Verschollen im kosmischen Ozean
Harald Zaun 01.03.2003
Pioneer-10 treibt als interstellares Geisterschiff ungewisser Zukunft entgegen - Kontakt zur Raumsonde definitiv abgebrochen
Seit knapp 31 Jahren rast die NASA-Raumsonde Pioneer 10 mit einer Geschwindigkeit von 12,24 Kilometern in der Sekunde durchs All und hat dabei während ihrer einsamen interplanetaren Odyssee gleich mehrere bemerkenswerte Rekorde aufgestellt. Das letzte Mal hat sich das irdische Gefährt am 22. Januar dieses Jahres gemeldet. Jetzt ist es um den einsamen hochbetagten Vagabunden im All still geworden. Wie die NASA berichtet, hat die Forschungssonde die Nabelschnur zu Mutter Erde nunmehr endgültig durchtrennt. Auch die NASA nimmt Abschied von ihrem "Kind".
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| Bilder: NASA |
Irgendwo in den Tiefen des kosmischen Ozeans driftet eines der erfolgreichsten irdischen "Raumschiffe" einsam und verloren, ohne jeglichen Kontakt zum Heimathafen unaufhaltsam einem unbekannten astralen Ufer entgegen. Von seiner Heimat in 12,3 Milliarden Kilometer Entfernung zeugt nur noch ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Punkt, der sich zusehends auflöst.
Langlebiger hochbetagter Veteran
Schon seit fast 31 Jahren flitzt die Nasa-Raumsonde
Pioneer 10 mit einer Geschwindigkeit von 12,24 Kilometern in der Sekunde durchs All und hat dabei ein strapaziöses Forschungsprogramm erfolgreich absolviert. Während ihrer interplanetaren Exkursion funkte die Sonde nicht nur zahlreiche Farbfotos vom Gasplaneten Jupiter zur Erde, sondern durchquerte als erstes von Menschenhand konstruiertes Gefährt den zwischen Mars und Jupiter eingebetteten Asteroidengürtel und verließ zugleich auch als erstes irdisches Vehikel das Sonnensystem. Der hochbetagte Weltraumveteran, dessen Mission ursprünglich auf nur 21 Monate ausgelegt war, erwies sich dabei als so langlebig, dass vor Jahren die NASA seine offizielle Mission bis zum 31. März 1997 verlängerte und bis vor kurzem noch darum bemüht war, den Kontakt zu ihr aufrecht zu erhalten.
Doch trotz aller Kontaktversuche meldete sich der interplanetare Späher in der Vergangenheit immer seltener. Während die US-Raumfahrtbehörde von Pioneer die letzten Telemetrie-Daten am 27. April 2002 empfing, ging das letzte Lebenszeichen der Sonde in Form eines schwachen Funksignals am 22. Januar dieses Jahres beim "Deep Space Network" (
DSN) der NASA ein. Zu diesem Zeitpunkt war der Roboter schon 12,23 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt - was der 82-fachen Entfernung zwischen der Sonne und der Erde entspricht. Über elf Stunden benötigte das Signal, um die Bodenkontrolle zu erreichen.
Früher hielten noch die Äther-Detektive des
SETI-Phoenix-Programms bei ihrer Fahndung nach ETs engen Kontakt zu Pioneer 10 und nutzten Raumsonde, um die Leistungsfähigkeit ihrer Antennen zu überprüfen. Mit Hilfe des hochsensiblen und zugleich weltweit größten unbeweglichen Radioteleskops, der 305-Meter-Aluminiumschlüssel in Arecibo (Puerto Rico), konnten die SETI-Forscher die Energie der damals ungefähr 10 Lichtstunden entfernten Pioneer 10 stets mühelos
einfangen. Damit ist es jetzt aber definitiv vorbei.
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Nabelschnur endgültig durchtrennt
Nunmehr hat aber der kosmische Pensionär die Nabelschnur zu Mutter Erde komplett durchtrennt. Den sondeninternen Nuklearbatterien aus radioaktivem Plutonium ist endgültig der Saft ausgegangen. Der Stromfluss für den lediglich acht Watt starken Pioneer-Sender, der die zusehends größer werdende Distanz zwischen Erde und Sonde überbrücken muss, ist versiegt.
