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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Wenig Gefahr aus der Ukraine für die Finanzmärkte

28.02.2014

Die europäischen Banken haben sich bereits weitgehend aus der Ukraine zurückgezogen und ihre Engagements großteils abgeschrieben.

Die ökonomische Situation der Ukraine ist bekanntlich dramatisch. So übersteigen die Einfuhren der Ukraine seit Jahren die Ausfuhren in einer Größenordnung von fünf Milliarden Dollar, die alljährlich auf den internationalen Finanzmärkten aufgetrieben werden müssen. Mit der eskalierenden politischen Situation gab der handelsgewichtete Wechselkurs dann auch um mehr als zehn Prozent nach, während die Devisenreserven in den freien Fall übergingen und laut Notenbank allein seit 1. Februar um 2,8 Milliarden auf 15 Milliarden Dollar abfielen.

Da der Devisenabfluss insbesondere daher rührt, dass ukrainische Vermögensbesitzer ihre Bankguthaben beheben (30 Milliarden Hrywnia, bzw. sieben Prozent der Spareinlagen allein in der vergangenen Woche) und in Devisen konvertieren, beweist das also immerhin, dass in diesem bettelarmen Land wenigstens einige noch über Finanzmittel verfügen.

Hingegen scheinen die internationalen Finanzmärkte längst eine voll ausgeprägte Zahlungsbilanzkrise in Bankaktiva und Vermögenspreise "eingepreist" zu haben, so dass sich die Auswirkungen der Krise auf die europäischen Märkte aktuell noch in engen Grenzen halten. Zudem ist laut einer Analyse von Raiffeisen Research der Anteil der Ukraine am Osteuropa-Exposures der westeuropäischen Banken von 2008 bis 2013 von rund 3 Prozent auf unter 2 Prozent abgefallen und deren Marktanteil von 40 Prozent auf 17 Prozent gesunken. Während unter den westeuropäischen Ländern Banken aus Österreich, Italien und Frankreich, aber auch aus Deutschland und Griechenland am stärksten in der Ukraine engagiert sind, halten die privaten ukrainischen Banken mittlerweile 54 Prozent, die staatlichen Institute 18 Prozent und die russischen Banken allein 12 Prozent Anteile am Finanzsektor.

Gegenüber 2008/09 hätten sich die westeuropäischen Banken zudem deutlich entschuldet und auf weniger riskante Geschäftsmodelle gesetzt, was im restlichen Osteuropa einschließlich Russland nicht zu beobachten gewesen sei. Angesichts von rund einem Drittel an faulen Krediten wurden darauf zudem bereits so hohe Wertberichtigungen vorgenommen, dass etliche Banken zuletzt bereits wieder Zuschreibungen vornehmen konnten.

Dennoch warnt die Ratingagentur Moody's angesichts der zunehmende Gefahr eines Staatsbankrotts der Ukraine bereits vor negativen Folgen für die Kreditwürdigkeit der österreichischen Raiffeisen Bank International (RBI) und der Unicredit-Tochter Bank Austria, während sich der dritte große CEE-Investor aus Österreich, die Erste Bank, offenbar rechtzeitig letztes Jahr aus der Ukraine verabschiedet hatte.

Einen Verkauf plant auch die RBI, bei der die Aval mit 800 Filialen und 13.000 Mitarbeitern mit 820 Millionen Euro in den Büchern steht. Und der würde wohl recht schwierig, käme es tatsächlich zu einem Schuldenschnitt ("Haircut") bei ukrainischen Staatsanleihen. Dann könnte bei der RBI, die rund 450 Mio. Euro an ukrainischen Staatsanleihen hält, und bei der Bank Austria (220 Mio.) laut Moody's sogar eine Rekapitalisierung erforderlich werden. Allerdings laufen die Anleihen der RBI, deren Tochter Aval die größte Auslandsbank der Ukraine ist, fast ausschließlich auf die lokale Währung und wären damit weniger risikobehaftet. Allerdings hat Aval auch rund 3,6 Mrd. Euro an Krediten vergeben (bei der Bank Austria sind es 2,7 Mrd. Euro), wobei die RBI-Tochter aufgrund reduzierter Wertberichtigungen im Vorjahr aber bereits wieder einen Gewinn von 90 Mio. Euro ausgewiesen hat.

Während der IWF aber einen Bedarf von mindestens 35 Milliarden Dollar befürchtet, um eine Staatspleite abzuwehren, entfallen von den fast 59 Milliarden Dollar an Devisenschulden laut der britischen Barclays Bank 40 Milliarden Dollar auf private Unternehmen, 13 Milliarden Dollar auf Banken und nur 6,5 Milliarden Dollar auf den Staat, was durchaus bewältigbar erscheint.

Das hielten zuletzt anscheinend auch viele Investoren für realistisch, und so legte der Kurs der ukrainischen Dollar-Staatsanleihe mit Fälligkeit im Jahr 2023 am Umsturzwochenende von 85 Prozent auf 90 Prozent zu. Bei rund 70 Prozent der privaten Darlehen in Fremdwährung ist zudem klar, dass der Privatsektor bei einer weiteren Abwertung der Landeswährung weitgehend stranguliert werden dürfte, so dass dann auch kaum noch die Mittel vorhanden sein würden, um Investitionen vorzunehmen, um von der Währungsabwertung zu profitieren .

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