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Science News
Nachrichten aus der Wissenschaft

Wenn die Fachkräfte das Land verlassen...

28.06.2011

Während Wirtschaft und Politik den Fachkräftemangel beklagen, planen viele Hochqualifizierte den Wegzug oder sind schon gegangen

Mit dicken Lettern beklagen Bundesregierung und Industrie, den drohenden oder bereits als gegeben diagnostizierten Fachkräftemangel. Dass es in Zeiten voller Auftragsbücher zu Engpässen kommen kann, ist nicht ungewöhnlich. Kritische Stimmen sehen den Fachkräftemangel allerdings als hausgemacht an. Die Rettung sollen nun Fachkräfte aus dem Ausland bringen, denen man mit vereinfachten Bedingungen die Arbeitsaufnahme in Deutschland schmackhaft machen will.

Dabei wird allerdings unterschlagen, dass es in Deutschland durchaus genug Fachkräfte gibt oder vielmehr gab, denn Hunderttausende gut ausgebildete Deutsche haben in den letzten Jahren das Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten und vielfach auch dauerhaft dort zu bleiben. Dabei ist auffällig, dass die Hauptzielländer allesamt Staaten mit hohen Einwanderungshürden sind. Somit kann man durchaus davon ausgehen, dass die deutschen Abwanderungsverluste in diese Staaten überwiegend von hochqualifizierten Fachkräften verursacht werden.

Doch nicht nur die bereits ausgelernten, auch die zukünftigen Fachkräfte, wollen vielfach Deutschland den Rücken kehren. Eine aktuelle Studie des Reemtsma Begabtenförderungswerkes, die unter 2.968 Studenten durchgeführt wurde, zeigt auf, dass gerade die besten Studenten ihre Zukunft oft im Ausland sehen. 64% aller Studenten ziehen eine Tätigkeit im Ausland in Betracht. Gut 20% sind fest entschlossen, Deutschland nach ihrem Studium zu verlassen. Als Gründe werden häufig günstigere Karrieremöglichkeiten (40%) und besserer Verdienst (39%) angegeben. Dabei ist auffällig, dass gerade die Höchstqualifizierten gehen wollen. Von den angehenden Doktoranden sind es 22% und bei den Stipendiaten sogar 25%. Weitere 50-54% dieser Gruppe geben an, dass ein Wegzug ins Ausland für sie ebenfalls in Frage kommen könnte.

Alleine 17.000 deutsche Ärzte arbeiten nach Auskunft des Kassenärztlichen Bundesverbandes und der Bundesärztekammer 2010 bereits im Ausland, zu einer Zeit, wo der ländliche Raum bereits erhebliche Lücken in der ärztlichen Versorgung beklagt. Das sind immerhin 5.000 mehr als noch im Jahr 2005. Dabei ist es nicht der ländliche Raum, der unattraktiv scheint, denn nicht gerade selten nehmen auswandernde deutsche Ärzte und Krankenschwestern Jobs im dünn besiedelten Norden Norwegens oder Schwedens an.

Da bis zu 76% der Studenten mit Migrationshintergrund nach ihrem Studium Deutschland ebenfalls verlassen wollen oder dies zumindest in Betracht ziehen (bei den Deutschen sind es 60%), scheint es fraglich, ob die Anwerbeversuche von Bundesregierung und Industrie für ausländische Fachkräfte hier nicht ins Leere greifen. Deutschland scheint aktuell extrem unattraktiv für Fachkräfte zu sein. Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes zum 1. Mai 2011 brachte auch keinen Massenansturm, wie zunächst von einigen Seiten befürchtet oder herbei gesehnt wurde. Ob es am Lohnniveau, den fehlenden Karrieremöglichkeiten oder den allgemeinen Anstellungs- und Lebensbedingungen liegt, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Abstimmung darüber läuft aber bereits. Und zwar mit jedem Hochqualifizierten, der das Land verlässt, während die Wirtschaft noch immer den Fachkräftemangel beweint und sehnsüchtig auf das Ausland schielt, ob sich nicht doch irgendwann einmal die benötigten Arbeitnehmer auf den Weg zu ihnen machen.

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