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Wer hat Angst vor Donald Trump?

27.03.2016

Der Albtraumträger: Die Deutschen lieben ihre eigene Angst. Gerade fürchten sie Donald Trump. Dabei hätten sie dazu womöglich gar keinen Grund

Vor acht Jahren waren die Deutschen glücklich: Barak Obama hieß der neue Hoffnungsträger. Der erste schwarze Präsident der USA, das musste einfach ein Messias sein. Ein glänzender Redner, versprach er doch mit Silberzunge, dass alles anders werden würde: Guantanamo geschlossen, das Klima gewandelt, der Krieg beendet. Da war er: Der gute charismatische Führer, von dem die Deutschen seit jeher träumen, ein Friedrich Barbarossa mit dunkler Haut.

Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, ist aus den schönen Worten und Hoffnungen so gar nichts geworden: Außer der Gesundheitsreform und der Normalisierung der Beziehungen zu Kuba. Schluss, Aus! Dieser Präsident, der so hochgelobt und gefeiert worden ist, hat ansonsten nichts an realen Verbesserungen gebracht: ein Bluffer und leerer Schönredner.

Jetzt gibt es wieder einen Kandidaten, der alle Phantasien der Deutschen bündelt: Er hat die rosig-weiße Haut des White Trash Amerikas und heißt Donald Trump. Trump, der mit ziemlicher Sicherheit der Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden wird, ist nicht weniger wie Obama zu einem politischen Körper geworden, bloß ist er aus europäischer Sicht der Anti-Hoffnungsträger, der Albtraumträger.

So wie alle bei Obama gewiss waren, dass er das Gute verkörpert, wissen nun alle: Dieser Mann wird, wenn schon nicht den nächsten Weltkrieg entfesseln, so doch uns alle ins Unglück stürzen. Aber diese Annahme ist so falsch, wie die vor acht Jahren. Die in Deutschland derzeit verbreitete reflexhafte Ablehnung Trumps ist verkehrt. Es gibt nämlich gar keinen Grund für die Deutschen, Donald Trump zu fürchten. Dies aus drei zentralen Gründen

In Trump schlägt das Marginalisierte zurück

Zum einen "the human factor". Trump ist ein analoger Politiker. Klar: Es ist anzunehmen, dass Trump seine Versprechungen nicht halten wird. Aber glaubt man ernsthaft, das wäre bei Clinton anders? Hat Obama seine Versprechungen gehalten? Guantanamo ist weiterhin offen, US-Truppen stehen weiterhin in Afghanistan, die Rassenkonflikte sind größer denn je seit den 1960er Jahren, die Gesetzesbrecher aus dem Finanzsektor, die 2008 die Bankenkrise eingeleitet haben, sind weiterhin auf freiem Fuß, die USA liegen am Boden.

Trumps Anhänger wollen keine weiteren vier Jahre dieses Status Quo, wie sie das Establishment beider Parteien verspricht, sie wollen Veränderung um jeden Preis. Sie lehnen das etablierte Politikmodell grundsätzlich ab. Sie tolerieren keine Halbherzigkeiten.

Donald Trump verspricht, den Algorithmen der Globalisierung des Politischen Paroli zu bieten. Er ist menschlich, kein von Marketingstrategen und Politikberatern weichgespültes Produkt, sondern die politischer Körper gewordene Hoffnung der Wähler. Trump verspricht Ehrlichkeit. Die Wähler hassen die Political Correctness von all diesen sauber gestylten Promi-Kandidatenfamilien, den Clintons und den Bushs, vorgeführt zu bekommen. Sie haben es satt, dass jede Kritik an Schwarzen, Muslimen, Mexikanern und Chinesen reflexhaft als rassistisch gebrandmarkt, wird, dass Kritik an Frauen als Machotum grundsätzlich unstatthaft ist, dass man Parteifreunde nicht kritisieren darf und die Medien natürlich auch nicht.

Vor allem: Trump wagt, was sich noch kein Politiker getraut hat. Er greift die Medien wegen ihrer Lügen an. Die Medien sind dumm (pardon: ehrlich) genug, dies auch noch zu berichten. Trump greift auch das Establishment an, allen voran Jeb Bush und Hillary Clinton. All das ist natürlich nur die eine Seite des jeweiligen Themas, aber eben eine bisher öffentlich marginalisierte. In Trump schlägt dieses Marginalisierte nun zurück.

Trump bietet einfache Antworten auf komplizierte Probleme. Das muss kein Fehler sein, und schon gar kein Indiz für politische Erfolglosigkeit. Bei Reagan hat man auch gesagt: Was für ein Vereinfacher! Aber er hat sich als ein durchaus erfolgreicher Präsident erwiesen. Und zudem ist Trump selbstverständlich viel raffinierter, als er tut.

