Domain Name Operette
Vorspann
Domain Name Operette
Das Monopol oder Wie man eine Lizenz zum Gelddrucken versemmeln kann.
1993 erhielt eine kleine Firma namens
Network Solutions aus Herndon, Virginia nahe der US-Hauptstadt Washington einen damals noch recht unspektakulär erscheinenden Auftrag. Die
National Science Foundation (NSF), eine zentrale staatliche Forschungseinrichtung der USA, die seinerzeit noch als eine Art Betreiberin des Internet angesehen werden konnte, hatte im Zuge der Privatisierung des Netzes den Betrieb des Network Information Centers
InterNIC ausgeschrieben. Das InterNIC verwaltet die nichtmilitärischen Top-Level-Domains .com, .org, .net, .edu and .gov, nimmt die Registrierungen unter diesen Domains vor und ist verantwortlich dafür, dass jeder Rechner im Internet weiss, für welche IP-Adresse die Domainnamen mit diesen Endungen stehen.
Network Solutions, kurz Netsol, hatte bis dahin für Firmen und Regierung Computernetzwerke eingerichtet und Sicherheitsberatung angeboten. Kein schlechtes Geschäft, aber Peanuts im Vergleich zu dem was nun kommen sollte. Denn der
InterNIC-Auftrag fiel zusammen mit dem Beginn des kommerziellen Booms des Internet.
Anfangs hatte der Job von Netsol wahrscheinlich noch starke Ähnlichkeit mit den früheren Arbeitsbereichen: Es ging hauptsächlich darum, das verteilte Netzwerk und die Datenbanken der Root-Nameserver zu pflegen. Bezahlt wurde die Firma direkt von der NSF. Doch im Zuge des weiteren Fortschreitens ihrer Privatisierungsbemühungen entschied diese, die Kosten auf die Nutzer des Internet abzuwälzen. Sie erlaubte Netsol im September 1995, für die Registrierung von Domainnamen eine Gebühr zu berechnen. Aus dem Dienstleister wurde ein Monopol.
Vielleicht dachte Netsol in diesem Moment, das grosse Los gezogen zu haben. Ende 1995 verwaltete man bereits etwa 200.000 Domains, pro Monat liefen etwa 20.000 neue Registrationen auf, die Steigerungsraten waren exorbitant. You do the math: Netsol kalkulierte 50 Dollar jährliche Gebühr, bei Neueintragung zahlbar für zwei Jahre im Voraus. Machte damals theoretisch 2 Millionen Dollar Cash flow pro Monat; inzwischen schreibt Netsol, bei 140.000
monatlichen Eintragungen, jeden Monat schon Rechnungen über 14 Millionen Dollar.
Das Problem: Durch den Sturm auf die Domainnamen war der Focus des Auftrag von einem technischen zu einem administrativen geworden. Das schwierigste war nicht mehr die Netzwerkverwaltung, sondern das Inkasso. Die plötzlich in Mode kommenden massenhaften spekulativen Registrierungen in der Absicht, attraktive Domainnamen mit Gewinn weiterzuverkaufen, waren zudem nicht unbedingt die mit der besten Zahlungsmoral. Im übrigen mussten 30 Prozent der eingenommenen Gebühren, so hatte man es mit der NSF vereinbart, in einen Fonds zur Weiterentwicklung des Internet fliessen. Dort haben sich einstweilen 26 Millionen Dollar
angesammelt, über die die NSF frei verfügen kann -- was sie allerdings bislang nicht getan hat.
Unterm Strich jedenfalls konnte Netsol seit Beginn der Gebührenpflicht keinen Profit mehr realisieren: 1996 war man mit 1,6 Millionen, 1995 gar mit 2,8 Millionen Dollar
in den Miesen. Und unter der administrativen Belastung litt auch die Qualität des Dienstes: In diesem Sommer wurden mehrmals defekte Dateien an die Root-Nameserver ausgeliefert. Mitte Juli brach das Netz daraufhin für einen Tag praktisch
zusammen. Mehrmals wurden Domains bekannter Firmen (etwa Microsofts msnbc.com) wegen angeblichen Zahlungsverzugs
stillgelegt.
Die kritischen Stimmen mehrten sich, immer lauter wird gefragt, ob Netsol seiner Aufgabe gewachsen sei. Die NSF hat angekündigt, den 1998 auslaufenden Vertrag mit Netsol nicht zu verlängern.
Die Glücksritter oder $$$ MAKE MONEY FAST $$$
Bereits 1995 tauchte in einem der notorischen Ratgeber (
"101 Businesses You Can Start On the Internet" von Daniel S. Janal) der Vorschlag auf, sich als Domainnamenregistratur zu etablieren. Sie kennen diese Sorte Bücher, bei denen man sich immer fragt, ob ihre Ästhetik stärker von der Typographie von Spam-Mails beeinflusst ist oder umgekehrt.
