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Tiefverwurzelte Angst vor den Roma

Ralph Segert 14.07.2002

Roma wehren sich mit Protestzug durch Deutschland gegen drohende Abschiebung

Seit April diesen Jahres zieht die [extern] Roma-Protest-Karawane durch deutsche Städte, um ein Bleiberecht durchzusetzen und die drohende Abschiebung in das ehemalige Jugoslawien zu verhindern.

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Foto: Verena Segert

"Roma und andere Minderheiten sind durch den Zerfall Jugoslawiens, das Aufleben des Nationalismus in den Nachfolgestaaten, die kriegerischen Auseinandersetzungen und die daraus resultierende Verelendung in eine verzweifelte Lage geraten. Wo sie nicht direkt verfolgt werden, werden sie noch mehr diskriminiert und ausgegrenzt als früher. Die nach Deutschland Geflüchteten brauchen nun - nach überwiegend langjährigem Aufenthalt - endlich eine Perspektive", [extern] erklärt Bernd Mesovic von PRO ASYL. Auf der Innenministerkonferenz am 6. Juni wurde beschlossen, man könne davon ausgehen, dass nun die Voraussetzungen für eine zwangsweise Rückführung von Roma, Ashkali und anderen Minderheiten gegeben sind. Berichte von [extern] UNHCR und anderen Flüchtlingsorganisationen warnen allerdings, dass Angehörige von Minderheiten dort keinen adäquaten Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit und Eigentum haben, zum Teil in militärisch geschützten Enklaven leben müssen und immer noch Opfer von Gewalttaten werden.

Weit über 700 Roma - darunter viele Kinder - wohnen in einfachen Zelten unter widrigen Umständen. Die Internet-Initiative [extern] aktion roma nutzt seit kurzem das Internet, um die Roma mit [extern] Online-Unterschriften an Politiker und Kirche sowie einer [extern] Spendenaktion zu unterstützen. Ralph Segert sprach für Telepolis mit Dzoni Sichelschmidt, dem Sprecher der Protest-Karawane.

Warum haben sich die Roma in Deutschland zu einer Protest-Karawane zusammengetan? Was sind Ihre wichtigsten Forderungen.

Dzoni Sichelschmidt: Der Auslöser für diesen Protest war die Abschiebung von Herrn Dermiri aus Essen im April diesen Jahres. Er wurde ohne Vorankündigung von der Polizei abgeholt und fand sich ohne seine Familie einige Stunden später in Belgrad wieder.

Diese Form von Abschiebung hat unter den Roma in Essen Panik ausgelöst und somit wurde spontan ein Zeltlager im Essener Stadtteil Schonnebeck errichtet. 500 Familien aus NRW versammelten sich dort, um auf ihre katastrophale und auswegslose Situation hinzuweisen. Denn die Rückführung der Roma in das Gebiet des ehemalige Jugoslawiens würde lebensbedrohliche Auswirkungen auf diese Minderheit haben. Laut UNHCR, Pro Asyl, GfbV und andere Menschenrechts- und Hilfsorganisationen kann kein Schutz vor Angriffen seitens der Bevölkerung und vor Misshandlungen und Schikanen durch die Polizei garantiert werden. Zugang zu Bildung, Arbeit, Gesundheitswesen, Wohnung etc. bleibt dieser Minderheit in der Regel verwehrt. Sie werden abgelehnt, und das bekommen sie in jeder Lebenslage zu spüren. Sie haben keinerlei Lebensperspektiven, falls sie abgeschoben werden. Die meisten von ihnen haben sich hier in Deutschland integriert, die Kinder gehen zur Schule und haben hier auch Ausbildungschancen.

All dies sind Tatsachen, die wir kundgeben möchten. Da sich nach einem einmonatigen Aufenthalt in Essen die Politik nicht rührte, entschlossen wir uns zu einem Protestzug durch Deutschland. Von Essen ging es nach Bremerhafen zur IMK, weiter nach Hamburg, Berlin, Hannover, Bielefeld, Münster, Dortmund, Wuppertal und Köln. Nun sind wir seit ca. zwei Wochen in Düsseldorf.

