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Es geschah in Genua

Peter Nowak 07.10.2002

Das Projekt Memoria will an die Polizeiübergriffe gegen Globalisierungsgegner erinnern

"Meine Zelle füllte sich mit meist sehr jungen Jungen und Mädchen. Die meisten bluteten stark. Ihre Gesichter waren von den vielen Schlägen verunstaltet. Viele waren kaum noch bei Bewusstsein und weinten nur noch." Was die französische Globalisierungskritikerin Valerie Vie am Samstag im [extern] Berner Kulturzentrum Reithalle schilderte, spielte sich in Genua in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli und an den folgenden Tagen ab.

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Viel wurde danach über diese Ereignisse geschrieben. Trotzdem schienen sie schnell in Vergessenheit geraten zu sein. Dem wollte das Projekt [extern] Memoria entgegentreten. Initiiert wurde es von Schweizer Globalisierungsgegnern zusammen mit Gleichgesinnten in Italien und Deutschland.

Schon Mitte September begann in der Reithalle eine Ausstellung. Dort wurden Videoausschnitte von den Polizeiübergriffen mit anderen Bildern kontrastiert, die Zigtausende von Demonstranten und ihren phantasievollen Protest zeigen. Am Boden der Ausstellungshalle sind weitere Fotos von den Protesten verteilt. Scheinbar wahllos wie zufällig fallen gelassen. Doch dahinter steckt ein künstlerisches Konzept. Der Betrachter soll nicht wie in einem Museum Kunst konsumieren. "In diesem Projekt treffen Kunst und Politik, genauer die Installationen von [extern] Pino Scuro und die globalisierungskritische Bewegung aufeinander"; meinte einer der beteiligten Künstler. Im Zentrum steht die Reflexion über die Gewaltexzesse der Polizei, die in der Erschießung des jungen Demonstranten Carlo Giuliani am 20.Juli 2001 und den Sturm auf die Diaz-Schule, dem Schlafplatz vieler Demonstranten, einen Tag später kulminierte.

Am vergangenen Samstag fand das kunstpolitische Projekt mit einem sogenannten Volkstribunal zu Genua seinen Abschluss. Auch hier wechselten künstlerische und politische Mittel einander ab. Während die Eröffnung stark kabarettistische Züge trug und im Hintergrund der Song "Tanz den Mussolini" von der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft lief, konnte der Block mit den Berichten der Betroffenen nicht eindrucksvoller sein. Demonstranten aus Italien, der Schweiz, Frankreich und Deutschland schilderten ihre Erfahrungen in den Polizeiwachen und den Gefängnissen. Sie alle sprachen von den Erniedrigungen und Misshandlungen. Vieles hatte man im Sommer 2001 schon mal gehört. Trotzdem hinterlassen die intensiven Schilderungen der Betroffenen noch immer ein Gefühl der Beklommenheit. Vor allem angesichts des schwarzen Lochs, in das die Ereignisse von Genua seit dem 11. September 2001 gefallen zu sein scheinen.

"Die Erfahrungen der Julitage in Genua waren noch frisch und kaum aufgearbeitet, als am 11.September 2001 die Himmelfahrtskommandos in New York und Washington zuschlugen und Tausende von Menschen in den Trümmern begruben. Die in Genua aufgeworfenen Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und einer Umverteilung des Reichtums waren auf einem Schlag vom Tisch. Die Angst vor dem Terror wurde zur Trumpfkarte der Herrschenden", schrieben die Schweizer Veranstalter des Memoria-Projekts.

Die meisten der in Bern anwesenden Zeugen müssen noch immer mit Anklagen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und anderer Delikte rechnen. Ob es je zu Anklagen gegen die Polizisten kommt, ist dagegen noch immer ungewiss. Italiens rechte Regierungsmehrheit steht noch immer zu ihren Ordnungshütern. Dem Chef des Mobilen Polizeieinsatzkommandos von Rom, Vinzenzo Canterini, wird beispielsweise Fälschung von Beweismitteln vorgeworfen. Er soll dafür verantwortlich sein, dass zwei schon einen Tag vorher auf einer Strasse gefundene Molotow-Cocktails in der Diaz-Schule deponiert wurden, um die Insassen als gewaltbereite Chaoten hinstellen zu können.

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