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Doch die Zeiten, in denen TeX/LaTeX die einzige "Office"-Anwendung unter Linux war, sind ohnehin längst vorbei. Mittlerweile konkurrieren viele verschiedene WYSIWYG-Textverarbeitungen und komplette Office-Pakete um die Gunst der Nutzer. Hauptanwärter sind die freien Projekte [extern] OpenOffice, das aus Suns StarOffice hervorgegangen ist, und KDEs [extern] KOffice. Besonders in Asien beliebt ist das kommerzielle [extern] HancomOffice, das teils eigene Anwendungen (darunter die Textverarbeitung HancomWord), teils von KDE bekannte Applikationen zusammenführt. Weiterhin gibt es von [extern] Corel die etwas betagte Linux-Version von WordPerfect Office 2000 (enthält WordPerfect, die Tabellenkalkulation Quattro Pro, Corel Presentations, den PIM CorelCentral und die Datenbank Paradox, jeweils in Version 9). Und dann wäre da noch [extern] Anyware Desktop, vormals als Applixware Office bekannt, das unter anderem auch Desktop-Datenbank und Mail-Client enthält. Demnächst soll schließlich noch die von BeOS stammende Office-Suite Gobe Productive ([extern] Review) nach Linux portiert werden.

Das kostenlose KOffice besteht aus Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, Flussdiagramm-Ersteller, Datendiagramm-Ersteller, Vektormalprogramm, Pixelmalprogramm und Reportgenerator. Die Programme sind von unterschiedlicher Qualität, besonders viel Wert wird natürlich auf die Textverarbeitung KWord gelegt. KWord kann noch längst nicht mit MS Word mithalten, insbesondere für geschäftsübliche Dokumente wie Serienbriefe, verfolgt aber einen anderen Ansatz als Word, der eher an DTP-Programme wie Quark Express erinnert: Der Benutzer kann auf einfache Weise Rahmen erstellen, die Text oder Grafiken enthalten. So lassen sich auch komplexe Layouts schnell zusammenbauen. Stilvorlagen, automatische Inhaltsverzeichnisse, Rechtschreibprüfung, Tabellen, Dokumentvariablen, Kopf- und Fußzeilen, Einbindung von Daten anderer Programme und weitere Standardfunktionen beherrscht KWord bereits.

Auch die Tabellenkalkulation bietet nur Grundfunktionen (immerhin über 100 integrierte Formeln), dürfte aber den Anforderungen vieler Excel-Nutzer durchaus genügen und erstellt z.B. auch die üblichen Diagrammtypen über das KChart-Modul. Das Präsentationsprogramm KPresenter ist im Vergleich zum exzellenten PowerPoint noch recht unhandlich, insbesondere im Umgang mit Schriftgrößen (hier stellt PowerPoint automatisch sinnvolle Größen ein). Weitgehende Multimedia- und Effekt-Funktionen von PowerPoint fehlen noch. Zur Grafiksoftware mehr unten, in Arbeit ist weiterhin ein Projektmanagement-Programm. Separat von KOffice wird [extern] KOrganizer entwickelt, ein sehr hübscher und stabiler Terminplaner mit To-Do-Liste, der Standardformate beherrscht (Synchronisation mit PDAs leider noch nicht).

Noch sollte man besonders von Beta-Software nicht zuviel erwarten: Für den Einsatz in Unternehmen ist es sicherlich noch zu früh. Erfreulich ist, dass mit KOffice auch Importfilter z.B. für Microsoft-Formate entwickelt werden, deren Implementierung mangels Dokumentation alles andere als trivial ist. Dank Open Source können diese Filter wiederum auch von konkurrierenden Office-Paketen eingesetzt werden. Leider werden statt dessen verschiedene Filter parallel entwickelt.

KWord ähnelt DTP-Software und kann auch mit komlpexen Dokumenten umgehen.

Natürlich entwickelt auch das GNOME-Projekt einige Office-Applikationen, die allerdings nicht so integriert sind wie KOffice, weder organisatorisch noch technologisch. Zu den [extern] GNOME-Office-Applikationen gehören z.B. die Textverarbeitung AbiWord, die brauchbare Tabellenkalkulation Gnumeric, der Diagramm-Editor Dia, das Malprogramm SodiPodi, der Projektmanager MrProject, die Quicken-änliche Budgetverwaltung GnuCash und das Präsentationsprogramm Achtung (noch in der Entwicklung). Auch das Vorzeigeprojekt GIMP (s.u.) wird zu den Office-Programmen gerechnet. Natürlich lassen sich diese Applikationen auch unter KDE problemlos ausführen.

Wesentlich weiter entwickelt als die entsprechenden GNOME/KDE-Äquivalente ist [extern] StarOffice/OpenOffice, das in c't-Tests regelmäßig als Microsoft Office mindestens ebenbürtig bewertet wurde. Das Projekt wird von Sun aus strategischen Gründen finanziert und steht unter der GPL. In gewisser Weise ist es der Mozilla der Office-Pakete (hinter Mozilla steht AOL), noch nicht wirklich fertiggestellt, aber in stetiger Entwicklung begriffen. Die Textverarbeitung sollte für Word-Nutzer relativ leicht erlernbar sein und importiert typische Word-Dokumente klaglos. Komplexere Dokumente können aber sogar zum Absturz führen. Mit einigen Export- und Import-Tricks sollte man sie dennoch weitgehend retten können.

