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Astrobiologie ist mehr als die Suche nach ET

Hans-Arthur Marsiske 14.02.2002

Wissenschaftler warnen vor einer Verengung der Forschungsperspektive

Der wohl beste Science-Fiction-Film der DDR entstand im Jahre 1959 nach einer Geschichte von Stanislaw Lem. "Der schweigende Stern" (Regie: Kurz Maetzig) erzählt von einer Expedition zur Venus, die dort die Überreste einer untergegangenen Zivilisation findet. Als jedoch wenige Jahre später die ersten realen Raumsonden den Planeten aus der Nähe untersuchten, wurde dieser Fantasie rasch der Boden entzogen: Eine Atmosphäre aus Kohlendioxid und Schwefelsäure, deren Treibhaustemperaturen Blei schmelzen lassen, erstickte alle Hoffnungen, hier Leben zu finden.

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Computergeneriertes Bild von Maat Mons auf der Venus. Foto: Nasa

Das Interesse an unserem Schwesterplaneten ist seitdem deutlich gesunken. Im Astrobiologie-Programm der NASA spielt die Venus derzeit überhaupt keine Rolle. Das sei grundfalsch, protestieren jetzt die beiden Weltraumforscher Michael J. Drake und Bruce M. Jakosky in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift [extern] Nature. Astrobiologie sei weit mehr als die Suche nach außerirdischen Lebensformen. Es gehe vielmehr um ein tieferes Verständnis der Bedingungen, die die Entstehung von Leben ermöglichen, begünstigen - oder ausschließen. "Was", fragen sie, "könnte wichtiger sein als die Antwort auf die Frage, warum die der Erde so ähnliche Venus so unbewohnbar ist?"

Astrobiologie hat sich seit Mitte der neunziger Jahre zu einem Brennpunkt der Weltraumforschung entwickelt, der die Kräfte bündelt wie zuvor nur das Wettrennen zum Mond in den sechziger Jahren. Die Entdeckung extrasolarer Planeten hat dazu ebenso beigetragen wie die Debatte um mögliche Lebensspuren auf dem Mars-Meteoriten ALH84001 oder neue Erkenntnisse über irdische Organismen, die unter extremen Bedingungen existieren. Auf einmal scheint die Wahrscheinlichkeit für Leben außerhalb der Erde wieder dramatisch zu steigen. In unserem Sonnensystem konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Astrobiologen insbesondere auf Mars und den Jupitermond Europa.

Drake und Jakosky warnen vor einer solchen Verengung der Perspektive. Sie räumen zwar ein, dass der Nachweis von Leben auf einem anderen Himmelskörper größere Schlagzeilen produzieren würde, als im umgekehrten Fall. Für die Erforschung des Lebens seien aber beide Ergebnisse gleichermaßen bedeutend. Das Astrobiologie-Programm wäre nicht "gescheitert", wenn weder auf dem Mars noch auf Europa Leben gefunden würde.

"Ja, wir möchten wissen, ob wir allein im Universum sind. Aber dafür müssen wir wissen, wie sich Planetensysteme formen, wie sich Planeten entwickeln, wie sie im Innern aussehen, wann und wie sich Ozeane und Atmosphären bilden, und wie und warum es zu lebensfördernden Umgebungen kommt."


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Welche Bedeutung etwa haben planetare Magnetfelder für die Entwicklung von Atmosphären oder für den Schutz von Lebensformen vor kosmischen Strahlen? Ist ein großer Planet wie Jupiter notwendig für die Entwicklung komplexen Lebens, weil er durch seine Schwerkraft gefährliche Kometen ablenkt?

Unterdessen hat Richard Greenberg, Professor für Planetenwissenschaft an der University of Arizona, Tucson, in der Zeitschrift [extern] American Scientist weiter die Hoffnungen geschürt, auf Europa nicht nur einfaches, sondern möglicherweise sogar höher entwickeltes Leben zu finden. Die durch den Mutterplaneten Jupiter ausgeübten Gezeitenkräfte, so vermutet er, sorgen dafür, dass die Eisoberfläche des Mondes immer wieder aufbricht oder an vereinzelten Stellen schmilzt und der darunter liegende Ozean mit lebenswichtigen Grund- und Nährstoffen durchmischt wird. Die Verhältnisse könnten das richtige Verhältnis von Stabilität und Wandel bieten, um die Evolution von Lebensformen zu ermöglichen.

Zur gleichen Zeit streiten Politiker im US-Bundesstaat Ohio darüber, ob die Theorie des "Intelligenten Designs" an den Schulen gelehrt werden soll. Anders als die bibeltreuen Kreationisten lehnen die Anhänger dieser Theorie die Evolutionslehre nicht rundweg ab. Sie erkennen an, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist und sich die hier lebenden Organismen im Lauf der Zeit verändert haben und weiter verändern. Aber sie bezweifeln, dass die Komplexität der Pflanzen und Tiere ausschließlich durch den Prozess natürlicher Auslese zustande gekommen sein kann. Ein intelligenter Designer müsse alles in Gang gesetzt haben.

Gegner halten die Lehre für ein religiöses Konzept, das im Biologieunterricht nichts zu suchen habe. Aber unabhängig davon, welcher Seite man zuneigt, kann allein schon dieser immer wieder aufkeimende Streit um den Ursprung des Lebens als Bestätigung der Forderung Drakes und Jakoskys dienen, die Klärung dieser Frage möglichst umfassend anzugehen - und sich dabei auch auf mögliche Enttäuschungen einzustellen.

"Wenn wir Glück haben", schreiben sie am Ende ihres Essays, "mögen unsere gegenwärtigen Anstrengungen uns eine Antwort auf die Frage erlauben, ob wir allein im Universums sind. Aber sie werden nicht die wichtigere Frage beantworten: Warum?"


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