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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Wir müssen leider draußen bleiben

20.03.2012

Kathrin Hartmann diskutiert mit Jan Fleischhauer über Hartz IV

Im sehr gut gefüllten Münchener Muffatcafé stellte gestern die Journalistin Kathrin Hartmann ihr neues Buch Wir müssen leider draußen bleiben - Die neue Armut in der Konsumgesellschaft vor und las aus dem Kapitel, in dem sie sich mit der Welt der Tafeln beschäftigt. In Deutschland lebt zur Zeit jeder siebte Deutsche unter der Armutsgrenze. Davon werden rund eine Million Menschen über sogenannte Tafeln versorgt. Was beim ersten Blick als ein vorbehaltlos zu unterstützendes Vorhaben erscheint, entpuppt sich laut Hartmann als ein Projekt der Lebensmittelkonzerne, um kostengünstig ihre abgelaufenen Produkte zu entsorgen und gleichzeitig ihr Image aufzupolieren.

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Foto: Oliver Nagel

Rechtsansprüche der Armen würden durch Almosen ersetzt und fehlende Bürgerrechte mit Barmherzigkeit ungenügend aufgewogen. Dass die Barmherzigkeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter durchaus Grenzen kennt, zeigt sich nach Hartmann darin, dass sich nicht wenige der überwiegend aus dem gehobenen Bürgertum stammenden Damen und Herren über die fehlende Dankbarkeit der Armen echauffieren, wenn diese sich etwa weigern, angesichts braunfleckigem Obst und Gemüse in Freudentränen auszubrechen und die Unverschämtheit besitzen, während des Wartens auf die Essensabgabe eine Zigarette zu rauchen - was übrigens schnell zu einem Tafel-Ausschluss führen kann.

In einer Gesellschaft, die sich auf die Umverteilung von unten nach oben spezialisiert hat, glauben ausgerechnet die Reichen, von den Armen übervorteilt zu werden, während das Prinzip des "anstrengungslosen Wohlstands" (Guido Westerwelle über Hartz-IV-Bezieher) ausnahmslos für die Oberschicht gilt, die aber meinen, ihr Besitz wäre auf Leistungsgerechtigkeit gegründet, während die Armen Schmarotzer seien. Da passt es wie Faust aufs Auge, wenn die GRÜNEN-Politikerin Kartin Göring-Eckhardt, die an der Hartz-IV-Politik beteiligt war, heutzutage von den Tafeln schwärmt, so Kathrin Hartmann.

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Foto: Oliver Nagel

Durch die anschließende Diskussion mit dem SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer führte der BR-Moderator Christoph Süß, ein neunmalkluger geistreichelnder und pointenzutzelnder Originalitätskasper, wie man ihn aus seinen Quer-Sendungen kennt, der sich mit seinen Bemühungen, gleichzeitig ernsthaft, sarkastisch, witzig, klug, parteiisch und neutral zu sein, mehrmals überhob und zu jeder Zeit eines pennälerhaften Bonmots wegen die Ausführungen der Kontrahenten unterbrach (und dies wohl für monacofranzartige Schlagfertigkeit hielt).

Süß kaprizierte sich gleich in der Eingangsfrage auf den "Zorn" der Autorin (worauf der ehemaligen Redakteurin der Frankfurter Rundschau verständlicherweise nichts Gescheites einfiel) und reichte diese dann sogleich zum Oliver Pocher des neoliberalen Feuilletons weiter. Fleischhauer zeigte Verständnis für Hartmanns Wut, obwohl er "in vielen Punkten eine andere Sicht auf die Dinge" hätte und legte große Verwunderung an den Tag, dass nun ausgerechnet er den Sozialdemokraten Gerhard Schröder und die "arme" Katrin Göring-Eckhardt "herauspauken" müsse: Rot-Grün habe sich bei den Reformen "durchaus etwas gedacht" und "Erfolge erzielt, die sich sehen lassen können". Nach seinem Empfinden seien die Sozialreformen "die erfolgreichsten, die Deutschland jemals gemacht hat".

Hier hakte Süß ein: "Für wen?" Fleischhauers Antwort: "Für das Land." Gleichwohl fände auch er es "von einem menschlichen Standpunkt zu viel, den Hartz-IV-Beziehern jeden einzelnen Euro nachzurechnen". Auf zehn bis 20 Euro mehr oder weniger käme es ihm nicht an. Allerdings würde sich eine sechsköpfige Hartz-IV-Familie schon mal 2.200 Euro netto in die Tasche schieben: "Das ist so wenig nicht." Ein Möbelpacker verdiene weniger.

