf solche Möglichkeiten sei bei befristet Beschäftigten ja stets vorhanden

Tatsächlich hat Amazon laut eigener Aussage von den 14.000 Saisonkräften rund 1.400 Kräfte übernommen, davon einen Teil in unbefristete Positionen, den Großteil mindestens bis zum 31.12.2014.

Zur Frage des sofortigen Verlassens des Werksgeländes gab Herr Schmitz an, dass einige (er nannte keine Zahlen) sicherlich noch 1-2 Stunden auf dem Werksgelände sich aufhielten, der Großteil jedoch sofort ging bzw. gehen sollte. Herr Schmitz wies weiterhin auf die generelle Kritik an Amazons Personalpolitik hin.

Allgemeine und konkrete Kritik

Ver.di hat insofern die allgemeine Kritik an Amazon mit einem konkreten Aspekt verknüpft, wobei das Wort "Kündigung" letztendlich von den verschiedensten Seiten auch verschieden interpretiert wurde und wird. Während die einen meinen, dass auch das Auslaufen eines Fristvertrages bzw. eine vorzeitige Freistellung einer Kündigung gleichkommt, sehen andere es als wichtig an, dass hier eben nicht alles, was irgendwie mit Beeendigung eines Arbeitsverhältnisses zu tun hat, mit dem Begriff "Kündigung" zu verknüpfen sei. Eine Ansicht, der sich auch Christine Höger von Amazon (Public Relations Abteilung) anschließt, wenn sie auf Anfrage hinsichtlich der Kündigungen mitteilt:

"Dies ist falsch. Amazon hat für die Weihnachtssaison 2013 in Deutschland rund 14.000 saisonale Mitarbeiter eingestellt, mit bis Ende Dezember befristeten Verträgen. Jeder der saisonalen Mitarbeiter war darüber informiert, dass sein befristeter Vertrag zum Ende Dezember endet.

Wir freuen uns aber, dass wir einigen Mitarbeitern, die uns in der Weihnachtssaison unterstützt haben, im nächsten Jahr einen neuen Vertrag bieten können. "

Letztendlich hat also ver.di die Fristverträge bzw. die Anstellung von Saisonkräften per se gerügt und dies daran festgemacht, dass einen Tag vor Weihnachten die Saisonkräfte zu einem großen Teil wegen der noch vorhandenen Überstunden und Urlaubsansprüche freigestellt wurden. Ein Prozedere, das andere nicht zuletzt wegen der dadurch entstehenden Freizeit in der Zeit vom 24.12.2013 bis 31.12.2013 durchaus auch als positiv bewerteten.

Es bleibt insofern die generelle Kritik an Amazon bestehen, doch bei vielen wirkte die Art und Weise, wie ver.di (insbesondere auch in einer Zeit, in der bei den Redaktionen ggf. damit zu rechnen sei, dass Pressemitteilungen auf Grund der geringen Besetzung der Redaktion sozusagen "durchrutschen") hier den Begriff "Kündigung" verwandte, irritierend.

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