Männer zufriedener als Frauen?
Hans-Arthur Marsiske 25.01.2002
Wissenschaftler befragen Intersexuelle nach der Akzeptanz des ihnen zugewiesenen Geschlechts
Unter etwa 2.000 Neugeborenen gibt es eins, dessen Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden kann. Es liegt dann an den Eltern, sich für eins zu entscheiden. Für eine Variante solcher
Intersexualität, den "Mikropenis" , haben Wissenschaftler jetzt ermittelt, dass die
Wahl des männlichen Geschlechts zu größerer Zufriedenheit führt.
Ein Mikropenis entsteht, wenn das Peniswachstum während der beiden letzten Drittel der Schwangerschaft gestört ist. Im Zusammenhang damit kann es auch zu verminderter Testosteron-Produktion und später zu eingeschränkten männlichen Sexualfunktionen kommen. Aus diesem Grund entschließen sich manche Eltern, ihr Kind als Mädchen zu erziehen. Unterstützt durch eine chirurgische Anpassung des Geschlechtsorgans hoffen sie, ihm zu einer stärkeren sexuellen Identität, positiver Körperwahrnehmung und befriedigendem Sexualleben verhelfen zu können.
Eine jetzt in der Zeitschrift
Hormone Research veröffentlichte Studie kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Forscher befragten 13 Männer und 5 Frauen, bei denen Mikropenis diagnostiziert worden war, nach ihrer Geschlechtsidentität, der Zufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht und der Zufriedenheit mit den Geschlechtsorganen. Ein Mann und eine Frau antworteten gar nicht, von den übrigen waren bis auf einen Mann alle mit ihrer jeweils angenommen Identität zufrieden. Ihre Genitalien mochten dagegen die Hälfte der Männer, von denen einige ihren Penis durch Testosteron-Gaben hatten vergrößern können, aber nur eine Frau.
Die Autoren der Studie sind zurückhaltend mit Schlussfolgerungen. Aus der statistisch kaum abgesicherten größeren Zufriedenheit der Männer wollen sie keine grundsätzliche Empfehlung ableiten, Kinder mit Mikropenis als Jungen zu erziehen. Sie weisen aber darauf hin, dass bei Mädchen kompliziertere und aufwendigere chirurgische und hormonelle Eingriffe erforderlich sein können. "Unsere Empfehlung, solche Babys männlich zu erziehen", sagt Amy Wisniewski von der Johns Hopkins University, "beruht nicht auf Problemen mit der Geschlechtsidentität, sondern auf den Schwierigkeiten, die sich aus der chirurgischen Konstruktion einer Vagina und der nachfolgenden Hormonbehandlung ergeben."
Interessengruppen von Trans- und Intersexuellen> fordern indessen, mit chirurgischen Eingriffen so lange zu warten, bis die Betroffenen selber darüber entscheiden können. Die Frage, wie dem Leid am uneindeutigen Geschlecht begegnet werden kann, ist wohl weniger ein medizinisches Problem als ein kulturelles.