Unsere Forderungen sind Abschiebestopp, Bleiberecht für alle Roma die mehr als fünf Jahre in Deutschland leben, für die anderen eine dreijährige Chance, um sich produktiv für die deutsche Gesellschaft einzusetzen. Weiterhin sollen die Roma an allen Entscheidungen, die in ihr Leben eingreifen, beteiligt werden. Unsere Organisation C.I.A.E.R. würde für die Realisierung zur Verfügung stehen.

Welche Erfahrungen haben die Roma in den Städten gemacht?

Dzoni Sichelschmidt: Sowohl gute als auch schlechte. Die schlimmsten Erfahrungen haben wir in Berlin und Köln gemacht. In Berlin hat eine Razzia stattgefunden, obwohl die Proteste von der Stadt Berlin genehmigt worden waren. Mehrere Hundertschaften der Polizei, die auch ihre Hunde mitgebracht hatten, durchsuchten die Menschen und kennzeichneten sie danach mit Plastikarmbändern. Andererseits war die Stadt Berlin, besonders die PDS, der Flüchtlingsrat, AWO und die Antifa Berlin, uns gegenüber sehr hilfsbereit.

Köln zeigte uns von Anfang an, dass wir nicht willkommen sind. Mit allen Mitteln versuchte man uns den Hahn abzudrehen - im wahrsten Sinne des Wortes - wir hatten kein fließendes Wasser, obwohl es 37 Grad heiß war. Selbst die Route der Demonstration war unergiebig, da sich die Kölner Polizei die menschenleersten Straßen und Plätze für unseren Protest ausgesucht hat.

Im Allgemeinen ist es sehr schwer, unser Anliegen rüberzubringen, weil wir keine Lobby haben und uns doch immer wieder die alten Vorurteile entgegenschlagen. Aber wir haben auf unserer Reise viele Menschen und Organisationen getroffen, die uns nach allen Kräften unterstützt haben und uns vor allem menschlich behandelt haben. Dafür habe ich großen Respekt und bin sehr dankbar.

Foto: Verena Segert

Was sind die Ursachen für die gesellschaftliche Ausgrenzung der Roma und die Verweigerung von Hilfe.

Dzoni Sichelschmidt: Die Roma in Europa sind eine spezifische Minderheit, die man schlecht durch feste Faktoren definieren kann. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Gruppen der Roma, als dass man über sie allgemein reden könnte. Die Situation der ca. 15 Millionen Roma in Europa widerspricht den allgemeinüblichen Klischeevorstellungen. Die Roma sind nicht alle Nomaden, Flüchtlinge und damit bettelarm. Die Vorstellungen und die Ablehnung der Gadsche ("Nichtzigeuner") gegenüber dem Volk der Roma sind historisch begründet. Ihre Andersartigkeit und ihr Verhalten sind nie wirklich verstanden worden, sondern immer nur ein Grund gewesen, sie zu verfolgen, auszulöschen und auszugrenzen. Dadurch hat sich ein spezifischer Lebenswandel der Roma entwickelt, der ihnen half, am Leben zu bleiben. Ein Volk ohne Land zu sein, das bedeutete - und bedeutet auch heute noch - Nomadentum: also immer auf der Flucht zu sein oder Assimilation und der damit einhergehende Verlust von Kultur und Sprache. Aus diesem Grund ist die Präsenz der Roma kaum hörbar, verständlich im Anbetracht der Ereignisse, die sich durch ihr Schicksal und ihre Geschichte ziehen. Ohne Lobby, ohne Selbstbewusstsein war und ist es immer noch leicht, diese Menschen auszugrenzen, zu verfolgen und ein Recht auf ein freies Leben zu nehmen.

Dies zeigt sich vor allem in der Verfolgung und Ermordung von 500.000 Roma, darunter Tausende Kinder, im Dritten Reich, die bis heute nicht angemessen entschädigt wurden. Aber die Forderung nach der selben Aufmerksamkeit, wie es für andere Minderheiten beansprucht wurde, wird immer noch überhört. Der politische Wille, die Situation der Roma zu verbessern, bleibt aus. Kein westliches Land versucht, wirksam zu reagieren. Statt dessen steigt der Antiziganismus weiterhin an, das zeigt sich in der ansteigenden Zahl der Übergriffe auf die Roma.

