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Nachrichten aus der Wissenschaft

Wissenschaftsministerin Schavan wird in ihrer Dissertation eine "leitende Täuschungsabsicht" bestätigt

14.10.2012

Für die Ministerin wird es nun nach dem Gutachten der Universität Düsseldorf eng, wenn sie Anstand hätte, sollte sie vor der Entscheidung des Promotionsausschusses zurücktreten

Wirklich herausreden wird sich Bildungs- und Wissenschaftsministerin Prof. Dr. Annette Schavan nicht können, dass sie mutmaßlich plagiiert hat und zudem gerne auch noch aus Sekundärliteratur. Nachdem auf dem Schavanplag schon vor Monaten die Belege aufgelistet und Fundstellen auf 92 Seiten ihrer Dissertation ausgerechnet noch zum Thema "Person und Gewissen" gefunden wurden, hätten die Ministerin selbst und Bundeskanzlerin Angela Merkel reichlich Zeit gehabt zu überlegen, ob eine Wissenschaftsministerin, die glaubwürdig der Plagiierung verdächtigt wird, noch zu halten ist und glaubwürdig ihres Amtes walten kann.

Nun muss man freilich sagen, dass es sich bei Plagiatsvorwürfe gegen Schavan um deutlich kleinere Unkorrektheiten handelt als bei Guttenberg, auch wenn sie mitunter durch Umschreiben das Plagiieren zu verbergen suchte - und sich dabei auch Fehler einschlichen. Allerdings war Guttenberg "nur" Verteidigungsminister, Schavan ist auch für die Universitätsausbildung zuständig. Schavan hatte 1980 im Fach Erziehungswissenschaften die Note "magna cum laude" erhalten, was wiederum auch auf die Nachlässigkeiten der Hochschulen hinweist. Im Zusammenhang mit Guttenberg hatte sie noch gesagt, dass "wissenschaftliche Integrität ein hohes Gut" sei.

Nun ist der Gutachter der Universität Düsseldorf, so schreibt die Süddeutsche Zeitung, zu einem für die Ministerin höchst unerfreulichen Ergebnis gekommen. Zitat aus dem Gutachten nach der SZ: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Der Gutachter Stefan Rohrbach, Professor für Jüdische Studien und Vorsitzender des Promotionsausschusses, lässt sich nicht mehr so einfach beiseite wischen wie ein anonymer Plagiatsjäger. Noch muss der Promotionsausschuss erst entscheiden, aber das Ergebnis der Prüfung ist vernichtend und geht von Betrug aus, da man eine "hinreichenden Vertrautheit der Verfasserin mit wesentlichen Regeln" unterstellen müsse. Auf deutsch: Sie hat gewusst, was sie machte.

Die Bundeskanzlerin will ganz offensichtlich wieder einmal nach Kohlschem Vorbild das Problem aussitzen. Man kann sich noch erinnern, dass sie Guttenberg zunächst noch halten wollte. Seine Aufgaben als Minister habe er "hervorragend" erfüllt. Das sei, was zählt, zudem habe sie ihn als Minister "und nicht als wissenschaftlichen Assistenten" berufen. Aber ließe sich das gleichermaßen auch für die Wissenschaftsministerin sagen?

Schavan macht indessen auf Betroffenheit und übt sich in kleinen Entschuldigungen, während sie früher die Vorwürfe nur abseitig nannte. Der Süddeutschen sagte sie am Sonntag: "Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist. Ich habe sorgfältig gearbeitet. Hier und da hätte man auch noch sorgfältiger formulieren können. Heute merke ich zum Beispiel, dass ich damals bei Freud noch ziemlich verdruckst war." Wenigstens jetzt hätte sie aufrechter mit ihren Fehlern umgehen sollen und müssen. Und besser wäre sowieso, um dem Ansehen der deutschen Universitäten nicht noch mehr wie schon andere Politiker zu schaden, noch vor der Entscheidung des Promotionsausschusses zurückzutreten, schließlich ist von ihrem Verhalten der Kern des Wissenschaftsbetriebes, für den sie zuständig sein soll, betroffen.

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