Schwerer Rückschlag für Europäische Raumfahrt - Neue Ariane-5-Rakete musste siebeneinhalb Minuten nach Start gesprengt werden
Sie sollte eigentlich der erfolgsverwöhnten NASA und der US-Raumfahrtindustrie das Fürchten lehren und Europa im kommerziellen Raumfahrt-Transportmarkt nach oben katapultieren. Doch der Höhenflug der neuen Ariane-5-Rakete währte nur kurz. Bereits siebeneinhalb Minuten nach dem Start musste am Mittwochabend das vom Raumfahrt-Bahnhof Kourou gestartete zehn Tonnen schwere Prunkstück der ESA aus Sicherheitsgründen gesprengt werden. Der mittlerweile bereits zweite Fehlstart einer Ariane-5 ist für die europäische Raumfahrtindustrie ein herber Rückschlag: Die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen sind kaum absehbar.
Fernab des europäischen Festlands, inmitten eines Dschungelgebiets in Französisch-Guayana dicht am Äquator, hat die Europäische Raumfahrtagentur schon seit etlichen Jahren ihre Zelte aufgeschlagen. Auf Touristen, die den dortigen Weltraumbahnhof Kourou besichtigen, mag das pittoreske Umland, in das die Raketenbasis eingebettet ist, romantisch oder gar abenteuerlich wirken. Dass die Wahl der ESA einst auf diesen idyllischen Ort fiel, hatte dagegen einen handfesten pragmatischen Grund. Denn gegenüber jedem anderen Standort auf unserem Planeten ist ein in der Nähe zum Äquator liegender Raketenstützpunkt für Satellitenmissionen in die geostationäre Umlaufbahn deshalb von Vorteil, weil hier am effektivsten der Schwung mitgenommen werden kann, den die Erdrotation erzeugt.
10-Tonnen-Gigant befördert High-Tech-Satelliten ins Nirwana
Ariane-5 ECA. Bild: ESA/CNES/Arianespace
Gerne hätte die vermeintlich stärkste Trägerrakete der Welt, die neue Ariane-5 ECA, diesen Schwung mitgenommen - wenn man sie nur gelassen hätte. Doch anstatt einen Bilderbuchstart hinlegen zu dürfen, endete ihr Jungfernflug in einem Fiasko. Bereits siebeneinhalb Minuten nach ihrem Start vom Raumfahrtbahnhof Kourou in Französisch-Guayana musste die erste Rakete der neuen Ariane-5-Generation am Mittwoch um 23.22 Uhr (MEZ) wegen technischer Probleme über dem Atlantik gesprengt werden. Das einzige, was während des Starts erwartungsgemäß funktionierte, war die kontrollierte Sprengung selbst, mit der aber auch zugleich die hochfliegenden Pläne der Europäischen Raumfahrtagentur auf den Boden der Tatsachen geschmettert wurden. Die Situation erinnert ein wenig an den 4. Juni 1996, als Sekunden nach dem Start der ersten Ariane-5 das 50-Meter-Geschoss infolge eines Softwarefehlers aus der vorberechneten Flugbahn ausscherte und vorsorglich zur Explosion gebracht werden musste (Tagesschau-Video vom letzten missglückten Start der Ariane-5 ECA).
Eigentlich sollte die neue Trägerrakete zwei wuchtige Satelliten von insgesamt zirka zehn Tonnen an Bord nehmen und als geostationäre künstliche Trabanten in die Schwerelosigkeit entlassen. Um die Leistungsfähigkeit der Ariane-5 ECA zu optimieren, verstärkten die ESA-Ingenieure sogar die Feststoff-Zusatzraketen und verdoppelten zugleich die Schubkraft des neu gebauten "Vulcain II"-Motors. Die wichtigste Neuheit bei der "Zehn-Tonnen-Ariane" ist nämlich in der Tat die Oberstufe. Die neue Ausführung Vulcain-II verbrennt eine um 20 Prozent Flüssigsauerstoff angereicherte Treibstoffmischung unter leicht höherem Druck als die Vorgängerversion.