Die tiefverwurzelte Angst der Bevölkerung vor den Roma, die ja nicht auf eigene Erfahrungen beruht, sondern in der Regel tradierte Vorurteile sind, die sich seit 600 (!) Jahren nicht geändert haben, zeigt uns doch nur die Unsicherheit und der Bedarf an Aufklärung. Und hier ist die Politik gefragt. Es ist an der Zeit, die wirkliche Geschichte der Roma zu erzählen, damit der Teufelskreis von Hass, Gewalt und sozialer Ausgrenzung gesprengt wird. Die internationale Gemeinschaft muss sich der Situation der Roma für alle mal bewusst werden und reagieren. Das heißt, dass die Roma auch in internationalen Verträgen und Gesetzen als ethnische Minderheit anerkannt werden.

Welche Wege und Aktionen planen Sie, um das politische Ziel des Bleiberechts durchzusetzen? Wie sind die Chancen?

Dzoni Sichelschmidt: Wir möchten unser Anliegen gerne auf der Bundes- oder Landesebene lösen. Das hängt jedoch von den Reaktionen der Politiker ab. Wenn wir hier nicht weiterkommen, sehen wir keinen anderen Weg, als die Romaproblematik zu internationalisieren und nach Straßburg oder Brüssel zu gehen. Unsere Demonstration dauert nun schon 75 Tage. Das zeigt doch unseren Willen durchzuhalten und weiter zu kämpfen. Wenn die deutsche Politik glaubt, uns übersehen zu können, ist das meiner Meinung nach kein gutes Bild für Deutschland, das sich ja sonst so vehement für Menschenrechte im Ausland einsetzt. Jeder neue Kontakt, jede neue Stimme hilft uns die Hoffnung nicht aufzugeben. Viele Menschen und Organisationen haben sich bis jetzt für uns eingesetzt. Daran erkennen wir, dass unsere Stimme nicht unerhört bleibt und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

Wie kann man Sie unterstützen?

Dzoni Sichelschmidt: Vor allen Dingen ist es an erster Stelle wichtig, sich wirklich über die Roma zu informieren und nicht einfach Vorstellungen und Vorurteile zu übernehmen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Die Aufklärung wäre somit der erste Schritt, um die Roma gesellschaftsfähig zu machen. Aus diesem Blickwinkel kann man dann auch erkennen, dass wir es hier mit massiven Menschenrechtsverletzungen zu tun haben, die Deutschland in dieser Form mit Selbstverständlichkeit im Ausland kritisieren und verfolgen würde. Natürlich sind wir auf jede Art von humanitäre, finanzielle und solidarische Unterstützung angewiesen.

Wie ist der Zustand im Lager zur Zeit und wie geht es den Frauen, Männer und vielen Kindern dort?

Dzoni Sichelschmidt: Den Zustand im Lager könnte man als kritisch bezeichnen. Die schlechten Wetterbedingungen erschweren unsere Proteste zunehmend, da viele von uns gesundheitliche Probleme bekommen. Durch den Regenfall sind die Zelte, Matratzen und Decken durchnässt und sie trocknen schlecht. Besonders schlimm ist die Situation der Kinder. Die meisten von ihnen sind krank - sie haben Blasenendzündungen, Rheuma und Infekte der Atemwege. Hauterkrankungen, Nierenentzündungen, sogar Blutvergiftungen gibt es auch in einigen Fällen. Die chronisch kranken Menschen leiden ebenfalls, trauen sich aber nicht in Düsseldorf zum Arzt zu gehen, weil sie dort nicht gemeldet sind.

Von fünf großen Zelten, die von der Stadt gestellt wurden, werden am 12.7. vier abgebaut, da sie für andere Veranstaltungen genutzt werden. Diese wurden als Aufenthaltszelte von uns genutzt. Falls es wieder Regen geben wird, müssen wir in unseren kleinen Iglu-Zelten ausharren - das ist sehr hart, da wir uns so kaum untereinander austauschen können. Ansonsten bekommen wir einmal am Tag warmes Essen. Allerdings fehlt es doch an vernünftigen Waschmöglichkeiten, besonders für die Frauen und Kinder.

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Kommentare lesen
Ich liebe deutsche Land (Rumbastic 17.7.2002 17:45)
Tja dann (Spot the Cat 17.7.2002 12:02)
blanker zynismus! (8-b...... 17.7.2002 11:44)
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