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"Wir können gar nicht alle jungen Männer annehmen, die an unsere Türen klopfen"

Herbert Hasenbein 07.03.2003

Nach einer wissenschaftlichen Studie ist die Bereitschaft zum Gehorsam ein wichtiger Grund für Selbstmordattentäter


Selbstmordattentäter sind ein Phänomen auf institutioneller Ebene. Organisationen und deren charismatische Führer haben größeren Einfluss als Bildungsweg, sozio-ökonomischer Status oder das Wesen der Persönlichkeit. Der einzig wirksame Schutz besteht darin zu verhindern, dass junge Menschen zu Terroristen werden.

Mit diesen Sätzen umreißt Scott Atran vom Institute for Social Research an der University of Michigan und dem CNRS-Institut Jean Nicod in Paris seine "Genesis of Suicide Terrorism" in [extern] Science.

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Die Art des Widerstandes ist nicht neu: Die jüdische Sekte der Zealoten (Sicari) benutzten eben diese Waffe gegen die Römer in Judäa, und später die Ismailiten (die Hashashin oder Assassinen) gegen die Christen zur Zeit der Kreuzzüge.

Der große Bang unserer Zeit fand 1981 in Beirut statt. 27 Tote und über 100 Verletzte in der irakischen Botschaft durch einen Anschlag, dessen Urheber im Iran vermutet und dessen Initiative dem damaligen Staatsführer, Ruhullah Khomeini, zugeschrieben wird. Danach folgen mehrfach Anschläge, zu denen sich die pro-iranische Gottespartei, die Hisbollah, bekennt. 1993 greift die Kampftechnik auf den israelisch-palästinensischen Konflikt über, wobei die Mitglieder der Hamas von den Hisbollahs trainiert worden sein sollen. Fathi Shiqaqi, der Führer des PIJ (Palästinensischer Islamischer Dschihad) stand dem nicht nach; er begann um 1988 über die Rekrutierung menschlicher Bomben zu philosophieren. Die Radikalisierung jenseits des Mittleren Ostens findet ihren Beginn im Kampf der Afghanen gegen die Sowjets (1979-89). Waffen, logistische und finanzielle Unterstützung der US Regierungen halfen damals, das Netzwerk der Al-Qaida zu stabilisieren.

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Ganz normale Menschen und billige Waffen

Sselbstmordattentäter sind wirksame und zugleich billige Waffen. "Etwa 150 US-Dollar pro Person. Das Teuerste ist der Transport in die Stadt", hat N.Hassan vor einem Jahr im [extern] The New Yorker vorgerechnet. Falls der Anschlag aufgedeckt wird, ist das Risiko für die Hintermänner gering: die Schulung erfolgt individuell und in kleinen Gruppen. Wäre nicht das Bekenntnis zum Anschlag mit dem vorab gedrehten Video und der Handschrift der Organisation, dann blieben die wahren Urheber unerkannt. Deshalb sind die Aktivitäten von Al-Qaida im Unterschied zur Bewegung der Palästinenser so schwer zu fassen.

Scott Atran trägt Daten von Interviews zusammen, die zum Teil nach der ersten Intifada, später in Bosnien und jetzt in Palästina mit Trainern, verhinderten Selbstmordattentätern oder Familienangehörigen nach einem Anschlag geführt wurden. In der Summe kommt er zum Schluss: "Es sind ganz normale Menschen, weder ungebildet noch dumm oder besonders arm oder depressiv. Was sie verbindet, ist ihr tiefreligiöses Verhalten und die Gewissheit, dass ihre Aktionen ein Bestandteil des göttlichen Werkes ist."

Die Vorbereitungszeit, so schätzen Fachleute, dauert im Mittel 18 Monate. Keine Werber müssen mit Trommeln durchs Land ziehen. "Wir können gar nicht alle jungen Männer annehmen, die an unsere Türen klopfen", so ein Mitglied der Hamas. Dass seit etwa zwei Jahren Frauen genommen werden, bedeutet keinen Mangel, sondern hat taktische Gründe ([local] Erster Selbstmordanschlag einer Frau in Israel).

Das treibende Motiv ist nach Scott Atran der Gehorsam. Tugend und Untugend zugleich, entzieht sich die Bereitschaft zu gehorchen der simplen Bewertung. Stanley Milgram hat in seinem Buch "Obedience to Authority" bereits 1974 dargestellt, wie US-Bürger unter bestimmten Bedingungen bereit waren, die Intensität von Elektroschocks über die erträgliche Schmerzgrenze hinaus zu steigern, nicht um zu töten, sondern um der von ihnen akzeptierten Autorität fügsam zu sein. Wie sehr teuflische Ordnungskräfte Bestand haben, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung aus Russland: Jeder Dritte sehnt sich nach Stalin und seiner geordneten Zeit zurück.