Aber anstatt nunmehr den erhofften Nutzlast-Rekord zu erzielen - die alte Ariane 5 könnte nur 5,9 Tonnen hieven -, ging jetzt die komplette Nutzlast verloren: Bei der Notsprengung löste sich der Fernseh- und Multimedia-Satellit Hot Bird tm7 in seine Bestandteile auf. Dasselbe Schicksal ereilte den Technologiesatelliten Stentor der französischen Raumfahrtagentur CNES. Stentor, der eine Schlüsselrolle bei der Erprobung neuer Kommunikations-Techniken einnehmen (Breitband-Multimedia etwa oder Internet im Flugzeug) sollte, war noch nicht einmal versichert.
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Mögliche Fehlerquelle: Defekt am Haupttriebwerk
Wie der Generaldirektor des Raketenherstellers Arianespace, Jean-Yves Le Gall am Donnerstag auf einer Pressekonferenz im Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana bestätigte, sei für den Absturz der europäischen Trägerrakete Ariane 5 offenbar ein Defekt am Haupttriebwerk verantwortlich gewesen. Die genauen Umstände des Unfalls werde eine spezielle Kommission noch aufklären, die am Montag ihre Arbeit aufnehmen und darüber entscheiden soll, wann die Ariane wieder starten kann, so Le Gall.
Kurz vor dem Start. Bild: Arianespace
"Unsere Arbeit ist schwierig, in Augenblicken wie diesen werden wir auf grausame Weise daran erinnert", klagt Le Gall sichtlich geknickt. "Wir haben schon Niederlagen erlebt, und werden noch andere erleben." Knapp zwei Wochen zuvor musste bereits ein erster Startversuch mit der neuen Ariane gestoppt werden, weil ein Klebstoff auf einem Mikrochip nicht funktionierte. Durch den Fehlkontakt blieb eine wichtige Rückmeldung aus.
Dabei sah kurz nach dem abgelaufenen Countdown zunächst noch alles nach einem perfekten Start aus. Doch bereits zwei Minuten nach dem Start am Mittwochabend um 23.22 Uhr (MEZ) nahm das Unheil seinen Lauf. Exakt 68 Sekunden nach dem Abheben stellte die Bodenkontrolle eine "erste Unregelmäßigkeit" des neuen Raketenmotors vom Typ Vulcain fest. Als nach zirka zwei Minuten die Zusatzraketen planmäßig abgesprengt wurden, lief Le Galls Worten zufolge alles noch nach Plan, bis nach rund drei Minuten die Rakete infolge der starken Vibrationen die Schutzhülle zur Abdeckung der Satelliten verlor.
Auf einer Flughöhe von 69 Kilometer wich die Ariane aufgrund des technischen Defekts am zentralen Vulcain-II-Triebwerk dann erstmals vom vorgegebenen Kurs ab. Als die Trägerrakete eine Höhe von 120 Kilometern über dem Atlantik erreichte, eskalierte die Situation derart, dass sich Arianespace-Chef Jean-Yves Le Gall nach knapp sieben Minuten und 35 Sekunden genötigt sah, die Rakete zu sprengen. "Als die Rakete von ihrer Flugbahn abkam, musste das Raumfahrtzentrum seine Pflicht tun", so Jean-Yves Le Gall. Zwar seien alle enttäuscht, aber man müsse den Blick in die Zukunft richten. "Es bleibt wie geplant bei dem Ariane-4-Start in der nächsten Woche."
Nur noch maritimer Hightech-Schrott
Zuerst tickerte in der Nacht noch die zweideutige Meldung über die Agenturen, dass die Mission drei Minuten nach dem Start abgebrochen worden sei. Von einer Sprengung war anfangs nicht die Rede. Kurze Zeit später rückte die ESA dann mit der Wahrheit raus.