Auch Powerpoint-Präsentationen lassen sich mit dem OO-Äquivalent wiedergeben, sofern sie keine Windows-spezifischen Elemente enthalten, wie ich bei einer [extern] Präsentation auf der WOS2-Konferenz feststellte. OO enthält natürlich auch eine Tabellenkalkulation und ein Zeichenprogramm. Datenbank, Projektmanager und E-Mail-Client sind dagegen wie der viel kritisierte "Desktop" aus der neuen Version verschwunden. Dennoch wird statt den Einzelapplikationen stets das gesamte OO-Paket geladen, was den Programmstart in die Länge zieht. Nicht-Hacker sollten das Erscheinen der Version 6.0 von StarOffice abwarten, die einfacher zu installieren sein dürfte als die aktuellen Builds der Open-Source-Version (ähnlich wie Netscape 6 vs. Mozilla). An Version 5.2 sollte man sich aufgrund der im Nachfolger entfernten Applikationen und des geänderten Dateiformats besser nicht gewöhnen.

Rekall von theKompany soll wie Access die Erstellung von Datenbanken und Formularen vereinfachen - hier eine Auftragsdatenbank (Formular links, Programmcode rechts).

Da zu den Opfern der StarOffice-Rationalisierung auch die Datenbank gehört, fehlt es derzeit noch an einer mächtigen, freien Desktop-Datenbank für Linux, die mit dem für Firmen unverzichtbaren Access mithalten kann. Mit solchen Programmen lassen sich beliebige Datenbank-Anwendungen (z.B. Kunden-Datenbank, Auftragsbearbeitung usw.) ohne weitgehende Programmierkenntnisse schnell entwickeln. Hier gibt es derzeit zwei erwähnenswerte Open-Source-Projekte, "Knorrs Datenbank", [extern] knoda sowie die objektorientierte Datenbank [extern] bond. Das kommerzielle [extern] Rekall-Projekt der KDE-Firma theKompany ist aber derzeit am vielversprechendsten, und das im Corel-Paket enthaltene Paradox hat sich bereits in vielen Anwendungen bewährt. Da im Prinzip alle Komponenten für eine Desktop-Datenbank bereits existieren - Skriptsprachen, Formulardesigner, Reportgeneratoren, Datenbank-Backends - sollte eine freie Datenbank auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Tatsächlich ist der einzige Grund für ihr Fehlen in KOffice das nicht eingehaltene Versprechen von theKompany, Rekall unter Umständen kostenlos beizusteuern.

Defizite gibt es auch bei Finanz-Software und Homebanking, wo mit [extern] GNUCash aber mittlerweile ein mächtiger Quicken-Konkurrent heranwächst - das Projekt ist aus mehreren anderen hervorgegangen. "Letztendlich soll GNUCash Quicken überlegen sein", erklärte Entwickler Robert Merkel kürzlich in einem informativen [extern] Interview. "Wir möchten, dass unser Programm eingesetzt wird, weil es das beste ist, nicht, weil es frei ist." Er gibt jedoch zu, dass dieser Entwicklungsstand noch nicht erreicht ist. Insbesondere in Sachen Online-Banking mangelt es GNUCash an den notwendigen Modulen (immerhin importiert es QIF-Dateien). Ähnliche persönliche Finanzmanager ([extern] Liste 1, [extern] Liste 2) haben überwiegend das gleiche Problem.

KOrganizer verwaltet Termine und Aufgaben.

Auch an Clients für Finanzbuchhaltung und ähnliches, die in Unternehmen notwendig sind, mangelt es noch -- Pakete wie das von [extern] Ventas sind die Ausnahme. Dass es sich hier um kommerzielle Programme handelt, sollte nicht verwundern, auch wenn langfristig sicher auch freie Alternativen entstehen werden - ein in Java entwickelter Versuch ist z.B. [extern] Linux-Kontor, und das [extern] GNU-Enterprise-Projekt dient gar als Dachorganisation für mehrere Vorhaben.

Letztlich wird die Linux-Evolution in den nächsten Jahren über die Office-Sieger entscheiden, aber wie so oft bei Open Source wird es wohl außer proprietärer Software hier keinen klaren Verlierer geben. Für den Heimgebrauch sind die kompakten KDE/GNOME-Programme bereits ausreichend, für den Firmengebrauch wird man sich eine umfassendere Lösung wie OpenOffice wünschen, die gut mit Office-Dateien funktioniert. Die gesamte Firma samt FIBU auf Linux umzustellen ist derzeit noch ein Wagnis, sofern man nicht auf Fallstudien anderer Unternehmen zurückgreifen kann. Dafür kann man bei geschickter Komponenten-Kombination Tausende Euro an Software-Lizenzgebühren sparen.

Das Vektormalprogramm Sodipodi kann mit den neuen SVG-Dateien umgehen.

Was noch stört, ist die große Zahl unterschiedlicher Dokumentstandards. Praktisch alle genannten Pakete verwenden als bevorzugtes Format offene, oftmals XML-basierte Standards -- aber meist jeweils einen eigenen. Hier wäre die Festlegung auf ein gemeinsames Ausgabeformat eine wesentliche Voraussetzung, damit man problemlos mehrere Office-Pakete parallel testen kann und damit auch Windows-Nutzer Linux-Dateien problemlos importieren können. Auch die Programmierung einheitlicher Importfilter für Microsoft-Formate wäre dann leichter. OpenOffice hat durch die Spezifikation eines sehr weitgehenden offen XML-basierten Formats den Grundstein gelegt - andere müssen nur noch folgen. Ob das jedoch in naher Zukunft geschieht, ist in der fragmentierten Linux-Welt fraglich.

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