Nun fühlte sich Süß bemüßigt, anstelle der Autorin mit der Streitaxt in Epikurs Garten zu ziehen und stellte lapidar fest: Wenn man jemanden zum Beispiel als Büroputze einstellt, die dann von dem Geld nicht leben kann, "dann würde ich sagen, dann putz dein Büro doch selber!" Hierauf replizierte Fleischhauer sinngemäß mit der Erkenntnis, dass es für den Menschen sehr wichtig sei zu arbeiten: "Wenn man lange Zeit dem Arbeitsprozess entwöhnt war und die ganze Zeit zuhause herumsitzt, was man ja von sich selber kennt, wenn man zu lange Urlaub hatte", würde man sich immer weniger zutrauen und zunehmend kraftlos werden und dann in die Abstiegsspirale des Alkoholmissbrauchs geraten. Man müsse sich um die Kinder in diesen Familien sorgen.

Jetzt wurde vom Moderator erneut die Autorin ins Spiel gebracht. Diese stellte fest, dass 2.200 Euro für eine sechsköpfige Familie wohl doch nicht so ein unglaublich hoher Betrag sei und alleine der ökonomische Blick auf die Armen den Leuten nicht gerecht werde, weil es auch um die öffentliche Wahrnehmung und Teilhabe dieser Menschen gehe. Zum Beispiel traue sich die Tochter einer Münchner Hartz-IV-Bezieherin nicht mit einem Sozialpass ins Freibad, weil sie von ihren Mitschülern für den "Pennerpass" ausgelacht werde. Hier fiel dem Moderator ein zu bemerken, dass er sich nicht vorstellen könne, diese Politik der sozialen Ausgrenzung würde einem "sinistren Plan" folgen. Hartmann hielt dagegen und wies auf eine Studie des seinerzeit unter der Leitung des Sozialdemokraten Wolfgang Clement stehenden Arbeitsministeriums hin, in welcher Sozialhilfebezieher als Schmarotzer bezeichnet worden waren.

Nun ging das Wort wieder an Jan Fleischhauer, der in die Runde warf, dass "zur Zeit alle nach Deutschland blicken und fragen, wie wir es geschafft haben, in einer solchen Krise die Arbeitslosenzahlen zu senken". Bei Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sah der einst von seinen linksliberalen Eltern malträtierte Vordenker der deutschen Tea-Party "unzweifelhaft" Massenarbeitslosigkeit voraus. Dafür hätten die Hartz-IV-Reformen, die "leider erst nach der Abwahl Schröders den Aufschwung brachten", den Deutschen "die geringsten Arbeitslosenzahlen seit 25 Jahren" gebracht.

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Foto: Oliver Nagel

Allerdings gehe dieser Aufschwung an einer bestimmten Klientel aus dem Hartz-IV-Milieu vorbei. Warum? Es gebe dort Leute, die gesundheitlich oder sozial nicht mehr in der Lage seien zu arbeiten: "Die sind so lange von einer regelmäßigen Arbeit entwöhnt, dass sie überhaupt Probleme haben, morgens aufzustehen." Hier brachte der Moderator den Begriff "Zeitarbeit" ins Spiel. Wie ein Fisch entschlüpfte Fleischhauer diesem Netz, indem er entgegnete, dass die Zeitabeiter-Zahlen nicht so dramatisch wären. Zum Ende hin warf die wieder einmal befragte Autorin in die Runde, dass es der Wirtschaft nicht gut gehe, obwohl es den Armen schlecht geht, sondern weil.

Amazon zum Beispiel stelle zum Weihnachtsgeschäft über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Arbeitslose ein, die (wenn überhaupt) nur die Hälfte des branchenüblichen Lohns beziehen würden, um sie anschließend wieder in die fürsorglichen Arme der Arbeitsämter zu geben. So spare sich die Amazon-Filiale in Augsburg eine Million Euro, die staatlich subventioniert würden. Hierauf antwortete Fleischhauer, dass wir "alle nicht nur Milch vom Bio-Händler kaufen, die 1,70 Euro kostet", und I-Phones aus China erwerben. "Wir klagen immer darüber, dass in Deutschland Leute für 5 Euro arbeiten, sind aber in unserem Konsumverhalten gleichzeitig absolute Nutznießer dieses Lohngefälles."

Außerdem: "Gucken Sie mal, unter welchen Bedingungen das Fleisch hergestellt wird, das wir in deutschen Supermärkten im Angebot haben. Es ist schändlich, wie wir mit Rindviechern umgehen. Das tun wir deshalb, weil wir am Ende immer auf den Pfennig gucken." Hier hakte Kathrin Hartmann ein: "Es geht doch darum, wie der unfassbare Wohlstand in Deutschland, der so groß ist wie niemals zuvor, so ungerecht verteilt sein kann." - Und somit schloss die Gesprächsrunde genau mit der Frage, mit der sie hätte begonnen werden müssen.

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