Die Geschäftsidee der Einrichtung von Domainnamenregistraturen war aus verschiedenen Gründen bestechend. Sie war erstens obskur genug, um nur Insidern einzuleuchten, so dass der Markt übersichtlich zu bleiben versprach. Zweitens konnte sie -- mindestens in einer rudimentären Version -- unmittelbar umgesetzt werden: Wer eigene Nameserver einsetzt, kann dort allen, die diese nutzen, neben den handelsüblichen jede beliebige andere Domain anbieten. Die Idee traf drittens auf einen realen Bedarf, da viele "gute" Domainnamen unter .com 1995 bereits vergeben waren. Und das Wachstum der Zahl der Domains schien viertens enorme Profite zu versprechen.
Nicht untypisch für solche hundertprozentigen Konzepte, dass Glücksritter den Braten zuerst riechen, und nicht unbedingt solche der Sorte, der man sagen wir bedenkenlos sein Erspartes anvertrauen würde. Die eloquentesten Verfechter alternativer Top-Level-Domains sind sämtlich, freundlich ausgedrückt, schillernd.
Da wäre zum Beispiel Paul Garrin, der New Yorker Videokünstler mit seinem Service
name.space. Garrin spielt virtuos auf der Klaviatur des linksliberalen Künstlerspektrums, aus dem seine Sympathisanten kommen. Er wird nicht müde darauf
hinzuweisen, dass Netsol im Besitz einer der grössten privaten Rüstungsforschungsfirmen der USA ist, des Ingenieurbüros
SAIC. Sein Ziel sei es, so Garrin, mit dem Geld, das name.space einspielen soll, alternative Kunstprojekte im Web durch das Aufkaufen von Bandbreite zu unterstützen.
(Weitere Telepolis Berichte dazu: Paul Garrin im
Interview mit Pit Schultz, sowie eine Einführung in
name.space)
Gegenüber den Mainstream-Medien freilich betont Garrin vor allem, gegen Monopolismus und für den Freien Markt der Domainnamen zu fechten. Dieser krude Mix aus Kapitalismusbegeisterung und linksanarchistischer Künstlerpose wurde selbst jenen zuviel, von denen man annehmen darf, daß sie zu Garrins Unterstützern zählen, weil sie die später eventuell vom Erfolg des Projekts Begünstigten sein würden. Nach immer häufigeren, kreuzzugartigen Propagandamails auf der Liste
nettime begannen deren Subskribienten, Garrins Spam-Attacken zu erwidern und sein monomanisches Projektmanagment und seinen Kommunikationsstil zu kritisieren. Garrin flamte unbeirrbar zurück. Als das "Cock Fighting" voll losging, mußten die Moderatoren die Liste für einige Tage schließen, damit sich die Gemüter wieder beruhigten. Damit hat Garrin es sich wohl mit vielen seiner letzten Getreuen verscherzt, niemand will ihm seine Robin-Hood-im Digitalzeitalter-Verkleidung jetzt noch abkaufen.
Oder Eugene Kashpureff von
Alternic. Er war der erste, der vor zwei Jahren mit neuen Top-Level-Domains wie .web und .sex auftrat. Kashpureff, der im Alter von 10 Jahren seinen ersten Computer selbst zusammengelötet haben will, ist ebenfalls ein gefürchteter Mailinglisten-Poster. Er selbst unterhält die Liste
Newdom, nörgelt aber auch gerne auf der
Domain-Diskussionsliste des Internetestablishments herum.
Erfolgreicher als dort agierte Kashpureff allerdings im technischen Bereich. Den Frühling verbrachte er damit, ein Sicherheitsloch in der Funktionsweise der Domainnamen-Server dergestalt auszunutzen, dass auch die nicht an sein Alternic angeschlossenen Nameserver unwillentlich seine Adressen führten -- er vergrösserte den Namensraum durch die
kalte Küche und machte sich so wohl selbst zum "Zigeunerbaron" im Namensraum.
Als das weitgehend unbemerkt blieb, landete Kashpureff Mitte Juli seinen grössten Coup, als er in einem aufsehenerregenden Hack die Websites von InterNIC und Netsol kaperte und User, die zu www.internic.net wollten, zu seiner Homepage www.alternic.net umleitete -- wiederum unter Ausnutzung einer
Sicherheitslücke im System der Domainnamen. Als sich nach Beschwerden von Netsol das FBI einschaltete, tauchte Kashpureff für einige Tage unter und ward erst wieder gesehen, als er mit Netsol zu einem aussergerichtlichen
Vergleich gekommen war.
Ein egomaner Künstler und ein Hacker mit Omnipotenzphantasien (überflüssig zu erwähnen, dass die beiden sich alles andere als grün sind) als Alternative zu einem mittelmässig geführten monopolistischen Unternehmen aus dem korrupten Militär-Industrie-Komplex -- nicht unbedingt die Kandidaten, die man sich für einen Job wünscht, der einfach bloss funktionieren soll. So trat das Internetestablishment auf den Plan.