Wie die
NASA am Dienstag mitteilte, schlug aufgrund des Energieproblems die zuletzt durchgeführte Kontaktaufnahme am 7. Februar dieses Jahres mit Pioneer 10 fehl. Die Raumsonde schweigt - und angesichts der Verdienste des in die Jahre gekommenen Rentners belässt es die NASA dabei. "Pioneer 10 war ein Pionier im besten Sinne des Wortes. Nachdem sie bei ihrer langen Reise durch das All am Mars vorbei geflogen war, wagte sie sich in Bereiche vor, in denen noch nie etwas, das von Menschen gebaut wurde, vorgedrungen ist", sagte
Colleen Hartman, NASA-Direktorin für die Erforschung unseres Sonnensystems.
Pioneer 10 war ursprünglich für eine Betriebsdauer von 21 Monaten konzipiert und hat insgesamt 30 Jahre funktioniert. Damit war die Sonde ein regelrechtes Arbeitspferd und wir haben wirklich etwas für unser Geld bekommen.
Pioneer 10-Projektmanager Dr. Larry Lasher
Stummes Geisterschiff mit Flaschenpost an Bord
Um so mehr ist dem kosmischen Rentner nach seinem arbeitsreichen Programm ein beschaulicher Lebensabend zu gönnen. Trotzdem könnte es in ferner Zukunft dazu kommen, dass das stumme im interstellaren Raum scheinbar ziellos dahin driftete Geisterschiff zu neuem Leben erwacht, frühestens dann, wenn es in etwa zwei Millionen Jahren den roten im Sternbild
Stier beheimateten Riesenstern Aldebaran (
Alpha Tau) erreicht, der immerhin 68 Lichtjahre von der Erde entfernt ist.
Dann oder auch etwas später (oder sehr viel später) könnte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass eine fremde Intelligenz den irdischen Abgesandten auffischt und auf die sondeninterne 15 mal 22,5 Zentimeter große und 1,27 Millimeter dicke Aluminiumplatte aufmerksam wird, mit der Pioneer 10 und ihre Schwestersonde Pioneer 11 seinerzeit bestückt wurden und worauf Informationen für außerirdische Kulturen gespeichert sind.
Dass seinerzeit neben den Voyager-Sonden auch die Pioneer-Zwillinge mit je einer kosmischen Flaschenpost bestückt wurden, ist in erster Linie dem bekannten Astronomen und 1996 verstorbenen Wissenschaftler
Carl Sagan (Cornell University/Ithaca) zu verdanken, der zusammen mit seinem SETI-Kollegen Frank Drake die Aluminiumplatte entwarf. Das darauf abgebildete menschliche Paar zeichnete Linda Salzmann Sagan, Carl Sagans damalige Ehefrau.
Gruß aus ferner Vergangenheit
Da auf der Metallplatte die zwei schemenartigen Figuren vor der Raumsonde Pioneer 10 stehend abgebildet wurden, konnte auf diese Weise die Körpergröße des Menschen plastisch dargestellt werden. Links von ihnen befindet sich die so genannte "Pulsarkarte". Auf dem unteren Rand der Karte fügte Carl Sagan noch die Sonne und die Planeten hinzu, deren Durchmesser in dem Vielfachen von Wasserstoffwellenlängen angegeben wurden. Auf der Flugbahn, die vom dritten Planeten ausgeht, befindet sich die schematische Darstellung von Pioneer. Man sieht, wie sich die Raumsonde zwischen dem größten und dem geringelten Planeten emporhebt.
Vielleicht werden die eingravierten Symbole und schemenhaften menschlichen Figuren in ferner Zukunft davon Zeugnis ablegen können, dass es uns, den
Homo sapiens sapiens irgendwann und irgendwo im Kosmos vor langer Zeit einmal gegeben hat. Der Gruß in die Ferne würde für die Empfänger nur noch ein Gruß aus ferner Vergangenheit sein, von einer womöglich vergangenen Kultur, sofern die Außerirdischen diesen Gruß als solchen überhaupt verstehen.