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puliki, puraki, pufoki

Hans-Arthur Marsiske 30.08.2002

Um im Silbenstrom einzelne Wörter zu erkennen, führt das Gehirn aufwändige statistische Berechnungen durch

Irgendwann im Laufe ihres ersten Lebensjahres beginnen Babys zu brabbeln. Das klingt wie der Versuch, zu sprechen, könnte aber auch bloßes Nebenprodukt von Bewegungen der Mundmuskulatur sein. Um zu klären, wie viel das Brabbeln tatsächlich schon mit Sprache zu tun hat, haben zwei Forscherinnen aus Kanada und den USA Babys sehr genau beobachtet. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung präsentieren sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins [extern] Science.

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Als Brabbeln bezeichnen Siobhan Holowka und Laura Ann Petitto Lautäußerungen, die auf eine begrenzte Menge möglicher Klänge zurückgreifen (phonetische Einheiten), in Silbenform organisiert sind und keine erkennbare Bedeutung haben. Alle anderen Laute kategorisieren die Psychologinnen, die an der McGill University in Montréal und dem Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, forschen, als Nicht-Brabbeln. Außerdem registrierten sie bei ihren Beobachtungen noch spontanes Lächeln der Babys als weiteren Ausdruck kontrollierter Mundbewegungen.

Die Wissenschaftlerinnen machten Videoaufnahmen von insgesamt zehn Babys, deren Muttersprache zur Hälfte Englisch, zur Hälfte Französisch war. Anschließend führten sie zufällig ausgewählte Sequenzen von Brabbeln, Nicht-Brabbeln und Lächeln zwei Zuschauern vor, die unabhängig voneinander bewerten sollten, ob sich der Mund dabei jeweils gleichmäßig oder stärker links oder rechts öffnete. Es zeigte sich, dass das Brabbeln mit einer nach rechts verschobenen Asymmetrie der Mundöffnung verbunden war, das Lächeln dagegen mit einer stärkeren Öffnung links. Beim Nicht-Brabbeln öffnete sich der Mund gleichmäßig. Die Forscherinnen sehen darin ein Indiz dafür, dass das Brabbeln von der linken Gehirnhälfte gesteuert wird, in der das Sprachzentrum lokalisiert ist. Damit könne es als frühe Stufe des Sprechens gedeutet werden. Unterstützt wird die These durch die gleichzeitig beobachtete Asymmetrie beim Lächeln, die auf eine Steuerung der Emotionen durch die rechte Gehirnhälfte - wie beim Erwachsenen - hindeute.

Damit aus dem Brabbeln verständliche Sprache wird, muss das Gehirn beachtlichen Rechenaufwand leisten. Diese Rechenleistung hat ein von Jacques Mehler geleitetes italienisch-französisches Forscherteam an der International School for Advanced Studies in Trieste näher untersucht. Die Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse ebenfalls in [extern] Science vorstellen, interessierten sich insbesondere für die Frage, wie das Gehirn in einer fremden Sprache einzelne Wörter unterscheidet und die grammatische Struktur erkennt. Hierfür präsentierten sie ihren Versuchspersonen einen kontinuierlichen Strom dreisilbiger, synthetischer Wörter.

Darin waren nach dem Zufallsprinzip Wörter verteilt, die nach einem festen Prinzip gebildet waren: Die erste Silbe legte jeweils die letzte fest, für die mittlere Silbe gab es drei Variationen. Eine solche Wortfamilie konnte beispielsweise lauten: puliki, puraki, pufoki. Auf diese Weise konnten einzelne Wörter aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten, mit denen bestimmte Silben zusammengehören, identifiziert werden. Nachdem die Versuchspersonen zehn Minuten lang der synthetischen Silbenfolge gelauscht hatten, wurden ihnen zwei darin vorgekommene Wörter präsentiert: eins, das nach dem genannten Prinzip gebildet war, und ein anderes mit einer zufälligen Silbenfolge. Auf die Frage, welches Wort eher wie eines aus der gehörten, imaginären Sprache klang, nannte eine deutliche Mehrheit das erste.

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Diese klare Mehrheit fand sich hingegen nicht, wenn das gültige Wort zwar der Wortbildungsregel entsprach, aber in dieser Form nicht in dem Silbenstrom vorgekommen war (also zum Beispiel pubeki). Die Forscher schließen daraus, dass die statistische Rechenleistung, mit der das Gehirn einzelne Wörter unterscheidet, nicht geeignet ist, das zugrunde liegende grammatische Prinzip zu erkennen. Das gelang den Versuchspersonen erst, wenn die gehörte Silbenfolge durch bewusst nicht wahrnehmbare Pausen von 25 Millisekunden nach jedem Wort unterteilt wurde. Dann wurden auch Wörter, die in dem Silbenstrom nicht vorgekommen waren, aber richtig konstruiert waren, als gültig erkannt. Auch Veränderungen in der Dauer der Experimente änderten nichts an dem Resultat.


Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Lernenden zwar sehr gut statistische Zusammenhänge berechnen können, diese Fähigkeit aber nicht nutzen, um einfache strukturelle Prinzipien zu erkennen. Die Fähigkeit, bei der Verarbeitung unbekannter Sprachlaute statistische Informationen zu nutzen, scheint auf die Unterteilung einzelner Segmente beschränkt zu sein. Das Erkennen des zugrundeliegenden grammatischen Systems scheint eine andere Art von Rechenleistung zu erfordern.

Die nähere Charakterisierung dieser Grammatik-Erkennung (die Forscher schreiben etwas vage von algebraisch) muss zukünftigen Forschungen vorbehalten bleiben.

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/13/13163/1.html

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Kommentare lesen
@eugene 2 / Nachtrag (sensortimecom 30.8.2002 15:21)
@eugene 2 (sensortimecom 30.8.2002 14:50)
@Wolfgang Harst (sensortimecom 30.8.2002 14:44)
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