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Roboter üben den aufrechten Gang
Hans-Arthur Marsiske 18.06.2002
Thomas Christaller, Leiter des Instituts für Autonome Intelligente Systeme (AIS), über die Aussichten deutscher Teams bei der diesjährigen RoboCup-Weltmeisterschaft und die Herausforderung, humanoide Roboter zu konstruieren
Vom 19. bis 25. Juni, wenn die menschlichen Fußballer ihre WM-Viertelfinalspiele austragen und ansonsten Pause machen, treffen sich in Fukuoka Robotik-Spezialisten aus aller Welt, um ihre Maschinen um den Weltmeistertitel im RoboCup 2002 kicken zu lassen. Zum ersten Mal werden dann auch humanoide, zweibeinige Roboter teilnehmen. In 50 Jahren, so das Fernziel des RoboCup, sollen sie so weit sein, den menschlichen Weltmeister schlagen zu können. Seit dem ersten Turnier im Jahr 1997 findet die RoboCup-WM erstmals wieder in Japan statt, wo Roboter ungemein populär sind: Die Veranstalter rechnen mit insgesamt 100.000 Besuchern.
Thomas Christaller, einer der angesehensten und einflussreichsten Forscher zu Robotik und Künstlicher Intelligenz in Deutschland und Direktor des Fraunhofer Instituts für Autonomen Intelligente Systeme, warnt im Interview davor, die Herausforderungen und die Chancen, die dieser Wettbewerb mit sich bringt, zu unterschätzen. Eine zu stark auf klare Nutzanwendungen und kurzfristige Rentabilität orientierte Forschungspolitik könne dazu führen, dass Deutschland in Schlüsselbereichen der Technologieentwicklung den Anschluss verliert.
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| Asimo von Honda |
Im Unterschied zum menschlichen Fußball zählten bei den Roboterfußball-Weltmeisterschaften deutsche Teams bisher regelmäßig zu den Favoriten. Gilt das auch für die diesjährige RoboCup-WM?
Thomas Christaller:
Ich denke schon. Aber das gesamte Gebiet macht gegenwärtig eine ziemlich stürmische Entwicklung durch. Daher gibt es überhaupt keine Garantie für ein Team oder auch ein Land, einen Vorsprung, den es ein, zwei oder drei Jahre hatte, halten zu können. Die Spitzenteams liegen ohnehin sehr dicht beieinander. Da gibt es keinerlei Besitzstände, die nur noch verteidigt werden müssten.
Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft stehen die humanoiden Roboter im Mittelpunkt, die erstmals in einer eigenen Liga in den Wettbewerb treten. In diesem Bereich scheint Japan eindeutig die Nase vorn zu haben. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Thomas Christaller:
Man sollte sich vielleicht auch umgekehrt fragen, warum so etwas in Deutschland nicht gepackt wird. Ein nicht zu unterschätzender Grund liegt auf jeden Fall darin, dass mit Honda eine japanische Firma zum ersten Mal einen glaubwürdigen, funktionsfähigen humanoiden Roboter vorgestellt hat. Das hat unglaublich beflügelt. Davor war das ein Thema gewesen, über das man beim Sake, Rotwein oder Bier gesprochen hat und das eher in den Bereich Science Fiction gehörte. Aber durch diese Präsentation und das fortlaufende Engagement von Honda ist eine Dynamik in die Geschichte gekommen, der sich auch andere Firmen gar nicht entziehen konnten.
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| GMD-Musashi Roboter bei der GermanOpen 2002 in Paderborn |
Das allein kann es aber kaum gewesen sein.
Thomas Christaller:
Es kommt hinzu, dass in Japan schon frühzeitig der Anspruch formuliert wurde, die Neurobiologie, Verhaltensbiologie, Robotik und Künstliche Intelligenz zusammenzubringen. Da spielen Personen wie der RoboCup-Präsident Hiroaki Kitano oder Mitsuo Kawato eine ganz große Rolle, die mit einem großen Förderprogramm, vergleichbar unserer Max-Planck-Gesellschaft, ausgezeichnet worden sind und erhebliche Laborressourcen bekommen haben. Auch das große, renommierte Forschungsinstitut Riken hat sich der "brain science" im weitesten Sinn verschrieben und forscht zu Themen wie "artificial brain" und "robotics". Schließlich hat selbst das Wissenschaftsministerium MITI ein Förderprogramm zur Entwicklung humanoider Roboter aufgelegt, das auch viele kleinere Labors dazu bewegt hat, in diese Richtung zu forschen und Entwicklungen anzustoßen. Es sorgt offenbar auch dafür, dass ein guter Austausch zwischen den Labors stattfindet und sie sich gegenseitig im Niveau antreiben. Japan hebt in diesem Bereich regelrecht ab - und niemand sonst macht etwas Vergleichbares, weder in den USA noch in Europa oder gar in Deutschland.
Das Thema scheint aber auch stärker in der japanischen Kultur verwurzelt zu sein. Wenn Sie japanische Comics aufschlagen oder sich Filme ansehen, wimmelt es da von Robotern und Cyborgs.
Thomas Christaller:
Das ist bei uns aber ähnlich. Ich halte das nicht für einen entscheidenden Punkt.
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| SDR-4X von Sony |
Es gibt in Deutschland an der Universität Karlsruhe einen Sonderforschungsbereich der DFG zum Thema Humanoide Roboter, bei dem "humanoid" nicht mit "menschenähnlich", sondern "menschengerecht" übersetzt wird.
