Starbuck gegen den Leviathan?
Oliver Frommel 04.06.2002
In Gerd Conradts Dokumentarfilm wird der Weg des schüchternen Holger Meins zum todesbereiten Terroristen nachgezeichnet
Die RAF ist Geschichte, die RAF ist Thema. Zum 25. Jahrestag der Verurteilung der ersten RAF-Generation bringt die taz mehrere Specials zur Geschichte der Rote Armee Fraktion. So war vor kurzem auf sieben Seiten über die Haftbedingungen der Gefangenen in Stammheim zu
lesen. Spiegel-Kolumnist Reinhard Mohr weiß gar von einem
aktuellen RAF-Retro-Trend zu berichten. Nun läuft im Kino der Dokumentarfilm
Starbuck - Holger Meins, ein persönliches Porträt des Menschen hinter dem angeblichen Terroristen.
Die Geschichte der RAF ist auch eine Geschichte von Toten. Es waren ihre Opfer, aber auch viele RAF-Mitglieder fanden selbst einen gewaltsamen Tod. Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader starben während ihrer Inhaftierung, nachdem die Entführung der Lufthansa-Maschine 'Landshut' von der GSG-9 beendet wurde. Die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht endgültig geklärt. Schon als 1976 Ulrike Meinhof in ihrer Zelle erhängt aufgefunden wurde, war die Hypothese staatlichen Mordes stets latent. Holger Meins war 1974 der erste mutmaßliche RAF-Terrorist, der im Gefängnis an den Folgen eines Hungerstreiks starb.
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| Schily, Ströbele und Dutschke beim Begräbnis von Holger Meins |
Bevor er sich zum bewaffneten Kampf gegen den Staat entschloss, war er von 1966 bis 1968 Student an der Filmhochschule
DFFB - bis er dort ausgeschlossen wurde, weil er mit Kommilitonen das Rektorat besetzt hatte. Gerdt Conradt war einer von ihnen, und er hat über viele Jahre an einem Film über Holger Meins gearbeitet, der jetzt in den Kinos läuft.
Der Film setzt sich vor allem aus aktuellen Interviews mit Zeitzeugen und aus alten Fotografien und Filmaufnahmen von Holger Meins selbst zusammen. Die "Herstellung eines Molotow-Cocktails" ist als legendärer Agitationsfilm Holger Meins' leider verloren gegangen. Dafür ist eine Rekonstruktion dieses Films einer aktuellen Klasse der DFFB im Film zu sehen - nur ist dabei am Ende nicht das Springerhochhaus, sondern Niketown als mögliches Objekt der Zerstörung zu sehen.
Holger Meins' ehemaligen Kommilitonen kommt im Film die Rolle zu, dessen künstlerische Produktion mit seiner Persönlichkeit und insbesondere auch mit seiner politischen Entwicklung in Beziehung zu setzen. Es entsteht der Eindruck eines sensiblen, künstlerisch begabten Menschen, der nicht leicht mit dem gewalttätigen Terroristen zusammengeht, den die staatliche Geschichtsschreibung suggeriert. Die Äußerungen der ehemaligen Studienkollegen wirken zum Teil sehr bemüht, ihre Bekanntschaft mit Holger Meins bedeutsam erscheinen zu lassen und auch die richtigen Bezüge zwischen Politik und Kunst herzustellen. Da ist die Rede von der Kamera als Waffe, auch wenn man als Zuschauer eher den Eindruck gewinnt, sie hätte dem schüchternen Holger Meins vielleicht mehr als Schutzschild gedient.
Holger Meins' Briefe, die im Film zu Gefängnisbildern vorgelesen werden, sind durchsetzt von revolutionärem Pathos. Wieder einmal bestätigt sich die These, dass natürlich auch der innere Kern der RAF keine einheitliche, kohärenten Theorie der Revolution vertrat und lebte. Holger Meins zitiert gerne Mao, doch was dachte er eigentlich selbst? Ein Zitat, das im Film auftaucht und auch auf dem Plakat Holger Meins zugeschrieben wird, ist im übrigen von einem der Anführer der
Black Panther, Eldridge Cleaver, und taucht am Ende des RAF-Manifestes
Das Konzept Stadtguerilla auf.
Otto Schily ist als Verteidiger der Terroristen oft im Film zu sehen. Er lud damals sogar Rudi Dutschke ein, zum Begräbnis von Holger Meins mitzukommen. Klar, dass bei solchen Szenen angesichts der gegenwärtigen politischen Aktivitäten Schilys im Publikum leicht hysterische Heiterkeit aufkommt.
Auf einer Pressekonferenz in Stuttgart beschuldigten die Anwälte der Baader-Meinhof-Gruppe die Justizbehörden, Holger Meins ermordet zu haben. Der Berliner Rechtsanwalt Schily sprach von einer Hinrichtung auf Raten.
NDR-Fernsehbericht zum Tod von Holger Meins
Auch Helmut Schmidt zeigt sich schon in der Rolle des Hardliners, die er später im Krisenstab zur Perfektion bringen wird.
