Im Namen der Freiheit
Oliver Frommel 14.02.2002
Mit einem Linux-Cluster macht Brewster Kahle Free-Content-Träume wahr und stellt 1000 Filme ins Internet
In Peer-to-Peer-Netzen (P2P) wird gerne getauscht. Auch urheberrechtlich geschütztes Material. Das ist kein Geheimnis. Aber schon die Möglichkeit an sich scheint Legitimation genug, Peer-to-Peer-Netze zu verbieten oder sie mit einem Mechanismus auszustatten, der die Weitergabe von Material, dessen Copyright bei Medienkonzernen liegt, einzuschränken - und den Service damit uninteressant zu machen, wie im Beispiel Napster. Gerade kämpft Kazaa, zusammen mit Morpheus, einer der Umschlagplätze auch für gerippte DVDs und ähnliches, gegen seinen Untergang (
KaZaA wird verkauft).
Gleichzeitig offenbart das P2P-System eigene Schwächen. So besitzen viele Teilnehmer einen ADSL-Anschluss (z.B. T-DSL), dessen A im Namen auf eine unangenehme Eigenschaft hinweist: es ist eine asymmetrische Verbindung, die Bandbreite 'upstream' macht nur ungefähr 1/8 der gesamten Kapazität aus. Schön für Konsumenten, weniger gut für Menschen, die auch Daten anbieten wollen.
In dieselbe Richtung geht eine Kritik, die sich an den Inhalten der Tauschbörsen stößt. Viel zu viel Material ist nichts anderes, als das, was es ohnehin in jedem Plattenladen und jeder Videothek gibt. Im Bereich Musik mag man noch Ausgefallenes finden, aber bei Filmen erschöpft sich das Angebot in den üblichen Blockbustern. Da scheinen die Medienkonzerne recht zu behalten, die in den P2P-Services nichts anderes sehen, als einen Umschlagplatz für Raubkopien. Es liegt natürlich nicht in der Natur des P2P, scheint aber zumindest eine Tatsache, dass sich Kulturprodukte außerhalb des Mainstreams, insbesondere Dokumentar- oder Experimentalfilme, kaum in den Tauschbörsen wiederfinden. Dabei ließen sich in diesem Bereich wohl leichter Arrangements finden, die in einer vernünftigen Weise mit dem Urheberrecht umgehen, als mitten im Herzen der Kommerzialisierung gegen
MPAA oder
RIAA.
Nun haben die Macher des größten
Archivs von Webseiten neben ihrer wayback machine (
Alle Macht den Archivaren!) mehrere Multimedia-Archive angelegt. Eines von diesen, das 'TelevisionArchive' befindet sich noch in der Testphase und bietet Mitschnitte der Fernsehberichterstattung rund um den 11.September an. Und zwar nicht nur von einigen amerikanischen Sendern, sondern auch vom russischen, japanischen oder irakischen Fernsehen. In einem einfachen System kann man sich durch die Thumbnails, also verkleinerte Standbilder der Programme, bewegen und sich dann die Sendungen in einem Streaming-Format ansehen. Das Material wurde so aufbereitet, dass es sowohl für kleine Bandbreiten, als auch in hochwertiger Qualität zur Verfügung steht. Downloadbar sind die einzelnen Programme allerdings nicht.
Das Ganze ist als Basis für eine kritische Medienbetrachtung gedacht und die Nutzung offiziell auch auf diesen Zweck
beschränkt. Dementsprechend findet auf der Site auch eine theoretische Auseinandersetzung statt, in Form einiger Artikel, die sich mit der Fernsehberichterstattung zu den WTC-Attentaten beschäftigen.
Das
TelevisionArchive ist eine nicht-kommerzielle Organisation, aber dahinter steckt Brewster Kahle und seine Firma Alexa, die 'Web Information Company'. Brewster Kahle ist das, was man so gerne einen Internet-Pionier nennt. Früher war er einmal bei der in Geek-Kreisen legendären Firma
Thinking Machines beschäftigt, später erfand er das mittlerweile vergessene Informationssystem
WAIS, auf das eine zeitlang große Hoffnungen gesetzt wurden. Er ist genau der Typ von Idealist, der so oft als leuchtendes Beispiel für die Kultur des Internet angeführt wird. Und dabei ist er so realistisch, dass er in seinen Visionen immerhin die Problematik der digitalen Kluft erwähnt (
Die Wissenskluft wird größer:
Und Brewster Kahle macht seine Visionen wahr. Insgesamt stellt er mit seinen MitarbeiterInnen über
100 Terabytes Informationen im Internet-Archiv frei zur Verfügung. Den größten Teil davon stellen die
archivierten Websites dar, aber besonders interessant ist die
Sammlung von altem Filmmaterial, aus der Sammlung von Rick Prelinger, der selbst einen
radikalen Standpunkt in Bezug auf das Copyright vertritt.
Fast 1000 Filme aus dem
Prelinger-Archiv wurden abgetastet, auf Beta-Kassetten gespeichert und schließlich digitalisiert. Ganz der Tüftler und Geschäftsmann, hat sich Kahle natürlich auch einige kleine Aufgaben in dem Projekt gestellt. So war ein Ziel eine möglichst kostengünstige Datenspeicherung und -indexierung. Erreicht wurde das mit handelsüblichen PCs und großen IDE-Festplatten, zusammengeschaltet zu einem
Cluster, gesteuert vorwiegend durch selbstgebastelte Software, deren Veröffentlichung als 'Open Source' geplant ist.
Die absonderlichsten Filme zwischen 1903 und 1973 stellt die Filmsammlung des Internet-Archivs nun zur Verfügung. Und nicht nur als qualitativ hochwertige Streams, sondern auch zum Download als DivX :-), MPEG-4, MPEG-2 und teilweise Video-CD MPEG-Stream. Verblüffend ist die gute Qualität der Filme, die auf das Know-How verweist, das hinter dem Projekt steckt. Die Filme stehen tatsächlich zur freien Verfügung und Kahle fordert explizit dazu auf, mit dem Material zu arbeiten.
Dass man damit einiges anfangen kann, zeigt ein Wettbewerb, den das Filmarchiv ausgeschrieben hatte, mit dem Thema
The World at War. Das Archiv ist eine bizarre Sammlung von Propaganda-, Aufklärungs- und Werbefilmen, durchweg US-amerikanische Produktionen, was vor allem an dem zu dieser Zeit
weniger restriktivem Copyright liegt. Kahle sieht die Notwendigkeit, mehr hochwertige Inhalte ins Web zu bringen, wenn schon das Internet als neues Leitmedium gilt, und versucht mehr Leute dazu zu bewegen, altes Material zu digitalisieren und zur Verfügung zu stellen. Die Sammlung, die jetzt dank Brewster Kahle und Rick Prelinger existiert, ist großartig, wenn auch sicher noch etwas einseitig. Wann öffnen die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland ihre Archive?