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Nachrichten über die Verbesserung, Erweiterung und Ablösung des Menschen

Wenn der Kratzer am Knie tödliche Folgen haben kann

18.03.2012

WHO warnt vor einer neuen Ära, in der Antiobiotika nicht mehr wirksam sind

Der Medikamentenschrank mit wirkungsvollen Antibiotika wird beängstigend leerer. Die sich rasch ausbreitende Resistenz der Krankheitserreger, die schon längst bei wichtigen Reserveantibiotika („last line of defence“) beobachtet wird, alarmiert die Weltgesundheitsorganisation WHO. Deren Generaldirektorin Margaret Chan warnt vor einer "post-antibiotischen Ära".

Die Konsequenzen daraus malt sie in einfachen, düsteren Bildern: Gewöhnliche Verletzungen, wie ein Kratzer am Knie eines Kindes könnten tödlich ausgehen; Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, spielen mit ihrem Leben; Routineoperationen, die etwa bei einer künstlichen Hüfte nötig sind, würden zu gefährlich; auch Organtransplantationen, Chemotherapie und die Behandlung von Frühgeburten könnten so riskant werden, dass man sie unterlassen werde, so Chan in einer Rede auf einer Kopenhagener Konferenz, die dem Kampf der Resistenzen antimikrobieller Mittel gewidmet war.

Antimicrobial Resistance (AMR) ist demnach zu einer weltweiten Gefahr für die Gesundheit geworden. Bei jedem Antibiotikum, das jemals entwickelt wurde, existiere das Risiko, dass sich eine Resistenz entwickelt – laut Informationen des Independent sterben jährlich 25.000 Personen in der EU an bakteriellen Infektionen, die nicht mehr mit Antibiotika zu bekämpfen waren. Manche Krankheiten könnten wieder unheilbar werden.

Als Gründe für diese Entwicklung nennt Margaret Chan, den allzu leichtfertigen Umgang mit Antibiotika, die als probates Mittel zu schnell verschrieben werden, den Tourismus, der stark zur Verbreitung von Resistenzen beiträgt und die Beigabe von Antibiotika im Tierfutter. Das dänische Modell, wo man dieser Futterbeigabe striktere Grenzen gesetzt hat, zeige, dass es Gegenmaßnahmen gebe. Obendrein, so Chan, weisen Untersuchungen in Dänemark darauf hin, dass dies keineswegs eine Verschlechterung der Gesundheit der Tiere zur Folge hatte und auch die Einkünfte der Bauern litten nicht darunter. Dagegen sank die Antibiotika-Resistenz drastisch nach dem Verbot der Antibiotika-Zusätze im Tierfutter. Chan rühmt in diesem Zusammenhang das Engagement von Verbrauchern:

"There is another lesson here. Never underestimate the importance of consumer groups and civil society in combating antimicrobial resistance. They are important movers, shakers, and front-line players, especially in this age of social media."

Kritisiert wird die Pharmaindustrie, die zu wenig Intitaive zeige, um neue Antibiotika zu entwickeln. Die teure Forschung erscheint angesichts der raschen Resistenzentwicklung als nicht lohnend:

"Why invest considerable sums of money to develop a new antimicrobial when irrational use will accelerate its ineffectiveness before the Research & Development investment can be recouped?"

Dass die Pharmaindustrie nicht ganz unbeteiligt sein könnte an der Verschreibungspraxis der Ärzte, solche Schlüsse überließ Chan den Zuhörern. Wie sie auch das Problem der medizinischen Versorgung in armen Ländern, das ebenfalls zum Problembündel der Antibiotikaresistenzen gehört, ansprach, ohne Zusammenhänge mit dem Preis guter Medikamente und der Politik der Pharmaindustrie laut werden zu lassen.

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