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Marcus Hammerschmitt 09.06.2002

Über Walsers umstrittenes Buch "Tod eines Kritikers", das bereits als Raubkopie im Internet zirkuliert

Der neue Roman Martin Walsers hat durch eine brillante Markteinführungsstrategie schon vor seinem Erscheinen soviel Wirbel verursacht, dass er als Raubkopie durch das Internet geistert. Das ist auch schon sein größter Erfolg (s.a. [local] La règle du jeu).

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Seit Frank Schirrmachers wütender [extern] Ankündigung, Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" nicht in der FAZ abzudrucken, gibt es in der deutschen Literaturlandschaft nur noch ein Thema: Ist der Roman antisemitisch oder nicht? Aber das ist die falsche Frage, und die richtige, nämlich ob Martin Walser mit antisemitischen Versatzstücken spielt, um Aufmerksamkeit zu erzwingen, ist längst beantwortet: Natürlich tut er das. Wie Jürgen W. Möllemann hat er die Aufmerksamkeitsstrategie der rechten Skinheads, die Anfang der Achtziger mit den letzten Tabus zu brechen begannen, auf Bundesliganiveau angehoben, und seit seiner Paulskirchenrede 1998 war vollkommen klar, dass er das absolut berechnend und darüber hinaus aus persönlicher Eitelkeit tut.

Walser hat seine antisemitischen Köder so offen ausgelegt, dass sie den Beißreflex im deutschen Feuilleton auslösen mussten, und Frank Schirrmacher hat, ohne groß nachzudenken, mit einem hitzigen "J'accuse!" zugebissen. So weit, so schlecht.

Was aber taugt der Text selbst? Kann man ihn überhaupt noch unabhängig von seiner ekelhaften politisch-gesellschaftlichen Positionierung erörtern? Marcel Proust hat bei seiner Diskussion der [extern] Dreyfus-Affäre in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" darauf hingewiesen, dass Antisemiten nicht dumm sein müssen, auch wenn sie an mindestens an einem Punkt blind sind, und er beantwortet die Frage, ob sie stilistisch souveräne Literatur schreiben können, uneingeschränkt mit "ja". Möglicherweise wäre ihm diese Einschätzung schwerer gefallen, wäre er Zeitzeuge des Holocaust geworden, dennoch muss an Bücher wie "Tod eines Kritikers" die Frage nach dem literarischen Rang erlaubt sein.

Unter diesem Aspekt betrachtet, ist "Tod eines Kritikers" ein Desaster. Man braucht nicht Marcel Reich-Ranicki, seine lächerlichen ästhetischen Kategorien und sein albernes Gehabe zu mögen, um in diesem Fall das Verdikt über den Walserschen Text voll zu teilen: 6, setzen. Das betrifft nicht nur den hanebüchenen Plot, die jämmerlichen multiplen Selbststilisierungen des Autors und die randalierende Häme, die sich hier als Satire tarnt, sondern vor allem das sprachliche Niveau. Beispiele gibt es zuhauf:

"Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehen zu verabschieden."


Den Spruch vom aktuellen Tendieren findet Walser so amüsant, dass er ihn zweimal auf einer Seite im Zusammenhang mit der Figur Wesendonck benutzt, damit der Leser es auch wirklich begreift. Gedrechselte Neologismen und ein Tonfall der gespreizten Originalität durchziehen das ganze Buch. "Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung", "Zeitgeizig sind wir beide", usw. usf., ad nauseam. Dazu eine unerträgliche pseudo-empfindsame Raunerei, die man nicht beschreiben, sondern nur zitieren kann. Einen Kriminalhauptkommissar lässt er am Telefon die wahrhaft historischen Sätze äußern:

"Jeder Mordfall sei eine Tragödie. Und zwar im vollen historischen Sinn dieses Wortes. Aber es sei uns einfach nicht gestattet, eine solche Tragödie geschehen zu lassen, ohne zu versuchen, ihr gerecht zu werden, was soviel heiße wie, seine Stimme wurde jetzt ganz leise: Wir müssen sie aufnehmen in unsere Sprache, in unsere darauf vorbereitete Tradition, wir müssen sie uns zu eigen machen, durch Teilnahme, werter Herr, und den, dem sie passiert ist, aus seiner entsetzlichen Isolierung erlösen."


Zusammen mit der antisemitischen Koketterie ist es vor allem dieses gefühlig-menschelnde Genuschel, dieses unablässige Herumdoktern an empfundenen Gründen, das die Lektüre zu einer Qual macht. Was die mangelnde Treffsicherheit der Satire angeht, sei nur die Passage angeführt, in der das Rätsel um den vermeintlichen Tod des Kritikers aufgelöst wird, und zwar von der Geliebten, mit der der Kritiker geturtelt hat, statt tot zu sein:

"Sie, Cosi von Syrgenstein, hätte es in der Hand gehabt, André Ehrl-König für länger, vielleicht für sehr lange dem Literaturleben zu entziehen. Das hätte aber geheißen, dass auch sie selber mit einem Wonnemondabseits zufrieden gewesen wäre. Das wäre sie aber nicht, da sie ja ihren Roman Einspeicheln schreiben müsse."


Wie gesagt, ich zitiere nur. Walser hat nicht immer wie ein Pennäler geschrieben, der an geistigen Blähungen leidet. Die "Anselm-Kristlein-Trilogie" habe ich auch noch mit zwanzigjähriger Verspätung gerne gelesen, auch "Seelenarbeit" war interessant. Martin Walser war lange Zeit ein Freund Uwe Johnsons, und mit Uwe Johnson, dem in jeder Hinsicht besseren Schriftsteller, konnte man kaum befreundet sein, ohne über Fähigkeiten zu verfügen. Aber irgendwo zwischen den späten Siebzigern und der [extern] Paulskirchenrede ist Martin Walser auf den Holzweg geraten, der ihn schließlich zu "Tod eines Kritikers" führte.

Leider ist zu befürchten, dass diese Biedermeierprosa eines vertrotzten Greises nicht nur der Ist-doch-wahr-Gesellschaft behagt, die wieder einmal die frechen Juden in die Schranken verwiesen sehen möchte. Es werden eine Menge Leute auch aus reiner Neugier auf den Schmonzes hereinfallen, oder weil sie glauben, es beweise geistige Unabhängigkeit, "den neuen Walser" gelesen zu haben.

Dennoch hat sich der Autor vielleicht verrechnet, als er zusammen mit den Verantwortlichen seines Verlags für den knalligsten Literaturcoup der letzten zehn Jahre sorgte. Denn der eiskalt inszenierte Skandal, der, und das kann man nicht oft genug betonen, im Roman selbst angekündigt wird, hat dazu geführt, dass der Text im Internet kursiert wie sonst nur Vorabkopien von Star-Wars-Filmen. Wer auf diese Weise an das Buch herankommt muss möglicherweise die Intrige nicht auch noch belohnen, indem er ihr sein Geld hinterherwirft. Das könnte die Nachahmungstäter, die schon wie etwa Bodo Kirchhoff in den Startlöchern [External Link] sitzen immerhin ein wenig abschrecken. Es wäre der Literatur zu wünschen.

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