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"Wie kann man da noch überleben?"

21.09.2012

In Griechenland spitzt sich die soziale Krise weiter zu, doch die Troika bleibt erbarmungslos

11,5 Milliarden Euro. Das sind die abstrakten Zahlen. Nackte Ziffern, hinter denen sich die Not versteckt, die Existenzängste von inzwischen rund 1,2 Millionen offiziell registrierten Erwerbslosen (bei einer Bevölkerung von 9,9 Millionen). Menschen, die nach wenigen Monaten ihre Krankenversicherung verlieren, weil sie nicht mehr in die Kassen einzahlen können.

Um 11,5 Milliarden Euro soll der griechische Staatshaushalt noch einmal gekürzt werden, verlangt die Troika aus Internationalem Währungsfond, EU-Kommission und der EZB, deren Vertreter sich derzeit in Athen aufhalten. Genauer gefasst, geht es um alle öffentlichen Ausgaben, nicht nur das Budget der Regierung in Athen. Das Rentenalter soll auf 67 herauf gesetzt, Zuschüsse für Familien, Pensionäre und Behinderte weiter zusammengestrichen und die Zuwendungen an die Präfekturen und Kommunen noch einmal reduziert werden. Wer wissen will, was mit der sogenannten Schuldenbremse in den nächsten Jahren auf die Deutschen zukommen wird, sollte sich schon einmal ansehen, was heute in Griechenland passiert.

Niko, ein Metro-Angestellter, der seinen Nachnamen lieber für sich behält, erklärt uns, was sich hinter diesen abstrakten Ziffern verbirgt. Am gestrigen Donnerstag laufen sich die Athener Verkehrsarbeiter schon einmal mit einem kleinen Ausstand für den großen Generalstreik in der nächsten Woche warm. Auf der Kundgebung spricht er uns, eine Gruppe deutscher Gewerkschafter und Journalisten, die sich vor Ort ein Bild machen wollen, an.

Der Mitdreißiger arbeitet im Ersatzteillager der U-Bahngesellschaft. Bis 2005 hat er wie schon sein Vater ein paar Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet, dann kam er zurück, um eine Familie zu gründen. Seit 2010 wurden die Gehälter bei der Metro bereits um 38 Prozent gekürzt, berichtet er. Jetzt verdient er noch knapp 1000 Euro. Mit der nächsten Runde droht noch einmal eine Lohnsenkung um 12 Prozent, und das bei Lebenshaltungskosten, die vielleicht nicht mit Hamburg oder München, aber doch mit Berlin oder dem Ruhrgebiet vergleichbar sind.

Der Kindergarten für den dreienhalbjährigen Sohn kostet 330 Euro im Monat, immerhin 150 Euro gibt der Arbeitgeber hinzu. Noch. Bleiben 180 Euro, die von der Familie aufgebracht werden müssen. Hinzu kommen Raten für die Hypothek, die für den Kauf der Wohnung aufgenommen wurde. 600 Euro will die Bank im Monat haben.

Wie in vielen anderen europäischen Ländern wohnt in Griechenland die Mehrheit in den eigenen vier Wänden. Das bedeutet aber auch, dass Grundsteuer bezahlt werden muss: Noch einmal 37,5 Euro/Monat. Seit einiger Zeit wird diese mit der Stromrechnung eingezogen. Die Folge: Wer die Steuer nicht zahlt, nicht zahlen kann, bekommt keinen Strom mehr.

"Wie kann man da noch überleben?", fragt ein Berliner S-Bahn-Kollege. "Komm zu mir nach Hause. In meinem Kühlschrank findest du nur noch Wasser und Milch für den Kleinen", antwortet Niko.

Anderen geht es noch schlechter. Zum Beispiel den zahllosen Einwanderern, die nach Mitteleuropa oder Großbritannien wollen, aber wegen des EU-Grenz- und Asylregimes in Griechenland festgehalten werden. Ohne jede staatliche Unterstützung schlagen sie sich als Kleinhändler durch, die abends durch die Straßen ziehen. Abdul aus Neu Delhi ist einer von ihnen. Den Journalisten erzählt er von einem Überfall von Nazi-Schlägern und zeigt die Narben von Messerstichen, die er erhielt.

Der Hass breitet sich aus und sucht sich die leichtesten Opfer. Und er frisst sich tief in die Gesellschaft. Niko erzählt, wie er kurz vor unserem Gespräch in einem Geschäft angefeindet wurde. "Arbeitslose hassen mich, weil ich noch Arbeit habe. Sie hetzen uns gegeneinander auf." In Griechenland sieht er keine Perspektive mehr für sich und seine kleine Familie. Vielleicht wird es schon bald wieder irgendwo in Westdeutschland im Restaurant seines Cousins arbeiten.

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