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Klimamüdigkeit

Wird die angekündigte Klimaerwärmung mit ihren Folgen mittlerweile zu wenig ernst genommen?

Als die Bücher laufen lernten

Marcus Hammerschmitt 06.11.2002

Wie man mit Hilfe des Internets Gedrucktem Beine machen kann

Steckt auch Ihr Regal voller Bücher, die gut sind, von denen Sie aber genau wissen, dass Sie sie nicht ein zweites Mal lesen werden? Warum schenken Sie ihnen nicht die Freiheit?

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Es ist eine dieser Ideen, für die das Internet wie geschaffen ist, auf die man aber erst einmal kommen muss. [extern] Ron Hornbaker, Programmierer aus Kansas City, mochte schon immer Sites wie [extern] Where's George? (ermöglicht das Tracking von Dollarnoten), [extern] PhotoTag, (verteilt Einwegkameras in der freien Wildbahn und sammelt die entstandenen Schnappschüsse) und [extern] Geocaching (ermuntert zu GPS-unterstützter Schnitzeljagd). Er dachte sich: Warum nicht was ähnliches mit Büchern machen?

Wie wäre es, wenn ich um eine Datenbank ein Softwaretool herumbaue, das es Menschen erlaubt, nicht mehr gebrauchte Bücher absichtsvoll und kontrolliert zu "verlieren", und gleichzeitig Interessenten die Möglichkeit bietet, diese Bücher wieder aufzufinden? Wäre das nicht eine Möglichkeit, über das Vehikel Buch Ideen und Geschichten dort zirkulieren zu lassen, wo sie sonst nicht hinkämen, vielleicht sogar Beziehungen zu knüpfen, die sonst nicht entstünden - und das alles ohne die ermüdenden und enttäuschenden Begleiterscheinungen der Warenwirtschaft (sprich des Buchhandels) und der bürokratischen Mangelverwaltung (sprich öffentlicher Bibliotheken)? Laut Hornbaker hatte er diese Idee am 21.3.2001, und am 17.4.2001 ging die erste Version von [extern] bookcrossing.com online.

Das Logo der Website, ein Buch mit Armen und Beinen, das tapfer vor sich hin läuft, stammt übrigens von Hornbakers Frau Kaori. Wie funktioniert die Sache? Denkbar simpel. Man registriert sich selbst (es wird wie üblich versprochen, dass das "für immer" kostenlos und privat bleiben wird), und man markiert die Bücher, die man aussetzen will - mit einem Code, der sie eindeutig identifiziert und als Teil der über die ganze Welt verstreuten Bookcrossing-Bibliothek kennzeichnet. Findet jemand das Buch und meldet sich bei Bookcrossing, erhält der Buchspender eine E-mail. Das ist im Grunde alles.

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Braucht man so was? Bookcrossing verzeichnet nach eigenen Angaben bisher über 53.000 Mitglieder und über 130.000 befreite Bücher (jeweils weltweit). In den USA sind bisher fast 41.000 Bücher ausgesetzt worden, in Kanada 6500, in Deutschland sind es erst 480 - aber selbst in Nicaragua, Nepal und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist je ein Titel unterwegs. Bisher werden nur 10 bis 15% dieser Bücher als wiedergefunden zurückgemeldet, aber Hornbaker stört das nicht - er hofft auf E-Mail-Rückmeldungen, die die Spender erst lange nach der Spende erreichen, und so einen ähnlichen Effekt haben wie die sprichwörtliche Flaschenpost, die erst nach Jahrzehnten ihren Leser [extern] findet.

Natürlich ist das alles nicht grundsätzlich neu. Man denke an [extern] Umsonstläden,, an so biedere Dinge wie [extern] Servas und andere Formen des [extern] Mutualismus und der [extern] Geschenkökonomie, die an bestimmten Punkten die Idee des Privateigentums negieren oder doch zumindest aufweichen wollen. Hornbaker möchte zwar gerne Autoren, Verlagen und dem Buchhandel die Angst nehmen, dass Bookcrossing in irgendeiner Weise ihre Einkünfte schmälern, will heißen, die Vermarktung geistigen Privateigentums sabotieren könnte, und deswegen betont er ein ums andere Mal die "spirituellen" Aspekte seines Projekts: um die Herstellung von Beziehungen zwischen Menschen über die gelesenen Bücher gehe es ihm, um die Verbreitung von Ideen.

Mitglieder seines virtuellen Buchtauschclubs seien jetzt sogar dazu übergegangen, von Büchern, die sie spenden wollten, immer gleich zwei Exemplare zu kaufen. Aber es ist natürlich genau die Idee und Praxis des sich selbst beschränkenden Privateigentums, die den Austausch der Bücher über seinen alternativen Vertriebskanal erst möglich macht. Insofern könnte Hornbaker etwas gelingen, was er gar nicht beabsichtigt hat: ein Beitrag zur De-Kommodifizierung der Ware Buch. Wie weit diese De-Kommodifizierung trägt, ist jetzt noch nicht abzusehen. Dass sie den Tendenzen zur Digitalisierung des Buchs den Rang ablaufen könnte, ist unwahrscheinlich. Sei's drum: Ein schöner Hack ist Bookcrossing in jedem Fall.

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