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Außer Kontrolle
Twister schreibt

"Where is the code?" oder: Nicht nur davon reden, einfach mal das Gesagte umsetzen

Der britische Arbeitsminister Duncan Smith könnte mit dem Existenzminimum auskommen, aber er will nicht. Das bedauern jene, die seine Worte anzweifeln.

Dem italienischen Softwareentwickler Nicola Salmoria, der hinter dem MAME-Projekt steht, das es ermöglicht, alte Arcadespiele auf dem eigenen PC zu spielen, wird nachgesagt, er habe auf die üblichen "Wouldashouldacoulda"-Kommentare recht kurz reagiert. "Wouldashouldacoulda" bezeichnet im umgangssprachlichen amerikanischen Englisch Äußerungen, die größtenteils darin bestehen, festzustellen, was andere hätten erledigen können, erledigen sollen oder was sie nunmehr erledigen könnten, wobei der Kommentator sich dadurch auszeichnet, selbst nur wenig davon selbst umzusetzen. Signore Salmoria soll, so heißt es, auf solche, meist auch langatmige, Kommentare mit einem "Where is the code?" (Wo ist der Quelltext dafür?) geantwortet haben.

So ähnlich lautet auch die Forderung etlicher Menschen in Großbritannien, die sich vom dortigen Arbeitsminister Duncan Smith brüskiert fühlen. Der Grund für den Unmut liegt darin begründet, dass Herr Smith in einem Radiointerview mitteilte, er könne durchaus auch von dem leben, was jener britische Markthändler monatlich noch zum Leben zur Verfügung hat (also nachdem von seinem Einkommen die gesetzlichen Abzüge heruntergerechnet wurden), der vor ihm interviewt wurde: nämlich bei ca 63 britische Pfund (hier stand vorher Euro, was natürlich falsch ist) wöchentlich ca 270 britische Pfund monatlich (Anmerkung: Hier stand vorher versehentlich: ca 63 Euro monatlich, dies war natürlich falsch und wurde nach Hinweis eines Kommentators korrigiert. - Twister). Der Händler hatte sich darüber beschwert, wie hoch die Steuern wären, ferner kritisierte er, dass die Zuschüsse für seine Miete eingeschränkt worden waren, weshalb er nun trotz seines Vollzeitberufs weniger Einkommen hat als jemand, der als Arbeitsloser auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist (56,25 britische Pfund wöchentlich für Menschen im Alter zwischen 16 und 24, 71 britische Pfund für Menschen über 24 Jahren).

Wenn er müsste, so Duncan Smith, könne er durchaus davon leben. Doch er will nicht, wie sich herausstellt, denn zwar hätte er auch schon einmal mit dem Existenzminimum auskommen müssen, diese Zeiten sind aber dank seines Einkommens in Höhe von monatlich ca. 11.000 britischen Pfund (ca 12.800 Euro) vorbei. Die Onlinepetition, die Dom Aversano initiierte, bezeichnete er denn auch als Farce. Doch Dom Aversano hat letztendlich mit seiner Petition nicht nur mittlerweile 473.057 Unterstützer auf seiner Seite, er hat auch ein gutes Argument, obgleich er natürlich selbst weiß, dass seine Petition mehr der Aufmerksamkeit dient und kaum eine Chance auf Realisierung hat.

Aversanos Petition fordert, dass Duncan Smith für die Dauer eines Jahres auf die Höhe seiner monatlichen Einkommen verzichtet, die wöchentliche 63 britische Pfund übersteigen. Dabei bezieht er sich ausdrücklich auch auf das, wie er es nennt, Mantra der Konservativen "We are in this together" (wir sitzen alle im selben Boot/wir schaffen das gemeinsam). Der Hinweis, man selbst könne das natürlich auch schaffen, wenn man müsse, ist ein beliebtes Instrument der Politik, wenn auf Missstände aufmerksam gemacht wird. Auf diese Weise wird suggeriert, es gebe kein Macht- und Einkommensgefälle, sondern hier stünden sich nicht nur gleich gesinnte, sondern auch gleichgestellte Menschen gegenüber.

Ich bin doch stolz darauf zu arbeiten

Die Argumentation Duncan Smiths erinnert nicht zuletzt auch an jene, die sich in Foren zum Thema Arbeitslosengeld II immer wieder finden lassen: Ich könnte mit ALG II spielend leicht zurechtkommen. Oft wird dieser Kommentar noch dadurch ergänzt, dass der Kommentierende die Tatsache, dass er auch nicht mehr "verdient" (als Lohn oder Gehalt erhält) als ein ALG II-Empfänger, jedoch hierfür wenigstens arbeitet. "Ich möchte es so gut wie ein Hartzie haben", lautet sinngemäß dann des öfteren der abschließende Satz, doch auf die Tatsache angesprochen, dass es die Möglichkeit gäbe, seine Erwerbstätigkeit aufzugeben, um selbst den ALG II-Bezug zu beginnen, folgt meist Schweigen oder aber eine Art Hohelied auf die Erwerbstätigkeit, die dem "Arbeitenden" ja nicht nur ein Auskommen, sondern auch Befriedigung und das Gefühl, gebraucht zu werden und dem "Staat nicht auf der Tasche zu liegen", garantiert. Dabei wird dann klar, dass laut dieser Argumentation der "Hartzie", wie er abwertend genannt wird, es ja in der Ansicht des Kommentierenden gar nicht gut haben kann, da ihm diese Befriedigung fehlt, er insofern eher zu bedauern wäre.

Auch bei Duncan Smith zeigt sich, dass ein "Ich könnte auch, wenn ich nur wollte" letztendlich nur ein Lippenbekenntnis ist, das deutlich auch sagt: "Aber ich will nicht und bin froh darüber, dass ich es nicht muss." Diese Möglichkeit der Wahl haben diejenigen, über die z.B. Duncan Smith sprach, nicht.

Nachtrag: Ich danke nochmals den Hinweisgebern bei den Kommentaren weil ich da etwas verschlimmbessert hatte. Vielen Dank, ich bin froh, dass es so aufmerksame Leser gibt damit ich da zeitnah korrigieren kann.

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