... und darüber hinaus soll ja niemand vergessen, dass der Herr Meins Angehöriger einer gewalttätigen, andere Menschen vom Leben zum Tode befördert habenden Gruppe, nämlich der Baader-Meinhof-Gruppe war. Und nach alledem was die Angehörigen dieser Gruppe Bürgern unseres Landes angetan haben ist es allerdings nicht angängig, sie, solange sie ihren Prozess erwarten, in einem Erholungsheim unterzubringen. Sie müssen schon die Unbequemlichkeiten eines Gefängnisses auf sich nehmen.
Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Holger Meins' Tod
"Starbuck ist der Name des Steuermanns", ist in den meisten Artikeln zu "Starbuck - Holger Meins" zu lesen. Aber nie, dass er Käptain Ahab umbringen wollte, um der Mannschaft das Überleben zu ermöglichen. Wie weit kann man diese Analogie zu Moby Dick strapazieren? Angeblich hatten alle Gefangenen in Stammheim den Roman in ihrer Zelle, und sie benutzten Charaktere daraus als Decknamen in ihrer verdeckten Kommunikation. Ein Bild jedenfalls, das den ehemaligen BKA-Mann Klaus fasziniert. Später im Film geht Wolf noch soweit, die Hypothese aufzustellen, Gudrun Ensslin habe Holger Meins den Tod nahegelegt.
Starbuck war ein besonnener, ruhiger Mann, der vergeblich versucht hat, den Ahab von seinem Wahnsinn abzuhalten, den weißen Wal erlegen zu wollen. Und da ich selber zur See gefahren bin, war ich von diesen Metaphern fasziniert und habe daran gedacht, dass sie - entweder bewusst oder unbewusst - die "Pequod", dieses Schiff, das dann unterging im Kampf mit dem weißen Wal, verglichen hat mit der "Roten Armee Fraktion". Der weiße Wal, der Staat, der Leviathan, den es zu verfolgen galt, den man mit allen Mitteln bekämpft hat ohne Rücksicht auf Verluste. Und Ahab hat praktisch die RAF mit in den Tod, in den Untergang gerissen.
BKA-Beamter Alfred Klaus
Damit gibt Wolf gibt ein zugespitztes Freund-Feind-Schema wieder, das sich an Carl Schmitts Bestimmung des Politischen orientiert, genauso wie die Charakterisierung der Auseinandersetzung Staat-RAF als Krieg durch Friedrich Zimmermann im "Todesspiel" von Heinrich Breloer. Merkwürdig ist dabei nur, dass andererseits der politische Status der durch RAF-Angehörige begangenen Verbrechen konsequent innerhalb der Strafverfolgung ausgeblendet wurde und wird.
Dem Film wurde in Kritiken oft vorgeworfen, dass er zu wenig politisch sei. Dabei wird übersehen, dass es für die Darstellung des Politischen keine einheitliche Form geben kann. Überhaupt ergibt sich in der Geschichtsschreibung der RAF - zu der auch der Dokumentarfilm beiträgt - offenbar viel eher das Problem, dass das Private gerade nicht vom Öffentlichen getrennt werden kann, wie dies in der staatlichen Geschichtsschreibung geschieht. Helmut Schmidt sagt im "Todesspiel", ein persönliches Gespräch mit den Terroristen während der Schleyer-Entführung wäre "der Würde des Amtes nicht angemessen gewesen". Im Film erscheint es so, als sei die Persönlichkeit Holger Meins durch den Eintritt in die RAF völlig absorbiert worden. In seinem Hungertod gab er seinen Körper als Opfer. Letztlich muss die Frage offen bleiben, ob sein Tod wiederum kalkuliert als politische Handlung zu sehen ist.
"Also so, wie ich die Briefe und den Hungerstreik von Holger verstehe, hat er gewusst, dass er sterben wird und hat das auch bewusst gemacht. So wie ich ihn verstanden habe, so wie ich ihn auch vorher erlebt habe, wusste er, worauf er sich einlässt und hat das auch bewusst in Kauf genommen. Nicht, dass er sterben wollte, aber er hat gesagt, das ist der Preis, den ich bezahle, oder das ist die Konsequenz, die es haben kann und ich bin bereit, die auch zu tragen.
Margrit Schiller
Es ist tatsächlich schwer, den jungen philosophierenden Menschen mit dem angeblich gewalt- und todesbereiten Terroristen zusammenzubringen. Einen Krieg gegen sich selbst diagnostiziert Rainer Langhans bei Holger Meins. Beide wohnten eine Zeit lang zusammen in der Kommune 1 - Holger Meins als ein verzweifelter junger Mann auf der Suche nach sich selbst und nach Gemeinschaft. Die war selten die Kommune 1, und dann endlich der Kern der RAF. Mit Jan-Carl Raspe und Andreas Baader sei er wirklich befreundet gewesen, erzählt Margrit Schiller, die zu dieser Zeit dabei war.
Es gibt niemandem, dem ich zutiefst vertraue und glaube, von dessen Wahrheitswillen und Zuständigkeit ich überzeugt bin. Ich kann mich nicht mit bloßem Betrachten und Ausdeuten des Gewesenen begnügen, sondern muss weiter Fragen bis zur letzten Frage, bis in den Bereich, wo es um Sein oder Nicht-Sein geht. Auch auf die Gefahr hin, dass man daran zerbricht.
Holger Meins im "Bildungsbericht", 12.Klasse