Aber Trump spricht die Emotionen an. Nichts scheint selbstverständlicher, als die Aussage, dass Politik mit Emotionen zusammenhängt. Und doch mögen wir das nicht. Es bedeutet eine narzisstische Kränkung, weil über die Emotionen vermeintlich auch Unvernunft in die Politik einzieht. Trump reduziert die Komplexität der Politik auf einige wenige elementare Positionen.

Er tut damit genau das, was jeder Marketingberater, jeder Werbefachmann raten würde. Nicht obwohl, sondern weil Trump als Stammtischpolitiker, also als "schrecklicher Vereinfacher", auftritt, wirkt er glaubwürdig und authentisch. Es ist ja nicht so, als würde nicht auch Obama gern "dem Islamischen Staat die Scheiße aus dem Leib bomben". Nur sagt er es nicht so, dafür ist er zu fein.

Trump vertritt viele Positionen, die auch die Mehrheit der Deutschen vertritt

Zum zweiten vertritt Trump viele Positionen, die auch die Mehrheit der Deutschen vertritt: Trump ist ganz klar gegen TTIP und andere Handelsabkommen, die Mehrheit der Deutschen ist auch dagegen. Wie die Deutschen ist Trump für Einhegung der Marktkräfte und für Wirtschaftsprotektionismus. In der Finanzkrise von 2008ff. war Trump gegen einen "Bail-Out" des Staates für die Wall-Street. Er sah seinerzeit die Wirtschaftskrise als "Washingtons Schuld" und forderte das Ende eines Systems, in dem die Reichen die Regeln machen. Trump ist für den Mindestlohn und dafür, die auf Steueroasen geparkten Gewinne der Konzerne zurückzuholen.

Trump vertritt ein vergleichsweise gemäßigtes, anti-interventionistisches außenpolitisches Programm: Trump ist das Gegenteil eines Kriegstreibers. Er tritt dafür ein, die Militärausgaben der USA zurückzufahren. Er will Ukraine eben nicht wie die derzeitige Administration in den Westen zwingen, in die NATO oder in die Europäische Union, sondern favorisiert eine neutrale Ukraine-Lösung unter Einbeziehung der Russen.

Auch ansonsten plädiert er für einen Ausgleich mit den Russen. Trump glaubt, dass Putin ein Politiker ist, mit dem man Deals machen kann, ob in der Ukraine oder in Syrien. Viele in Deutschland denken das auch. Trump war in der Vergangenheit immer gegen den Irak-Krieg der USA, und Trump glaubt nicht an die offizielle Version von 9/11. Damit wäre er auch in Deutschland mehrheitsfähig.

Trump ist keine Marionette der Lobbyisten, sondern ökonomisch unabhängig.

Wider die Amerika-Versteher

Zum dritten vertritt Trump viele Positionen, die in der US-Gesellschaft Mehrheitsmeinung sind. Er ist ein repräsentatives, unverblümtes Abbild seines Landes. Darum bedeutet schon das Auftauchen Trumps eine neue Ehrlichkeit. Mit Trump kann man sich über Amerika keine Illusionen mehr machen, mit Trump muss man der Wahrheit Amerikas ins Auge sehen.

Ein Kandidat oder Präsident Trump würde es den Amerika-Verstehern in Deutschland in Zukunft schwerer machen zu behaupten: "Amerika ist ganz anders."

Nein: Amerika ist genau so, jedenfalls auch so, wie Guantanamo, Abu Ghraib, Ferguson und vieles, was man hier auch noch nennen könnte.

Die schöne Maske Obama wird diesem Amerika jetzt heruntergerissen, und es ist gut, dass dahinter jetzt nicht nur "Hillary" zum Vorschein kommt, die dann als "die erste Frau im Weißen Haus" ein weiteres Symbol für unaufhaltsame Progressivität und Liberalität Amerikas sein wird, dafür "dass dort alles möglich ist". Sondern mit Donald Trump wird die hässliche Fratze Amerikas sichtbar.

Das Phantasma der Restauration von Macht und Größe

Warum hat Donald Trump diesen Erfolg? Zuallererst: Er bietet eine gute Show. Er ist der Buffo der amerikanischen Politik. Ein Bariton, der fürs Komische zuständig ist. Trump ist lustig, er kann über sich selber lachen, und spielt in Talkshows auch bei Scherzen über sich selber mit.

