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Wie lustig sind die Planer eines Dschihad-Terroranschlags?

21.08.2010

Eine Antwort gibt der begnadete, böse Chris Morris beim Fantasy-Filmfest 2010: "Four Lions". Dazu im Programm: Isolationshorror, frühvergreister Kulturkonservatismus und eine phallische Anti-Heldin

Ob es Chris Morris' Four Lions tatsächlich in die Kinos schafft, ist mehr als fraglich. Grund dafür könnte weniger mangelnde Popularität, sondern Furcht vor den Konsequenzen sein. Schaut man sich allein an, was ein paar Karikaturen in dänischen Zeitschriften oder ein päpstlicher Ausflug in die Religionsgeschichte an muslimischer Wut nach sich gezogen haben, könnte die Reaktion auf "Four Lions" heftig ausfallen.

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Four Lions

Denn der Film macht sich über nichts Geringeres als den ernsthaften Dschihadisten lustig. Die titelgebenden vier Löwen, bestehend aus drei Pakistani und einem zum Islam konvertierten Engländer, planen nämlich einen Terroranschlag. Was genau das Ziel ist, steht zur Debatte: Eine Moschee, um auf diese Weise den Aufstand zu provozieren - oder doch lieber eine Apotheke, weil dort Kondome an Frauen verkauft werden?

Die Ausbildung in einem pakistanischen Trainingscamp ist schon einmal fehlgeschlagen und das in der Küche hergestellte Peroxid-Gemisch ist so empfindlich, dass man nicht einmal über ein Schaf damit stolpern kann, ohne sich damit zum Märtyrer und das Schaf zu Kebab zu machen. Trotzdem: Terror muss sein, sagen sich die Verbliebenen und planen weiter. Dass sie dabei eher tolpatschig zu Felde ziehen, ändert nichts an den fatalen Konsequenzen ihres Tuns, das mehrere Menschenleben kostet. Die Polizei weiß von den Anschlagsplänen, kann aber nicht eingreifen, weil sie in phänomenologische Debatten verstrickt ist: Ist ein Wookie ein Bär?

Morris' Film könnte direkt aus der Feder Monty Pythons stammen - oder von Ali G - oder was Großbritannien sonst noch an respektlosen Komikern aufzuweisen hat. Er ist zynisch, respekt- und furchtlos. Ob es der Filmverleih, die Kinobetreiber und die Besucher auch sind, wäre abzuwarten.

Wenn es der Zuschauer anders machen würde..

..dann ist der Thriller meistens perfekt. Denn das Mitfiebern mit den Figuren ist das Salz in der Suppe, wenn es um Inszenierung von Suspense und Thrill geht. Das wusste schon Alfred Hitchcock, der gern einmal einen Film in einer Telefonzelle gedreht hätte, weil er wusste, dass der Handlungsraum das kleinste Problem mit dem größten Potenzial ist, dem sich ein Thriller-Regisseur stellen kann.

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Frozen

Adam Green, der mit "Hatchet II" noch ein zweites mal auf dem Festival vertreten ist, hat in Frozen Hitchcocks Traum wahrgemacht: Zwei junge Männer (beste Kumpels seit Kindertagen) und eine Frau (liiert mit einem der beiden) sitzen in einem Skilift ca. 20 Meter über dem Boden fest. Das Lift-Personal ist ins verlängerte Wochenende gefahren, und in der Einöde gibt es außer Minusgraden und Bäumen sonst nur noch ein Rudel hungriger Wölfe, das die über ihnen schaukelnden Menschen als willkommenes Fressen erwartet.

"Frozen" ist abgesehen von ein paar Unwahrscheinlichkeiten, die die körperliche Reaktion auf die Kälte betreffen, der perfekte Film, weil er mit wenig Aufwand das Maximum erreicht. Anders als andere Vertreter des Isolationshorror- bzw. -thrillerfilms hat er keine Prologe oder Seitenhandlungen nötig, keine Flashbacks und nur ganz wenige Zeitsprünge. Der Konflikt zwischen den drei Gefangenen wächst mit zunehmender Kälte und verstreichender Zeit. Außerdem gehen verschiedene lebenswichtige Utensilien verloren, was die Rettung noch dringender macht. Für die Drei bleiben eigentlich nur zwei Wege: nach unten durch Springen oder nach vorn durch Entlanghangeln an den Stahlseilen. Beide bergen Gefahren, von denen der Zuschauer mehr weiß als die Protagonisten. Das genau ist Suspense.

