Heute vor sieben Jahren wurde die Ignoranz im Usenet in eine behördliche Formel gefasst
Burkhard Schröder 28.08.2002
Was ist eine Merkbefreiung? - Solange Du keine bekommst, brauchst Du es nicht zu wissen. Danach ist es zu spät.
Am 28. August 1995 postete
Kristian Koehntopp zum ersten Mal den amtlichen Vordruck zur
Merkbefreiung. Das Formular breitete sich von de.talk.bizarre über das gesamte deutschsprachige Usenet aus und wurde - neben der
Bielefeld-Verschwörung - Teil der Folklore (vgl.
Tobias Nüssel) in de.alt.folklore.usenet).
Ob die Bielefeld-Verschwörung jedoch wirklich
existiert bleibt so umstritten wie die Herkunft der Merkbefreiung. Bezeichnend ist, dass angebliche Bielefelder Studenten die Internet-Nutzer auf der Suche nach dem
Bundesamt für Merkbefreiung bewusst in die Irre führen - wie Andreas Ferber im
Offiziellen detebe ZwischenNetzPräsenzVerzeichnis.
Da sowohl die Merkbefreiung als auch die These, dass Bielefeld nicht existiere, aus Kiel (dem
Mekka der Merkbefreiung laut Hermann Busch) stammen, gehen Historiker angesichts der Quellenlage davon aus, dass der wichtigste Teil der deutschen Usenet-Folklore dem Konflikt zwischen der RFC 822 und dem proprietären Datenformat des Z-Netzes zu
verdanken ist. Sowohl Kristian Koehntopp als auch Achim Held, der die Bielefeld-Verschwörung entdeckte, waren Mitglieder des
Hohen Rathes der Dreizehn Weisen vom Feed in de.talk.bizarre. Held hat aber nie behauptet, dass es Bielefeld nicht gebe, sondern, wie Hauke Moeller schon 1996 richtig
bemerkte, nur ernste Zweifel angemeldet.
Die These wurde ihm später von den Medien
untergeschoben.. Sowohl die Merkbefreiung als auch die Bielefeld-Verschwörung stammen daher, wie historische Funde belegen, aus einer Clique Kieler Fans von
Rollenspielen.
Wie viele Menschen bisher merkbefreit wurde, kann nur in mühsamer Handarbeit der Archivare des Usenet eruiert werden. Vorhandene
Listen sind unvollständig. Die einzig echte
Merkbefreiung hat jedoch hat ältere Wurzeln als das Original-Formular Koehntopps suggeriert. Der erste Merkbefreite war ein Unteroffizier der
Bundeswehr.
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Das ursprüngliche digitale Formular stammt nicht aus de.talk.bizarre, sondern aus dem Kiel-Netz (heute die newsgroup kiel/dfue, vgl.
Geile Schweine fuer heisse Strandspiele?), als dessen Moderator
Koehntopp damals amtierte. Leider ist das Original der Merkbefreiung, damals noch korrekt als "Merkbefreiungsschein" bezeichnet, verloren gegangen, da nicht alle Postings der
GABELN archiviert wurden. Sie muss vor dem 1. März 1995 entstanden sein.
Was die Merkbefreiung im Einzelfall bedeutet und wie sie im Detail auszusehen hat, ist umstritten.
Gerd Bogler geht davon aus, dass der Betreffende "gar nichts" oder - so
Thomas Lahn - "nichts mehr" merkt. Thomas G. Liesner formuliert einprägsamer: "Eine sehr bandbreitenverschwendende Ausdrucksweise für "Du bist so bescheuert, dass es dir nicht mal mehr selber
auffällt".
Frank Kuenzel vergleicht die Merkbefreiung sinnig mit einem "Gratis-Tattoo". Oft, und das erscheint ein wenig unfair, führt schon die bloße Frage, was eine Merkbefeiung sei, zu einer
solchen.
Dieses Schicksal erleiden auch Kandidaten, die fragen, ob eine Merkbefreiung
weh tut, was eine
Doppelpackung zu bedeuten habe oder die sich nach
Zwiebeltüten erkundigen. Ansgar Kursave weist in diesem Zusammenhang auf den interessanten Titel
goldener Vollquottel des Monats hin, der oft in Zusammenhang mit Merkbefreiungen zu verleihen ist. Stefan Wenzel ,der sich detailliert mit dem Troll- und Elchwesen beschäftigt, schlug 1997 eine
Merkbefreiung 1. Klasse vor. Diese Unterteilung hat sich jedoch nicht durchgesetzt. Praktikabel ist eine Merkbefreiung ohne amtliches
Formular.