Thomas Christaller:
Es hat lange Jahre gedauert, bis der Antrag dafür genehmigungsreif war. Insofern bin ich froh, dass es diesen Sonderforschungsbereich gibt. Zugleich bin ich aber auch etwas enttäuscht, insbesondere was den visionäreren Teil betrifft. Da sind bereits auf der technischen Seite massive Kompromisse eingegangen worden: Selbst radgetriebene Fahrzeuge, die mit Manipulatoren ausgestattet sind, werden schon als humanoid bezeichnet. Wahrscheinlich ist in Deutschland zurzeit nichts anderes durchsetzbar.
Dabei heißt es doch, dass menschenähnliche Roboter auch am menschengerechtesten sind, weil sie sich am besten auf den menschlichen Lebensraum einstellen können.
Thomas Christaller:
Sicher. Aber Sie kriegen so etwas bei den Förderorganisationen in Deutschland einfach nicht genehmigt. Die fragen sofort: "Und wofür braucht man das?" Wenn Sie da als Wissenschaftler keinen Business-Plan auf den Tisch legen und potenzielle Umsätze benennen können, kriegen Sie nichts. Das hat natürlich seine Berechtigung. Es muss unterschiedliche Strategien geben, auch in den verschiedenen Ländern. Ich befürchte nur, dass wir im Bereich Robotik zunehmend das Nachsehen haben werden.
Bei der Robotik insgesamt oder nur bei den humanoiden Robotern?
Thomas Christaller:
Ganz allgemein in der Robotik. Die humanoiden Roboter stellen im Bereich der komplexen Mechatronik - also der Integration verschiedener Disziplinen wie Elektronik, Informatik und Maschinenbau - eine einzigartige Herausforderung dar. Es geht ja um Roboter mit 30 und mehr Freiheitsgraden. Da gibt es in Deutschland derzeit keine Gruppe, die in der Lage wäre, so etwas zu bauen. In Japan dagegen wird es schon den Studenten vermittelt. Das hat Auswirkungen, nicht sofort, aber in zehn Jahren, wenn die Leute mit diesem Ausbildungshintergrund in Firmen sitzen und über technische Systeme nachdenken. Dann wird Mechatronik eine ganz große Rolle spielen - und wir werden uns die Augen reiben, wenn wir sehen, was in Japan alles passiert.
Bei der RoboCup-WM leiten Sie gemeinsam mit Ihrem französischen Kollegen Dominique Duhaut den Wettbewerb in der humanoiden Liga...
Thomas Christaller:
Ja, das ist sehr ehrenvoll für uns. Aber mangels Masse in Europa und den USA gibt es da gar nicht so viel zu organisieren. Und was in Japan passiert, organisieren die Japaner unter sich, was ja auch viel effizienter ist.
Welche Aufgaben werden die humanoiden Roboter lösen müssen? Wird es schon richtige Fußballspiele geben?
Thomas Christaller:
Das ist noch offen und wird wahrscheinlich vom tatsächlichen Leistungsstand der Roboter abhängen. Es wird Einzelwettbewerbe geben, bei denen die Roboter zeigen, wie gut sie laufen und kicken können. In einzelnen Fällen werden auch zwei Roboter gegeneinander spielen. Aber wirkliche Fußballspiele mit mehreren Robotern pro Team halte ich für eher unwahrscheinlich.
Das Fernziel des RoboCup ist es, bis zum Jahr 2050 humanoide Roboter zu konstruieren, die gegen Menschen die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen können. Ein wichtiges Anwendungsgebiet der Robotik sind aber Prothesen, die möglichst gut fehlende Gliedmaßen und Organe ersetzen sollen. Insofern wäre es denkbar, dass Menschen und Roboter in 50 Jahren gar nicht mehr so klar unterschieden werden können.
Thomas Christaller:
Ich hoffe sehr, dass die meisten Menschen auch im Jahr 2050 ohne Prothetik auskommen. Das halte ich für das Erleben und die Identität der einzelnen Person für erfolgversprechender, als wenn man sich Prothesen anschafft, die vielleicht jede für sich leistungsfähiger sind als die alten Knochen. Wir wissen ja gar nicht, was das für Konsequenzen hat, wenn wir sukzessiv künstliche Gliedmaßen mit biologischen Neuronen verbinden. Da bevorzuge ich eine eher konservative Haltung.
Glauben Sie, dass solche Prothesen auch von Menschen nachgefragt werden könnten, die ihre gesunden Gliedmaßen dagegen austauschen wollen?
Thomas Christaller:
Ja, sicher. Es gibt ja auch heute schon Menschen, die eine Brille tragen, um intelligenter auszusehen, und nicht, weil ihre Augen schlecht sind. Diese Form der Körperverschönerung mit technischen Hilfsmitteln ist ein altes, menschliches Anliegen. Insofern würde es mich nicht wundern, wenn auch die Robotik dafür genutzt wird. Aber ich warne davor, sie dafür zu entwickeln. Natürlich gibt es Situationen, in denen die Verwendung von Robotikprothesen medizinisch angezeigt ist. Aber den Ersatz gesunder Gliedmaßen durch vermeintlich bessere technische Systeme halte ich für bedenklich.
Wer, glauben Sie, wird das Endspiel 2050 pfeifen: Mensch oder Roboter?
Thomas Christaller:
Auch wenn es dann tatsächlich Roboter geben sollte, die auf menschlichem Profiniveau Fußball spielen können: Der Schiedsrichter wird wohl immer noch eher von den Menschen gestellt werden.
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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12740/1.html

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