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Nachrichten aus Kultur und Medien

Wird auch Afghanistan am Hindukusch verteidigt?

17.03.2012

Unangenehme Einsichten für Friedensfreunde: Der deutsche Dokumentarfilm "Generation Kunduz" zeigt die Jugend Afghanistans, die ein Leben vor 9/11 und der amerikanischen Besatzung nicht kennt

Afghanistan ist derzeit täglich in den Nachrichten - aber was wissen wir wirklich von den dortigen Verhältnissen, von der Natur des NATO-Einsatzes und dem Alltag des Landes? Wir wissen nur, was wir gesehen haben, und weil wir wenig gesehen haben, wissen wir im Zweifelsfall das Falsche. Dem stellt Regisseur Martin Gerner, ein erfahrener Afghanistan-Reporter, andere Bilder entgegen.

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In seinem Dokumentarfilm Generation Kunduz, der episodisch fünf Afghanen portraitiert, aber selbst an seinen Rändern noch voll weiterer Geschichten steckt, zeigt er das Leben jenseits des Ausnahmezustands, jenseits von Krieg und truppengeschütztem Waffenstillstand: einen zehnjährigen Schuhputzer mit erstaunlicher Einsicht, eine junge Radiojournalistin, einen Bürgerrechtsaktivist, einen Imam und einen Filmemacher.

Offene Gesellschaft

Konzentriert auf die Jugend, die ein Leben vor 9/11 und der amerikanischen Besatzung nicht kennt, erlebt man ein Land jenseits von Gotteskriegern und westlichen Interessen, in dem eine neue Generation sich in ihrem Aufbruch an Traditionen und anderen Hindernissen reibt, die sich nicht ins politische Schwarz-Weiß-Raster fügen. Akteure einer offenen Gesellschaft, die dort noch nicht existiert.

Der Untertitel des Films charakterisiert die Sichtweise des normalen Afghanen: Es handelt sich um den "Krieg der Anderen", auch der anderen Afghanen, der islamistischen Mörder im Namen Gottes und der ausbeuterischen Eliten im Namen des Profits - beides gleichermaßen korrupt.

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Zugleich drückt sich der Film nicht um die für hiesige Friedensfreunde und linksliberale Afghanistanversteher zumeist unangenehmen Einsichten: Dass es der Militäreinsatz des "Imperialisten" und Neo-Cons Bush war, der die Gesinnungsterroristen der Taliban vertrieb, und es so erst möglich machte, dass die emanzipierte Nazanin Radio macht, (dass sie sich aber später vom Verlobten das Weiterfilmen verbieten lässt). Dass Regisseur Ghulam Filme drehen darf. Dass die negativen Auswirkungen der patriarchalen Familienstrukturen des Landes in Workshops über "Die Rolle der Frau im Islam" zum Thema gemacht werden. Dass sich auch die vorgestellten Normalafghanen einig sind, dass "die Taliban böse" sind.

"Wenn ein deutscher Soldat hier umkommt, wird darüber im Fernsehen berichtet. Aber wenn ein Afghane stirbt, oder Dutzende, ist das egal", sagt Nazanin. Einleuchtend beklagt Gerner die hiesige "Selbstbeschränkung" der Afghanistan-Berichterstattung, die zu einem "Bilderverbot" geführt habe.

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Und untergründig immer präsent ist als tabuisierte Leerstelle des westlichen Einsatzes jenes umstrittene, im Ausland vielkritisierte, im Inland in Schuldfrage und Hintergründen unter den Teppich gekehrte Bombardement von Kunduz, bei dem im September 2009 unter deutscher Verantwortung über 140 Zivilisten massakriert wurden - die bislang folgenreichste Aktion der ISAF. Gerner kehrt immer wieder zum Tatort zurück.

Die Frage bleibt unbeantwortet: Wird auch Afghanistan am Hindukusch verteidigt?

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