Wer wird Astronaut?
Hans-Arthur Marsiske 21.01.2002
Fernsehshows und andere, private Initiativen versuchen, die Begeisterung für den Weltraum wieder zu beleben, die den Regierungen zunehmend verloren geht
Raumfahrt kann bei Weitem nicht mehr die Begeisterung wecken wie noch in den sechziger Jahren. Marktanteile im Satellitengeschäft, Kaulquappen in der Schwerelosigkeit und selbst Nahaufnahmen von Jupitermonden interessieren einfach nicht so viele Menschen wie die erste Landung von Astronauten auf dem Mond. Staatlich finanzierte Raumfahrtprogramme zeigen wenig Interesse, daran etwas zu ändern.
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| Canadian Arrow |
Private Initiativen entwickeln dafür umso mehr Entschlossenheit, auch den Menschen außerhalb der Raumfahrtindustrie und der Wissenschaftsgemeinde den Weltraum näher zu bringen. Noch ist offen, wieviel Kraft diese verschiedenen Projekte tatsächlich bündeln können. Angesichts der Entwicklung der letzten Jahre stehen die Chancen jedoch nicht schlecht, dass dieses Jahrzehnt eine deutliche Schwerpunktverlagerung von staatlich zu privat betriebener bemannter Raumfahrt bringen könnte.
Schon seit fast sechs Jahren bemüht sich die
X-Prize Foundation darum, die Entwicklung eines privaten Trägersystems für bemannte Weltraumflüge durch einen Wettbewerb voranzubringen. 10 Millionen Dollar winken demjenigen, dem es gelingt, ein Raumschiff zu bauen, das zweimal innerhalb von zwei Wochen drei Passagiere in eine Höhe von mindestens 100 Kilometern befördern kann. Gegenwärtig bemühen sich 20 Teams um den Preis. Zuletzt wurde vor einem Jahr
Canadian Arrow als neuester Mitbewerber registriert. Teamleiter Geoffrey Sheerin glaubt, in weniger als 30 Monaten vom Design bis zum ersten Flug kommen zu können. Das wäre ungefähr Mitte 2003.
In dem Jahr soll auch die
erste Fernsehshow ausgestrahlt werden, die zum Teil im Weltraum spielt. "Ancient Astronaut" lautet der Titel der von der US-Firma
Image World Media geplanten Gameshow. Insgesamt 25 Teilnehmer kämpfen darin um einen Platz in einer Sojuskapsel, mit der der Sieger zu einem acht- bis zehntägigen Aufenthalt in der Internationalen Raumstation (ISS) fliegen darf - sofern dort ausreichend Platz vorhanden ist. Ansonsten gibt es halt nur einen Sojus-Flug ohne Andocken an die ISS.
Die Teilnehmer werden zunächst in fünf Teams aufgeteilt, die an verschiedene exotische und mystische Orte geschickt werden, die in dem Ruf stehen, früher einmal von Außerirdischen besucht worden zu sein. Dort, im nordenglischen Stonehenge oder bei den ägyptischen Pyramiden, müssen sie unter Verwendung von Werkzeugen und Methoden ihrer antiken Vorfahren Aufgaben lösen, wobei ihnen gelegentlich "Außerirdische" zu Hilfe kommen können. Die Gewinner dieser ersten Runde werden dann nach "Star City" geschickt, dem russischen Trainingszentrum für Kosmonauten, wo sie gegeneinander um den Platz in der Sojuskapsel kämpfen. Kandidaten können sich jetzt schon bewerben: contestant@imageworldmedia.com.
Im Unterschied zu Sendeformaten im Stil von "Big Brother", bei denen der Kampf von Jedem gegen Jeden im Vordergrund steht, betont "Ancient Astronaut" bewusst die Kooperation. "Was wir anstreben, ist 100 Prozent positiv, 100 Prozent Teamwork", sagt ImageWorld-Media-Chef Danny McGill. "Wir versuchen zu zeigen, was passiert, wenn Menschen miteinander kooperieren."
Das überzeugte auch Jeffrey Manber, den Präsidenten von
MirCorp, der Organisation, die mit Dennis Tito den ersten Weltraumtouristen in den Orbit brachte und deren erklärtes Ziel die Errichtung einer privaten Raumstation in der Erdumlaufbahn ist. Andere Produzenten, mit denen Manber zuvor gesprochen hatte, hätten "antagonistische Shows" vorgeschlagen, mit Teilnehmern, die sich gegenseitig fangen und untereinander Misstrauen säen sollten. Das Konzept von ImageWorld, so Manber, passe dagegen besser zu der Marke, die MirCorp in die Raumfahrt einführen wolle.
Über insgesamt 13 Episoden soll die Show laufen, bevor der Gewinner feststeht. Dessen Flug ins All hat gute Chancen, mehr Aufmerksamkeit zu finden als der von Dennis Tito. Denn im Unterschied zu Tito hätten die Fernsehzuschauer dann ausreichend Gelegenheit, den glücklichen Passagier kennenzulernen und werden dessen Weltraumabenteuer mit entsprechend größerem Interesse verfolgen.
Train today, fly tomorrow (It's almost that simple.)
Now, you can qualify to fly to the International Space Station without having to be a career astronaut or cosmonaut.
Orbital Qualifications Program: $200,000.00 per person
International Space Station Flight: $20,000,000.00 per person
Space Adventure
"Ancient Astronaut" dürfte eine weitere Bresche zur Öffnung des Weltraumtourismus-Marktes schlagen. Damit gerät der Weltraum einerseits näher in die Reichweite gewöhnlicher Menschen. Andererseits weckt dieser Prozess auch Ängste, dass der Kapitalismus sein auf der Erde begonnenes Zerstörungswerk nun auch im All fortsetzen könnte.
Das ambitionierteste private Raumfahrtprojekt ist geeignet, diese Befürchtungen, wenn schon nicht ganz zu zerstreuen, so doch zumindest ein wenig zu dämpfen. Robert Zubrin, Präsident der
Mars Society, die als Fernziel eine privat finanzierte, bemannte Mission zum Mars anstrebt, erklärte kürzlich im
Interview, dass die hierfür eingeworbenen Gelder gewiss keinen Profit bringen würden. Dennoch glaubt er, dass es möglich ist, die Finanzierung des auf acht Milliarden Dollar geschätzten Projekts zustandezubringen, wenn die Mars Society sich durch immer größere Vorhaben schrittweise die nötige Glaubwürdigkeit erarbeiten kann. So hat die Mars Society bereits eine Forschungsstation im Norden Kanadas errichtet, die die Ausrüstung für zukünftige Mars-Astronauten testet. Ein Experiment in der Erdumlaufbahn soll demnächst an Mäusen die biologischen Auswirkungen künstlicher Schwerkraft untersuchen. Mittelfristig sollen auch unbemannte Sonden zum Mars geschickt werden.
Angesichts einer
staatlichen Raumfahrtpolitik, die sich zunehmend dem Gedanken der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit und damit dem Profit verschrieben hat, kann man eine solche Äußerung schon fast als antikapitalistisches Fanal empfinden. Zubrin sieht sich indessen nicht als Gegner staatlich betriebener Raumfahrt, sondern strebt im Gegenteil eine Zusammenarbeit mit Regierungsinstitutionen an. Wenn es ihm und seinen Mitstreitern gelänge, Politiker daran zu erinnern und vielleicht sogar davon zu überzeugen, dass Konkurrenzfähigkeit kein Selbstzweck sein darf, sondern allenfalls die Voraussetzung, um andere, höhere Ziele zu erreichen, wäre schon viel gewonnen.