Navajo für alle
Andrea Naica-Loebell 07.11.2002
Quantenkryptografie wird kommerziell - Militärs und Geheimdienste stehen schon Schlange
Nach den viel versprechenden Praxistests der letzten Zeit sollen Quantenkryptografie-Geräte bald kommerziell verwertet werden.
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| Bild: c't |
Der Markt für völlig sichere Verschlüsselungsapparaturen ist vorhanden, allein das Militär hat im Zeitalter des umfassenden wechselseitigen Lauschangriffs einen großen Bedarf. Und auch in der Industrie würde sich der ein oder andere Chef verlässliche Kommunikationskanäle wünschen, die nicht unbemerkt abgehört werden können. Das betrifft vor allem Branchen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis, die Banken dürften zum Beispiel unter den ersten Kunden sein.
Die Quantenkryptografie bietet absolute Sicherheit, da jeder Spion, der mitzuhören versucht, unvermeidlich bemerkt wird (vgl.
Quantenkryptographie).
Seit Alice 1989 den ersten Prototyp eines Quantenschlüssel in den IBM-Forschungslabors an Bob schickte, haben sich vor allem zwei über weitere Strecken nutzbare Übertragungswege heraus kristallisiert. Die Fehlerraten sowie die Reichweite wurden stetig verbessert. Medien des Quantenkanals sind Luft oder Glasfaser, wobei die Übertragung durch die Luft schwieriger ist, da die Photonen mit den Luftteilchen stärker wechselwirken, was mehr Störungen verursacht.
In den letzten Monaten jagten sich die Rekorde. Im Juli gelang es Schweizer Physikern, einen Quantencode durch ein Glasfaserkabel über eine Distanz von 67 Kilometern zu übermitteln (vgl.
Plug&Play mit Quantenkryptografie). Die Physiker der
Universität Genf haben eine eigene Firma namens
id Quantique gegründet, die künftig das von ihnen entwickelte Quantenkryptografie-System "Quantum Key Distribution" vermarkten soll. Noch gibt es aber keinen konkreten Termin, an dem voraussichtlich Endverbraucher diese Verschlüsselungssysteme kaufen können.
Der nächste Weltrekord gelang im Herbst einem deutsch-englischen Forscherteam, das einen kryptografischen Schlüssel per Laserstrahl und Teleskopen sicher über eine Entfernung von 23,4 Kilometern schickte. Münchner Physiker haben das Sendeverfahren entwickelt und patentiert. Beteiligt ist hier die Firma
QinetiQ, ein Ableger des britischen Verteidigungsministeriums (vgl.
Neuer Weltrekord zwischen Zug- und Karwendelspitze).
Wie die
New York Times jetzt berichtete, kündigt das Startup-Unternehmen
MagiQ Technologies an, dass es in der zweiten Hälfte des Jahres 2003 ein eigenes kommerzielles Quantenkryptografiesystem auf den Markt bringen wird. Ihr abhörsicheres Verschlüsselungsgerät namens "Navajo" wird über Glasfaserkabel funktionieren.
Den Namen des Stammes von amerikanischen Ureinwohnern trägt das System sicherlich in Erinnerung an die Navajos, die im Zweiten Weltkrieg dem US-Militär ihre Sprache als Code für Nachrichten zur Verfügung stellten (vgl.
Navajo Code Talkers: World War II Fact Sheet). Die Firma mit Sitz in New York wurde 1999 von Robert Gelfond gegründet, der zu den Investoren der ersten Stunde von Amazon gehört. Dessen Gründer Jeff Bezos gehört nun wiederum zu den Investoren von "MagiQ". 6,9 Millionen Dollar steckten die Geldgeber insgesamt in die Vermarktung der Quantenkommunikation, die nun schnell Realität werden soll.
Experten wie Burton S. Kaliski Jr., Chefwissenschaftler der
RSA Laboratories, sind überzeugt, dass es MagiQ gelingen wird, ein praktikables und erschwingliches Quantenkryptografie-Gerät auf den Markt zu bringen. Die kleine Firma verfügt über eine beachtliche Liste an wissenschaftlichen Beratern.
Die ersten, die als Kaufinteressenten auftauchen werden, sind voraussichtlich die Lauschspezialisten von der National Security Agency (NSA, vgl.
No Such Agency), die auch den Genfer Quantenphysikern einen Besuch abstatteten. Sie werden Navajo sofort erstehen und gleichzeitig ist ihnen ein absolut abhörsicheres Kommunikationssystem auf dem freien Markt sicher ein Dorn im Auge. Sie werden also auch die ersten sein, die alles daran setzen werden zu erfahren, wer sonst noch Navajo zu welchem Zweck kauft.
Markt-Analysten sehen jedenfalls eine lukrative Zukunft für die Quantenkryptografie, allein durch das Interesse des Militärs und der Geheimdienste. Laura Koetzle, Computersicherheitsspezialistin bei der Unternehmensberatung
Forrester Research sagte der New York Times dazu:
Das Verteidigungsministerium wird sich dafür interessieren und das bedeutet viel Geld, mit dem eine kleine Startup-Firma gut überleben kann.
MagiQ hat aber noch viel mehr vor. Das Unternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Arten kommerzieller Anwendungen aus Erkenntnissen der Quantenphysik vermarkten. Dazu soll nach eigener Ankündigung in der Zukunft - in fünf oder mehr Jahren - auch der Quantencomputer gehören.