Trump hat die politische Marktlücke erkannt und sich positioniert. Die Marktlücke des Klartext-Sprechers, des Selbstbewussten, dessen, der keine Angst hat, des Tabubrechers, des Machers. Trump ist witzig, frech, volksnah.

Zudem entlarvt er das Mediensystem des Politischen: Wer auffällt, über den wird berichtet. Wer lauter ist, als die Anderen, schriller, provokanter, der gewinnt die Aufmerksamkeit. Damit legt Trump die Finger in die Wunde unseres gegenwärtigen, auch unseres deutschen Polit-Betriebs. Es geht nicht mehr wirklich um Inhalte, sondern um die Show.

Trump ist ein Populist und sein Erfolg steht auch für den generellen Boom des politischen Populismus in den Demokratien des Westens. Er steht auch für den Bedeutungsverlust von Wahlen, Verfahren und Positionen - jedenfalls im Ansehen und in der Annahme immer breiterer Wählerschichten.

Die Unterstützung für Trump belegt eine doppelte Angst der amerikanischen Gesellschaft: Die Angst der weißen Männer, die ihre Stellung durch den sozialen Aufstieg der Latinos und Schwarzen bedroht sehen. Teile der weißen Bevölkerung fühlen sich fremd im eigenen Land - und genau das nutzt Trump aus. Und er verkörpert die Angst breiter Gesellschaftskreise vor dem schleichenden Niedergang der amerikanischen Machtposition. Trump verkörpert das Versprechen der Restauration der privilegierten Stellung des weißen Amerika.

Sein Erfolg ist eine Flucht vieler Wähler in das Phantasma der Wiederherstellung von Macht und Größe. Denn unübersehbar sind die USA in den letzten vier Jahrzehnten innenpolitisch und außenpolitisch ein Land im Niedergang. Die alte Zeit der Weltherrschaft ist vorbei.

Donald Trump beantwortet damit die zentrale Frage nach der amerikanischen Identität. Die Menschen der Welt wissen mit Donald Trump was Amerika ist, und sie wissen damit nun zumindest auch, wer und was sie nicht sind.

Wofür steht Trump wirklich?

Donald Trump ist, wie gesagt, ein Populist. Er ist kein Mussolini in Nadelstreifen
Er steht für einen Protest gegen das System als solches, für einen Protest, der seit Jahren in westlichen Ländern gärt, ob er nun Occupy Wall Street heißt oder Tea Party. Beide Gruppen stehen sich näher, als sie selbst und vor allem ihre Gegner in den großen Medienhäusern wahrhaben wollen.

Sie sind Anti-Establishment, sie sind Anti-Wall-Street, sie lehnen einen Staat ab, der Effizienzprobleme hat und den Druck der Gruppe repräsentiert, einen Staat, der in den USA viel bürokratischer, regulierender, aggressiver und paternalistischer ist, als es die ganzen Fans des Kitsches von der großen Freiheit Amerikas zugeben möchten. Trumps Feind steht nicht rechts und nicht links, er steht oben: "corporate America", die Verflechtung von Wirtschaft und Washington.

Um eine Revolution von innen bittend

Vielleicht sollte man sich aus europäischer Sicht sogar einen Präsidenten Trump wünschen? Trumps Wahl wäre zumindest eine heilsame Schock-Therapie. Vielleicht wäre sie eine Revolution?

Es wäre in jedem Fall der Bruch mit der Kontinuität, einer Kontinuität, die von Bush zu Clinton zu Bush zu Obama die USA im letzten Vierteljahrhundert ins Unglück gestürzt hat. Trumps vermutliche Gegenkandidatin Hillary Clinton verkörpert exakt diese Kontinuität - das ist genau der Grund, warum auch viele Anhänger der Demokraten zu ihr auf Distanz gehen.

Clinton repräsentiert nicht nur - wie Trump - neureiche Verantwortungslosigkeit, sie steht für schmutzige Deals, für die enge Nähe zur Wall Street, für außenpolitische Inkompetenz, sozialpolitisches Missmanagement, ökonomische Fehlurteile, für grundsätzliche Unehrlichkeit. Doch die Kommentarkratie der Mainstream-Medien in Deutschland wie den USA hat entschieden, dass sie die Einzige ist, die die Welt noch vor dem bösen Trump retten kann. Mal sehen.

Last not least noch eines: Es ist einfach nicht so wichtig, wer Amerika regiert. In den 1950er Jahren war der US-Präsident noch der "Führer der freien Welt". Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Politik ist komplizierter geworden, aber damit auch unamerikanischer: Amerikanische Verhältnisse sind längst nicht mehr der Maßstab für die hiesige Demokratie. Das ist eine gute Nachricht.

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