»Kryptographie ist keine Waffe«
Armin Medosch 17.09.1998
Weltweite Kampagne gegen Exportbeschränkungen von Kryptographiesoftware.
Am Dienstag dem 15.9.1998 wurde eine von mittlerweile 23 Bürgerrechts- und
Datenschutzgruppen aus 10 Ländern unterstützte Erklärung dem in Wien angesiedelten
Wassenaar-Abkommen über konventionelle Waffen und "dual use" Güter- und Technologien überreicht.
Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, Verschlüsselungsprogramme, die für die Durchsetzung des Bürgerrechts auf vertrauliche Kommunikation weltweit unerlässlich sind, aus dem Wassenaar Arrangement zu entfernen.
Neben US Bürgerrechtsgruppen wie der American Civil Liberties Union und der Electronic Frontier Foundation sind auch zahlreiche EU-Gruppierungen vertreten. Dach für die Kryptokampagne bildet die seit 1996 existierende
Global Internet Liberty Campaign (GILC).
Die Kampagne wird weltweit von Electronic Frontiers Australia und quintessenz.at koordiniert. Erich Moechel, der Wiener Koordinator der Gruppe, hat allein 5 Mannwochen Gratisarbeit in die Koordinierung der Aktion und das Feilen an der gemeinsamen Protestnote investiert. Ihm mache diese Arbeit Spass und es freue ihn vor allem, den Ländern, die für Exportverbote starker Kryptographie eintreten, ein wenig auf der Nase herumzutanzen. Besonders reizt ihn die Herausforderung zu sehen, was man im Zeitalter der Vernetzung mit der Kraft des besseren Arguments erreichen könne.
Auf die Frage angesprochen, ob in einer Koalition, in der sowohl anarcho-libertäre Kräfte als auch starke Industrieinteressen vertreten sind, die Bruchstellen nicht schon vorgezeichnet seien, antwortet Moechel:
Daß die Debatte um den Export von Kryptographiesoftware heiß ist, zeigte sich auch daran, daß die US-Regierung pünktlich zum Beginn der Wassenaar-Verhandlungen ankündigt, die Bestimmungen für den Krypto Export lockern zu wollen. 56bit DES Encryption soll bald legal exportiert werden dürfen.
Die Reaktionen darauf sind von gemischten Gefühlen getragen. Einerseits hat ja de Electronic Frontier Foundation erst vor wenigen Wochen gezeigt, daß mit einem relativ billigen System, was Hard- und Software anbetrifft - dem sogenannten DES Cracker - 56bit DES Schlüssel innerhalb von 60 Stunden zu knacken und damit alles andere als sicher sind.
So zeigen sich dann auch, wie einem Bericht der
Washington Post zu entnehmen ist, die Industrievertreter vorsichtig positiv, während die Vertreter von Bürgerrechtsorganisationen der Ankündigung weit skeptischer gegenüber stehen. Letztere vermuten, daß der Teufel im Detail steckt, da die entsprechenden Verordnungen ja noch (bis November) ausformuliert werden müssen.
Ausserdem könnte es Teil der Strategie der US-Regierung sein, mit dieser Exporterleichterung, die nur einem Teil der Industrie zugute kommt (der 56bit DES Schlüssel kommt vor allem in geschlossenen kommerziellen Systemen, wie z.B. Bankengeldautomaten, zur Anwendung und nicht etwa für die Verschlüsselung von Email-Inhalten) sich der Unterstützung dieser einflußreichen Klientel zu versichern, um die Neuregelung durch den Kongress zu bringen, während jene Formen von starker Verschlüsselung, die vor allem den Usern zugute kommen würden, weiterhin der Exportkontrolle unterliegen.
Die oben angesprochenen Bruchstellen zwischen den Interessen von Industrie- und Bürgerrechtslobbies werden in der unterschiedlichen Bewertung der Aussagen jedenfalls bereits sichtbar.
Auch eine direkte amtliche Reaktion auf die Krypto-Kampagne gibt es bereits. Von Kanadischer Regierungsseite wurde mitgeteilt, man schätze den Input und wolle in der eigenen Verhandlungslinie eine gute Balance zwischen den Interessen von Industrie und Bürgerbewegungen einerseits und denen der Strafverfolgungsbehörden und der "Nationalen Sicherheit" andererseits wahren.
Genau diese Balance ist jedoch wohl der problematische Aspekt der gesamten Debatte.
»Kryptographie ist keine Waffe«
Originaltext der Kryptokampagne