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Nachrichten aus Kultur und Medien

"Wir haben was entwickelt. Für den Kandidaten Peer Steinbrück"

04.02.2013

PeerBlog setzt unglücklichen Wahlkampf des SPD-Kandidaten fort

Wie funktioniert ein Wahlkampfblog in Deutschland? Peer Steinbrück hat jetzt eins. Das schreibt er nicht selbst, sondern Unterstützer, die sich Amerika angeschaut haben, "2008, 2012. Fasziniert, erstaunt, begeistert". Steinbrück hat den Blogbetreibern sein OK gegeben, heißt es schön amerikanisch im PeerBlog, nachdem der deutsche Kanzlerkandidat "zugehört und analysiert" hat: "dass wir seinen Namen für diesen Blog nutzen können. Abseits seiner Partei. Hier ist ein Medium entstanden – wie in den USA – das grundlegender und länger angelegt ist, als auf einen kurzfristigen Plakate-Wahlkampf."

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Zwei Tage nach Beginn des "langen Laufes" gibt es bereits viel Aufmerksamkeit, allerdings eher ärgerlicher Natur. Dafür sorgt die für die Steinbrück-Kandidatur bereits typisch gewordene Frage danach, woher das viele Geld kommt. Schließlich, so klärt das Blog auf, handele es sich ja nicht um einen "Block, der im Schreibwarenladen um die Ecke vermutet wird". Sondern um das Produkt einer Kommunikationsagentur unter Leitung eines früheren Focus-Redakteurs, wie aus Medienberichten zu erfahren ist.

Laut Spiegel soll das PeerBlog eine sechsstellige Summe kosten. Beigesteuert wird sie von fünf Unternehmern, die vorerst anonym bleiben wollen. Der Gründer einer Münchener Internetfirma und ein Hamburger Kaufmann sollen zu den Geldgebern gehören.

Das Thema Finanzierung und Transparenz steht damit erstmal im Vordergrund der ersten Reaktionen auf die deutsche Wahlkampfkommunikationsinitative, die auf Großes zielt ("Barack Obama, Arabischer Frühling, Peer Steinbrück. Kleiner gehts natürlich nicht", Markus Beckedahl) und Witz erntet, der auf Bodenhaftung achtet: "Wer diesen #Peerblog wohl finanziert? Sparkassendirektoren?"

"Wir versuchen was. Wir haben was entwickelt. Für den Kandidaten Peer Steinbrück", heißt es in der Selbstbeschreibung des Blogs. Das klingt nach abgefedertem Boulevard, nach Macherklischees, nach Werbepräsentation, nach Wahlplakat ("Kompetent, Kernig, Klar") und dem Challenge-Getue, das man aus den Casting-Shows kennt. Wen wollen die Journalisten des Blogs damit erreichen? Die Reaktion der Peer-Group, der Netzöffentlichkeit, an die man sich wendet, fällt nach den ersten Reviews des Blogs nicht gut aus. Der Kandidat würde medial alles vergeigen, heißt es treffend in einem Kommentar.

Ein PR-Blog verfügt an sich schon über wenig Glaubwürdigkeit als Sozialkapital, weil er nicht an der Wahrheit interessiert ist, sondern am Polieren seines Gegenstandes. Im Fall des PeerBlogs kommt die scripted-reality, das geschäftige, zwanghafte Bemühen um ein gutes Drehbuch zu einer Erfolgsgeschichte noch umbarmherziger zum Vorschein als bei den üblichen PR-Blogs. Weil Steinbrück bereits einiges soziales Kapital eingebüßt hat durch die Redehonorare und die Nähe zu Finanzkreisen, gegenüber denen die Sozialdemokraten früher auf Abstand achteten, weil sie andere politische Interessen vertraten. Und weil die Sprache und die Art der Themenaufbereitung des PeerBlogs bisher ohne jeden Esprit, ohne jede Überraschung auskommen, die das Glaubwürdigkeitsmanko des Kandidaten in den Hintergrund drängen könnten.

Bis jetzt kann Steinbrück immerhin der politische Instinkt zugestanden werden, dass er sich dem PR-Versuch gegenüber auf Distanz hält. Wie ja auch die Geldgeber, die ihren Namen nicht veröffentlicht wissen wollen. Jochen Bäumel, Vorstandsmitglied von Transparency Deutschland, hält es allerdings für besser, wenn der Name der Gönner offengelegt würde: "Politikfinanzierung muss immer transparent sein."

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