Was gleichwohl von dieser Wahrheit übrig geblieben ist, fristet jetzt als millionenteurer Hightech-Schrott im Atlantik ungefähr 1000 Kilometer von Französisch-Guayana sein Dasein und kommt der ESA teuer zu stehen. Der finanzielle Verlust beläuft sich nach Angaben von Experten auf schätzungsweise 635 Millionen Euro. Arianespace-Chef Jean-Yves Le Gall spricht zwar von einem "herben Rückschlag", betont aber zugleich, dass die Versicherungen 150 Millionen Dollar auszahlen würden.
Momentan konzentrieren sich die Ingenieure bei ihrer fieberhaften Ursachenforschung auf zwei zentrale Fragen: Warum gab es bei dem neu gebauten Tieftemperatur-(Kryotechnik)-Motor Vulcain II nach 96 Sekunden einen Druckabfall am Kühlsystem, wo doch der Start um 23.22 Uhr problemlos funktioniert hatte? Was löste nach 178 bis 186 Sekunden die "schwere Funktionsstörung" des Wasserstoff-Flüssigsauerstoff-Motors aus, die den Flug von seinem Kurs abbrachte? Wie Le Gall verdeutlichte, werden hierzu frühestens in der nächsten Woche erste detaillierte Ergebnisse vorliegen.
Ebenfalls nur noch maritimer Hightech-Schrott ist mittlerweile auch der bislang größte zivile Kommunikationssatellit Astra-1K, der nach seinem misslungenen Weltraumstart Ende November am Dienstag dieser Woche kontrolliert in den Pazifik versenkt werden musste, "weil das Material in der sehr niedrigen Umlaufbahn zu schnell verschliss", so ein Sprecher des Astra-Betreibers SES Global. Der Satellit, der unter anderem bis zu 112 Fernsehkanäle vor allem in Mittel- und Osteuropa übertragen sollte, war auf Grund von Raketenproblemen nach dem Start am 26. November zu früh ausgesetzt worden.
Rosetta-Mission gefährdet
Jetzt aber spricht alles dagegen, dass die Ariane 5 der wachsenden Konkurrenz aus den USA, aber auch jener aus Russland, China, Indien, Japan und demnächst auch aus Australien Paroli bieten und damit die weltweite Marktführerschaft des europäischen Unternehmens Arianespace sichern könnte. Auch wenn die Ariane-Statistik immer noch positiv ist - von den in ihrer knapp 22-jährigen Geschichte bis dato 157 gestarteten Missionen scheiterten insgesamt neun -, scheinen momentan dennoch wieder die Amerikaner im lukrativen und hartumkämpften Satellitengeschäft mit ihren neuen Delta 5- und Atlas 5-Trägerraketen die Nase vorn zu haben, auch wenn die NASA-Statistik in punkto Mars-Missionen im Gegensatz zur Ariane-Bilanz noch schlechter ausfällt. Aber dies steht auf einem anderen Blatt.
Ein interplanetares Desaster, das indes zur Disposition steht, könnte sich aber im Zuge des Ariane-Fehlschusses einstellen. Ursprünglich sollte nämlich beim ehrgeizigen ESA-Rosetta-Projekt die "herkömmliche" Ariane 5 als Trägerrakete fungieren und die gleichnamige Sonde auf ihren Weg zum Kometen Wirtanen bringen. Da nach dem Unglück vorerst alle Ariane-Starts abgesagt sind, ist die Rosetta-Mission nunmehr mit einem gewaltigen Fragezeichen behaftet, zumal das Startfenster gerade mal 20 Tage beträgt.
Rosettas Ziel ist Wirtanen, ein knapp ein Kilometer großer Komet, den die Sonde nach einer neunjährigen Reise am 26. November 2011 erreichen wird. Höhepunkt des Unternehmens wird im Juli 2012 das weiche Absetzen eines Landers auf der Oberfläche des Kometen sein. Der Start ist auf den 13. Januar 2003 terminiert. Sollte innerhalb dieser knapp dreiwöchigen "Frist" die Ariane nicht abheben, könnte die Rosetta-Sonde den Zielkometen Wirtanen nicht mehr erreichen und seinen Forschungsauftrag in den kosmischen Wind schreiben.