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Signal aus Florenz

Peter Nowak 10.11.2002

Das Europäische Sozialforum in Florenz hatte vorwiegend Eventcharakter, die seit langem größte Demonstration machte die breite Ablehnung des Irak-Kriegs deutlich

Was haben der von der Polizei letztes Jahr in Genua getötete Carlo Guliani und der seit mehreren Jahren in der Türkei inhaftierte ehemalige Generalsekretär der kurdischen PKK gemeinsam? Die Poster dieser beiden so ungleichen Zeitgenossen hingen in Lebensgröße im Innenhof der Fortezza de Basso im Zentrum von Florenz, wo vom vergangenen Mittwoch bis Samstag das [extern] Europäische Sozialforum, der europäische Ableger des [extern] Weltsozialforums, tagte.

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Foto: Indymedia Italien

Dass diese beiden Poster gleichberechtigt neben einander hängen, sagt schon sehr viel über den Charakter des Treffens aus ([local] Gipfel ohne Bewegung). Es war ein Markt der Möglichkeiten und es herrschte eine weitgehende Toleranz. Unterschiedliche Ansichten wurden einfach stehen gelassen und nicht ausdiskutiert. Es wäre auch kaum möglich gewesen bei der Vielzahl der Veranstaltungen und Arbeitsgruppen, die häufig hoffnungslos überfüllt waren. Schließlich hat die Zahl der Teilnehmer mit über 30.000 die Hoffnungen der Veranstalter weit übertroffen.

Doch vielen Menschen ging es nicht um bestimmte Vorträge, sondern einfach um das Dabeisein. Mit diesem Eventcharakter erinnerte das Treffen an einen großen Kirchentag. In ganz Florenz hatten sich in den letzten Tagen singende und tanzende Menschen versammelt. Während sich die Mehrheit mit Trommeln und Jonglieren die Zeit vertrieb, bevorzugte die anarchistische Minderheit harten Punk. So waren noch bis weit nach Mitternacht am Sonntagmorgen aus der Altstadt von Florenz laute Punkmusik zu hören.

Die Diskussionen überließ man lieber den Aktivisten von Attac und ihren Schwesterorganisationen aus anderen Ländern. Dabei stand ein Thema im Mittelpunkt: der drohende US-Krieg gegen den Irak sowie ob und wie er noch zu verhindern ist. Nach dem Wahlsieg der Republikaner bei den Parlamentswahlen sei ein Krieg kaum noch zu verhindern, erklärt Alex Callinicos von der University of York in Großbritannien. Er war sich mit [extern] Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen ([extern] IMI) auch darin einig, dass die Friedensbewegung gegen die US-Kriegspolitik nicht auf die EU setzten darf. Denn dabei handelt es sich nach Meinung der Referenten nur um einen weiteren imperialistischen Machtblock.

Die italienische Altlinke und Mitbegründerin von [extern] Il Manifesto, Rosana Rossanda, sprach von der weitgehenden Zustimmung der gegenwärtigen italienischen Regierung zur Außenpolitik der USA. Vielleicht ist das ein Grund, dass der Widerstand gegen den Krieg auf den italienischen Strassen viel deutlicher als in anderen europäischen Ländern manifestiert wurde. Das zeigte sich am Samstagnachmittag, als nach Veranstalterangaben knapp eine Million Menschen, nach Polizeiangaben ca. 600.000 ein deutliches Signal setzten.

Es war die bisher größte Antikriegsdemonstration der letzten Jahre in Europa. Immer wieder wurde in Parolen und Redebeiträgen der Widerstand gegen den Krieg mit der Ablehnung von Rassismus und Neoliberalismus verbunden. Besonders prägnant war diese Kombination im Block der unabhängigen italienischen Gewerkschaften [extern] Sin.Cobas. Dort nahmen auch Arbeiter der von der Schließung bedrohten FIAT-Werke teil.

Auffallend war die freundliche Aufnahme der Manifestation durch die Bewohner der an der Route liegenden Häuser. Nicht selten wurde mit kleinen handgemalten Transparenten oder auch einer weißen Fahne die Zustimmung zum Anliegen der Demonstranten signalisiert. Dabei wollte die italienische Regierung das Sozialforum und die Demonstration sogar verbieten lassen ([local] Das Innenministerium tut alles, um ein neues Genua herauf zu beschwören). Mit dem Schreckgespenst von der Ankunft des ominösen Schwarzen Block wurden immerhin Grenzkontrollen und Einreiseverbote gerechtfertigt.

Noch unmittelbar vor Kongressbeginn beschwor die mittlerweile im ultrarechten Lager gelandete Starjournalistin Oriana Fallaci der Titelseite des konservativen Corriere della Sera den [extern] Untergang von Florenz. Dort bedauerte sie, dass die Polizei keinen Schießbefehl habe, und nannte sie die Konferenzteilnehmer Vandalen und Barbaren, denen die Einwohner von Florenz durch Auskunftsverweigerung und Schließung der Geschäfte ihre Verachtung zeigen sollen. Doch ihre Ratschläge wurden weitgehend ignoriert. Statt dessen wurde Oriani, deren antimoslemisches Pamphlet [extern] Die Wut und der Stolz wegen Rassismusverdacht die französische Justiz [extern] beschäftigt als Puppe 'La Talibana' zur Freude vieler Demonstranten im Zug mitgetragen.

Als erstes Fazit kann gelten, dass zumindest die Demonstration ein deutliches Signal an die Friedensbewegung in den USA gesandt hat. Ob auch der Kongress mehr als ein einmaliger Event war, muss sich erst in der Nachbereitung in den einzelnen Ländern zeigen. Vor allem aber müssten dazu soziale Bewegungen zum Vernetzen existieren, und diesbezüglich sieht es zumindest in Deutschland zur Zeit eher mau aus.

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