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Munition unterm Weihnachtsbaum

Hans-Arthur Marsiske 23.12.2001

Seit dem 11. September können sich Waffenhändler und Anbieter von Sicherheitstechnik in den USA nicht mehr über mangelnde Nachfrage beklagen

Weite Bereiche der Wirtschaft mögen durch die Anschläge vom 11. September gelähmt worden sein. Doch wie immer gibt es auch Profiteure. Zu ihnen zählen die Hersteller von biometrischen Sicherheitssystemen und Waffen.

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Die [extern] New York Times berichtet von einem Anstieg beim Verkauf von Handfeuerwaffen in den USA, der unmittelbar nach dem 11. September einsetzte. FBI-Statistiken zufolge lag er zwischen 9 und 22 Prozent, in Händlerumfragen ist auch von Zuwächsen von über 25 Prozent die Rede. Auffallend sei insbesondere die Nachfrage von Erstkäufern. Für Kurse, in denen der Umgang mit Feuerwaffen geübt wird, haben sich die Wartezeiten von zwei Wochen auf über zwei Monate verlängert.

Vertreter der Polizei und der Waffenindustrie halten die Anschläge vom 11. September für das Hauptmotiv der Waffenkäufe. Manche Käufer äußerten aber auch Befürchtungen über eine allgemein zunehmende Kriminalität, die zudem durch die sich verschlechternde Wirtschaftslage zusätzlich stimuliert würde.

Gefördert werden die Waffenverkäufe jedenfalls auch durch eine aggressive Werbung der Hersteller. Die [extern] Ithaca Gun Company bietet ihr "Homeland Security"-Modell ausdrücklich für "nationale Notzeiten" an, die [extern] Beretta Gun Company hat eine 9-Millimeter-Pistole mit aufgeprägter amerikanischer Flagge im Programm. Titel: "United We Stand".

Ein Waffenhändler in Philadelphia berichtet, die Verkäufe hätten sich mittlerweile wieder etwas normalisiert, lägen aber immer noch über den Zahlen vom vergangenen Jahr. Frauen würden sich eigene Waffen kaufen und ihren Ehemänner Munition unter den Weihnachtsbaum legen. Einige Kunden würden aber auch nur vorbeikommen, um auf die Usama-bin-Ladin-Zielscheiben zu schießen.

Bei Polizisten und Befürwortern stärkerer Waffenkontrolle sorgt der Boom für Beunruhigung. Sie befürchten eine wachsende Zahl von Toten und Verletzten durch Unfälle und im Zusammenhang mit Alltagskriminalität, erwarten aber keinerlei Wirkung gegen Terroristen. "Was wollen Sie tun?", zitiert die New York Times einen Waffenkritiker. "Auf einen mit Anthrax gefüllten Briefumschlag schießen oder eine Boeing 747 mit einer Pistole stoppen? Es ist einfach verrückt."

Mit der Zeit werden wahrscheinlich noch mehr Menschen begreifen, dass terroristische Bedrohungen nicht mit Handfeuerwaffen abgewehrt werden können. Bei den Herstellern biometrischer Sicherheitssysteme könnten die Auswirkungen der Anschläge vom 11. September dagegen von dauerhafterer Wirkung sein.

Es geht dabei um Systeme zur Personenidentifizierung aufgrund einzigartiger Merkmale wie Fingerabdrücke, Stimmenmuster oder Gesichtsproportionen. "Wir haben immer gesagt, dass irgendetwas passieren muss, damit diese Technologie an Bedeutung gewinnt", sagt Robert McCashin, Chef von [extern] Identix in Los Gatos, Kalifornien. Diese Einschätzung scheint sich nun bestätigt zu haben: Seit dem 11. September werden die Firmen, die in den USA entsprechende Systeme anbieten, mit Anfragen überhäuft. Aktienkurse haben sich vervielfacht. Bei Identix erwartet man nun bis 2005 einen Markt von fast 900 Millionen Dollar für biometrische Produkte.

McCashin schätzt, dass es jetzt drei bis vier Jahre eher als bisher erwartet zum Durchbruch biometrischer Systeme auf dem Markt kommen könnte. Und William H. Voltmer, Präsident von [extern] Iridian Technologies in Moorestown, New Jersey, hofft, früher als geplant schwarze Zahlen schreiben zu können. Iridian stellt Iris-Scanner zur Augenerkennung her, die zunächst auf Flugplätzen und Grenzübergängen zum Einsatz kommen könnten. Mit ihrer Hilfe ließe sich die Abfertigung Vielreisender beschleunigen, die zuvor der Speicherung ihrer Daten zugestimmt haben. Im kommenden Jahr soll es außerdem tragbare Iris-Scanner geben, mit denen in Krankenhäusern der Zugang zu medizinischen Daten kontrolliert werden kann.

Ob das große Interesse an diesen Technologien auch tatsächlich in entsprechenden Käufen resultiert, ist derzeit allerdings noch offen. Ohne die Verknüpfung mit entsprechenden Datenbanken sind jedenfalls auch die zuverlässigsten biometrischen Systeme nicht in der Lage, Terroristen zu erkennen. Eine solche Verknüpfung wiederum stößt auf den Widerstand von Datenschützern. Umfragen zeigen jedoch, dass viele Amerikaner bereit wären, für etwas mehr Sicherheit Eingriffe in ihre Privatsphäre zuzulassen. Für die Biometrik-Hersteller ein Anlass zur Hoffnung.

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/11/11379/1.html

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