Die Klugscheisser oder Wenn Informatiker dichten
In den Kreisen des Internetestablishment diskutierte man ebenfalls schon seit einiger Zeit darüber, neue Top-Level-Domains einzuführen. Technisch gesehen ist das kein schwerwiegendes Problem; die bestehenden Domains sind zwar nicht willkürlich, aber doch letzten Endes beliebig festgelegt worden.
Als die Namensguerilleros vom Schlage Kashpureff und Garrin immer zahlreicher auftraten, stieg der Handlungsdruck auf die Organisationen dert Internet-Selbstverwaltung. Unter der Schirmherrschaft der
Internet Society und der
Internet Assigning Number Authority wurde ein Ad-Hoc-Komitee eingerichtet. Unter der Leitung von Jon Postel, einem Internet-Veteranen der ersten Stunde, der das bestehende Domainnamensystem mit erfunden hat, präsentierte man im Februar mit ziemlichem Trara einen
Reformvorschlag.
Diesem Vorschlag lugte aus allen Knopflöchern das Bemühen seiner Autoren, die bestehende unbefriedigende Situation zum Guten zu ändern. Und wie mit so vielem Gutgemeinten so ging es auch in diesem Fall ziemlich schief. Zunächst berücksichtigte man den Wunsch, neue Top-Level-Domains zu schaffen. Die Vorschläge: .web, .rec, .arts, .info, .store, .firm, und .nom.
Sowas können sich nur Informatiker ausdenken. Total logisch, aber völlig realitätsfern. .firm, also bitte. Zumal sofort abzusehen war, dass sich die Warenzeichenstreitigkeiten durch einen solchen Vorschlag nicht erledigen, sondern vervielfachen würden, da nun logischerweise versucht werden würde, Warenzeichen in _jeder_ verfügbaren TLD eintragen zu lassen.
Auch zur Schlichtung der allgegenwärtigen Warenzeichendispute hatten sich die Internetbürokraten etwas einfallen lassen: Eine 60tägige Karenzzeit, die zwischen Anmeldung und Nutzung der Domain liegen sollte. 60 Tage: für ein Medium, in dem die sprichwörtliche Regel gilt, dass die Zeit dort siebenmal schneller vergeht als im wirklichen Leben.
Man hatte ebenfalls daran gedacht, neue Registraturen zuzulassen, und zwar zunächst vier je neuer TLD. Wenn sich mehr bewerben? Na, dann verlosen wir eben den Job! Und so ging's weiter. Allen Respekt für alte Kämpen wie Jon Postel, aber es schien durchaus, als wären in diesem Fall auch die informellen Herren des Internet mit ihrem Latein am Ende.
Das "Memorandum of Understanding", wie der Vorschlag nun heisst, liegt seit Juli zur Unterzeichnung aus. Lange Zeit scherzte man im Netz darüber, dass die erste und lange einzige Regierung, die es unterzeichnet hat,
Albanien war. Inzwischen sind auch die Volksrepublik China und Korea dabei. (Nein, nein. Das würde einem ja keiner mehr abkaufen. Südkorea natürlich.) Allerdings stehen unter dem Memorandum sicherheitshalber auch Telekomkonzerne wie MCI, die sich alle Optionen offenhalten wollen.
Die Betroffenen oder Die Kinder müssen jetzt ins Bett
Als der Postel-Vorschlag im Februar präsentiert wurde, da maulte der Economist, jetzt sollten es die Amateure und Freizeit-Internetherren aber wirklich mal gut sein lassen. Das Zentralorgan des transnationalen Kapitals sprach damit wohl vielen, vor allem in der Industrie aus der Seele.
Auch die US-Regierung und die EU gaben vernehmlich ihrer Unzufriedenheit über die chaotische Lage Ausdruck, was die Situation wiederum nicht unbedingt übersichtlicher machte, da auch diese Institutionen aus einem gewissen Machtinteresse heraus agieren. Doch die US-Regierung sorgte in den vergangenen Wochen wenigstens für eine
öffentliche Diskussion, an der sich nicht nur die Ingenieure der Internetcommunity beteiligten. Die dort geäusserten Wünsche werfen alle bisherigen Konzepte wieder über den Haufen.
Was nun weiter passiert ist offen. Netsol macht gute Miene zum bösen Spiel: Man will sich den unmittelbar bevorstehenden Börsengang nicht vermasseln. Netsol hat ausserdem name.space-Garrin an der Gurgel, der die Firma wegen Verstosses gegen das Kartellgesetz
verklagt hat. Das Memorandum der Postel-Gruppe liegt weiter zur Unterzeichnung aus, schon im Oktober soll mit der Vergabe der neuen Registraturen begonnen werden. Die Regierungen halten sich mit Gegenvorschlägen bedeckt. Und keiner weiss, wer jetzt eigentlich was zu entscheiden hat. Es kann noch ein lustiger Herbst werden im Namensraum.
Weitere Telepolis Berichte: Paul Garrin im
Interview mit Pit Schultz, sowie eine Einführung in
name.space.
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