Selten jedoch tauchen Merkbefreiungen auf, die den Anschein erwecken, als habe der Kandidat das Formular selbst
ausgefüllt. Die Wissenschaft akzeptiert heute weitgehend die klassische Definition
Koehntopps, was eine Merkbefreiung sei: "Solange Du keine bekommst, brauchst Du es nicht zu wissen. Danach ist es zu spät."
Die durch eine Merkbefreiung amtlich festgestellte Verhaltensweise tritt, das legt die Quellenlage nahe, weniger in den Newsgroups de.alt.arnoo, de.alt.gruppenkasper, de.alt.dummschwatz oder de.talk.bizarre auf, deren
Themen das erwarten lassen, sondern häufig in Foren mit per definitionem seriösen Inhalten. Einer der Rekordhalter für Merkbefreiungen war der verstorbene
Helmut Goj, ehemals stellvertretender Landesvorsitzender NRW des "Bundes freier Bürger". Nach Goj wurde die Newsgroup z-netz.alt.fan.helmut_goj benannt. Einschlägige FAQs wie die
GOJology-FAQ oder die
FAQ de.alt gruppenkasper definieren Charakteristika, die für das Formular prädestinieren.
Derzeitiger Rekordhalter im deutschsprachigen Usenet dürfte
Günter Lelarge sein, dessen zahlreiche Merkbefreiungen oft unbefristet ausgesprochen wurden und der als
Meister der Merkbefreiung tituliert wird. Lelarges legendäre Postings vor allem in de.sci.geschichte wurden schon 1997 in einer Software zusammengefasst (
gl.exe) und gelten als Beispiel für typisches
Trollverhalten. Lelarge gehört mittlerweile so zum Inventar des
Usenet wie die Merkbefreiung selbst, so dass niemand mehr auf die Idee kommen würde, eine
Zwangseinweisung nach de.alt.gruppenkasper durch den zuständigen Netzverwalter vorzuschlagen. Diese Newsgroup besteht ausschließlich aus Pflegern und Patienten und kuriert Trulliertheit vornehmlich mit den in aktuellen Vordrucken des Merkbefreiungsscheins erwähnten
Froschpillen.
Die Geschichte des Usenet dokumentiert sich in den Zusätzen, die seit 1993 das Formular erweitert haben. Der Index für Merkbefreiungen wurde erst in jüngerer Zeit durch das Äquivalent "5 AOL-CDs" erweitert; eine frühe Version aus dem letzten Jahr spricht noch von
einer abgebrochenen AOL-CD. Erst im Juli 2001 wurde Bielefeld in das amtliche Formular der Merkbefreiung aufgenommen - von
Huerbine von Pleuselspink. Spezielle
Elch-Vorschriften, die Tischkanten vor dem Verbiss schützen sollen, werden in neueren Fassungen erwähnt, harren aber noch der Spezifizierung. Die
Harald Blahovec'sche Erweiterung, die Zeitdauer der Merkbefreiung "bis zur Zerstörung Redmonds durch den Einsatz thermonuklearer Waffen und/oder Meteoriteneinschlag und/oder die zur Super-Nova werdenden Sonne" zu modifizieren, fand in der Usenet-Gemeinde keinen Anklang.
Bisher ist der Begriff "Merkbefreiung" noch nicht in die ausländischen Newsgroups vorgedrungen. Das liegt vermutlich am Nominalstil amtlicher deutscher Formulierungen, der kaum in andere Sprachen übersetzbar ist Es bedurfte eines genialen Denkers wie Wau Holland (
R.I.P.), dem es als Einzigem gelang, "Merkbefreiung" ins Englische zu übertragen. Holland schlug
MNEMO isolation vor.
Falls dieser Begriff sich durchsetzt, wird die deutsche Merkbefreiung vermutlich schnell Teil der internationalen
Internet-Folklore werden - wie etwa die
Flamers Bible. Die Bielefeld-Verschwörung ist, obwohl auf Deutschland beschränkt, schon jetzt eine klassische
urbane Legende.