Innovatives Marketing
Torsten Kleinz 20.10.2002
Womit uns die Spam-Versender morgen beglücken
Sie haben keine Zeit mehr, wirklich jede Werbe-Email zu lesen? Nehmen Sie Popups gar nicht mehr wahr? Sind Sie ganz und gar desorientiert, wenn Sie eine Penisvergrößerung brauchen oder eine rekordverdächtige Hypothek für Ihr Haus in Florida? Seien Sie unbesorgt: findige Unternehmer erforschen immer neue Wege, damit die gut gemeinten Kaufhinweise auch in ihr Großhirn gelangen.
Die neue Welle begann im September. Immer wieder wunderten sich Windows-Nutzer über geheimnisvolle Botschaften, die plötzlich auf ihrem Desktop auftauchten. Ein Fenster poppte auf und pries die Vorzüge von Buchversendern oder von gekauften Universitätsdiplomen. Das Fenster war grau und schmucklos - ganz anders als die altbekannten Werbe-Popups. Der User klickte auf "OK" und kann weiterarbeiten - eine andere Option hatte er nicht.
Der Blick auf die Seite der Firma
Directadvertiser.com bietet des Rätsels Lösung. Dort wird eine Software vertrieben, die Botschaften millionenfach über den Windows Messenger Service verschickt (nicht zu verwechseln mit MSN Messenger). Dieser Dienst ist Teil des Netzwerkfunktionen des Betriebssystems und dient eigentlich dazu, in Firmennetzwerken wichtige Nachrichten schnell austauschen zu können, zum Beispiel wenn eine Fehlfunktion vorliegt.
Die Firma ist voll des Lobes für die neue Versandmethode: 85 Prozent der User kämen als Empfänger der Werbebotschaften in Frage, der Versand sei im Gegensatz zum Mailversand bestimmten Gesetzen nicht unterworfen. Die Nachrichten seien absolut anonym und nicht zurückzuverfolgen - eine Behauptung, die einer Überprüfung kaum standhalten dürfte. Jede beliebige Firewall kann die IP des Übeltäters mitloggen und ihn so einfach enttarnen.
Besonders geeignet für Teuer-Hotlines
Die weiteren vermeintlichen Vorteile: der Werbende könne direkt sehen, wenn eine Nachricht auf dem Bildschirm angezeigt wurde. Die Antwortrate sei enorm. Kaum verwunderlich: die Nutzer werden wohl alles tun, um zu ergründen, wo diese merkwürdige Botschaft herkam. Es liegt nahe, dass Directadvertiser.com seine Software besonders für kostenpflichtige Telefon-Hotlines empfiehlt. Denn die verdienen auch, wenn sich der Surfer bei ihnen beschwert.
Den Hinweis am Ende der Seite kann man getrost vergessen: "Bitte benutzen Sie diese Software nicht zum Spammen." Anders kann man schließlich diese Software kaum benutzen. Praktischerweise ist in der Software eine Liste mit IP-Bereichen integriert, die Directadvertiser bestimmten Ländern zuordnet. So kann man mit wenigen Mausklicks Millionen Windows-Nutzer mit Werbebotschaften beglücken.
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Die Firma hat eine einschlägige Vergangenheit. Sie wurde bereits von AOL verklagt, weil sie ein Tool anbot, mit dem man anonym Massenmitteilungen an ICQ-Nutzer versenden konnte. Werbung in eigener Sache betreibt die Firma auch schon mal mit
Massenpostings in
fremden
Foren.
Die Spamwelle über den Messengerdienst könnte schnell beendet werden - einen mündigen Anwender vorausgesetzt. Wenn man den Messenger oder das Microsoft-Netzwerkprotokoll deaktiviert, sind die Spammer machtlos. Wer den Spam per Firewall abweisen will, muss Port 135 blockieren.
Spam für Admins
Ein anderer Spam-Dienst wird schon seit einigen Monaten angeboten, kommt aber nicht so ganz in die Gänge. Transportkanal sind diesmal die Logdateien der Webserver, genauer gesagt: die Referrer.
Referrer sind eigentlich dazu gedacht, den Webmastern Auskunft zu geben, auf welchem Weg die Besucher auf die Webseite gelangt sind. Klickt der Anwender auf einen Link, übergibt der Browser auch die Adresse der Seite, auf der der Link zu finden ist. Auf diese Weise erfährt der Webmaster, wo die eigene Webseite oder die eigenen Produkte erwähnt werden.
Die Pittsburger Firma
Data Shaping Solutions führt dieses praktische Mittel ad absurdum. So werden viele Webmaster in den letzten Monaten in ihren Logfiles Referrer auf die Domains
www.successmath.com und
www.datashaping.com entdeckt haben. Schönheitsmangel: auf diesen Seiten sind keine Links auf die jeweiligen Seiten zu finden. Die Referrer sind gefälscht. "Neural Marketing" nennen das die Werbetexter von Data Shaping Solutions.
Die Firma setzt einen Spider ein, sozusagen ein automatisches Surfprogramm, das allen möglichen Links folgt. Nach Herstellerangaben besucht dieser Spider in 5 Tage 200.000 Webseiten und hinterlässt dort seine Werbebotschaft - 195 Dollar soll das den Kunden im Monat wert sein.
Noch scheint das Angebot nicht eingeschlagen zu sein, bisher läuft nur Eigenwerbung über den Spider. Doch wenn gefälschte Referrerangaben einmal in Mode kommen, dürfte wieder eine Kommunikationseinrichtung der Vermüllung durch unerwünschte Werbung anheim fallen.