Wenn das Gestern gegen das Heute kämpft

"Harry Brown" ist der Titel und der Titelheld des neuen Films von Daniel Barber mit Michael Caine in der Hauptrolle. Die Handlung ist in einer englischen Großstadt der Gegenwart angesiedelt (wahrscheinlich in London) und erzählt die Geschichte eines Rentners, der genug von der Jugendgewalt auf der Straße hat, nachdem sein langjähriger Schachpartner bei einem Versuch "proaktiver Selbstverteidigung" ums Leben gekommen ist. Er kauft bei einem Drogendealer eine Handvoll Waffen und macht sich auf den Weg, "den ganzen Abschaum von den Straßen zu spülen", wie sein Seelenverwandter Travis Bickel das in "Taxi Driver" einmal genannt hatte.

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Harry Brown

Wäre es nicht so erschütternd, was der Film da ganz unverhohlen als den Weg der Gerechtigkeit zeichnet, könnte man beinahe Mitleid mit so viel frühvergreistem Kulturkonservatismus haben. Wes Geistes Kind Harry Braun nämlich ist, erfährt man in Details wie der Tatsache, dass er nach dem Ableben seines Freundes den Kalten Krieg auf dem Schachbrett nachinszeniert (er spielt das berüchtigte Fischer-Spasski-Match nach). Die Jugendlichen tötet er allesamt mit vom Plot gut vorbereiteten Gründen und die, die nichts Konkretes verbrochen haben, sterben im Kugelhagel ihrer Mitgangster. Auch die Polizei sieht dem Treiben Harrys eher ignorierend zu. So gibt es am Ende nur tote Täter und lebende Legenden und der Zuschauer lernt, dass wenigstens im Kino die Alten auch mal erfolgreich zurückschlagen können.

Ein umgedrehter Spieß ist trotzdem noch ein Spieß

Genug vom passiven Widerstand hat auch die etwas pummelige Lola in Sean Byrnes "The Loved Ones" - einem australischen Crossover von Slasher-Film und Highschool-Romanze. Lola lebt mit ihrem Vater zusammen und hat eine Menge Probleme - die meisten davon im Keller eingesperrt. Kein Problem ist für sie allerdings, dass sie niemand zum Abschlussball einladen will, denn Papa sorgt für einen Tanzpartner. Den findet er dieses Mal (es ist nicht der erste Ball für Lola!) im Schönling Brent, der eigentlich mit einer anderen verabredet ist. Also muss Brent gefesselt, mit Fensterputzmittel stumm gemacht und auf dem Fußboden festgenagelt werden, damit er ganz für Lola da sein kann.

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"The Loved Ones"

Byrne versucht erfolglos die beiden Genres Slasher-Film und Highschool-Romanze à la "Pretty in Pink" oder "Breakfast-Club" zusammenzufügen; die beiden Handlungsstränge treffen sich nämlich eher zufällig: Der Sheriff des Ortes sucht nach Brent und seine Tochter, ein Gothic-Mädel (wie in Hughes "Breakfast-Club"), hat ihr erstes Glückserlebnis auf dem Abschlussball. Oder doch nicht? Immerhin trauert sie ihrem toten Ex-Freund nach. Wer den wohl auf dem Gewissen hat?

"The Loved Ones" macht im Prinzip dasselbe wie "Carrie" - nur schlechter, weil ihm das Gespür für das Absurde der Situation abgeht und er anstelle dessen gern eine phallische Anti-Heldin inszeniert. Das gab es schon genauso vor ein paar Jahren bei "All the Boys love Mandy Lane", über den heute auch niemand mehr spricht.

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