Probleme mit der Definition des Terrorismus

Der Gehorsam ist eingebettet in das politische Verständnis. Was ist Terrorismus? "Politisch motivierte Gewalt gegen zivile Ziele, um Gehör zu finden", so die frei übersetzte Meinung des US-Außenministeriums. Der US-Kongress ist etwas präziser, insofern seine Formulierung auf kriminelle Aktivitäten oder den Versuch abhebt, den Staat zu erpressen. In den Tagen nach 9/11 hat sich die Nachrichtenagentur Reuters des Begriffs verwehrt, weil "die Terroristen von heute die Staatsmänner von morgen sind".

Scott Atran verweist pikanterweise auf die französische Resistance, die, folgt man den US-Definitionen, im Kampf gegen die deutsche Besatzung ebenfalls Terroristen waren. Was den allgegenwärtigen und selten lösbaren Konflikt im Verständnis eines Attentäters deutlich macht. "Tatsächlich," so betont Scott Atran, "besteht kein Unterschied zwischen 'terror' in der Definition des US-Kongresses und 'counterinsurgency', den im Verborgenen ablaufenden Aktivitäten, die in den Handbüchern der US-Streitkräfte legalisiert werden." Diese Verbindung bringt zusätzlich den staatlich sanktionierten Terror ins Blickfeld: nach der Französischen Revolution unter Robespierre, in Russland unter Lenin und Stalin, in Kambodscha unter Pol Pot und im Iran durch Khomeini und dessen Nachfolger.

"Wie du mir, so ich dir" ist keine Lösung

Kein Gordischer Knoten, der mit einem Schwerthieb gelöst werden kann. Scott Atran verweist auf den Einsatz der Atombombe gegen Japan. Auslöser sei die Schlacht von Okinawa gewesen, nachdem 2000 Kamikazeflieger über 300 Schiffe angriffen und 5000 US-Soldaten getötet hatten. Erst die Atombombe hat den 2. Weltkrieg beendet und damit weiteres Leben gerettet, sei auch heute noch die Rechtfertigung für deren Einsatz.

Können die Falken in Israel mit ihren Panzern in den Orten Palästinas auf denselben Effekt hoffen? Wohl kaum. Reuters berichtete vor einem Jahr über eine Erhebung bei 1179 Palästinensern aus der Westbank und dem Gazastreifen: 2 von 3 Befragten erklärten, dass die Übergriffe der israelischen Armee ihre Bereitschaft, Selbstmordattentäter zu unterstützen, nur noch verstärken. Wenige Monate später war die Zustimmung auf 80 Prozent angestiegen.

Ob die Demütigungen Arafats dazu beitrugen oder andere Ursachen: seit Februar 2002 sind mehr Anschläge verübt worden als in den Jahren 1993-2000 zusammengenommen. Die israelische Politik der Stärke eint die Gegner. So brachte ein Saudi nach dem Attentat einer 18jährigen Palästinenserin in Jerusalem mehr als 100 Millionen US-Dollar an Spenden für den Widerstand zusammen. Verschärfung ebenso auf internationaler Ebene. Im Dezember stellte die UN fest, dass sich Al-Qaida in 40 Ländern reaktiviert hat und inzwischen zunehmenden Einfluss auf die politische Klasse nimmt.

Die Lösung, so Scott Atran, ist nicht "tit-for-tat"; sie sollte vielmehr die Mäßigung extremer Ansichten zum Ziel haben. Das bedeutet Gesprächswillige mit den Ungerechtigkeiten und Inkonsistenzen in ihrer Bevölkerungsgruppe vertraut machen, für Verständnis und den Abbau von Vorurteilen werben, Werte vermitteln wie den Respekt vor dem Leben und den Widerstand gegen Töten und Selbsttöten. Nur durch die innere Veränderung kann die Radikalisierung verringert werden.

Die große Unbekannte aus wissenschaftlicher Sicht sind Widersprüchlichkeiten: die ökonomischen, politischen und kulturellen Vorstellungen unserer westlichen Gesellschaft im Gegensatz zu den Anhängern der Terroristen, die nicht in Tausenden, sondern weltweit in Millionen zu zählen sind. "Was bringt gesellschaftliche Gruppen dazu, sich unserer Sichtweise zu verschließen (Taliban) oder ein Gegengewicht (Al-Qaida) aufzubauen?" Zur Klärung bedarf es weiterer Untersuchungen, die sich schwierig gestalten, wenn Terror einseitig gesehen, und der Kampf dagegen als politisches Konzept durchgesetzt werden soll.

Scott Atran, der 4 Sprachen spricht und weitere 4 Sprachen versteht, hat eine "Genesis" im Old-Europe Stil zusammengetragen. Aus historischer Sicht mag ein weiterer Vergleich hinzukommen: Die Kolonialmächte England und Frankreich sind an der politischen, ökonomischen und kulturellen Vielfalt ihrer Untertanen gescheitert. Viele US-Regierungen sind an deren Stelle getreten und verstehen sich als Global Player, die mit missionarischem Eifer das amerikanische Lebensgefühl vermitteln, aufdrängen oder erkaufen. Dass die Zeit in verschiedenen Erdteilen und Ländern unterschiedlich schnell läuft, und die Epochen gegeneinander zu Verwerfungen führen müssen, wird kaum wahrgenommen.

"Auge um Auge, Zahn um Zahn", also Rache als Mittel der Politik, wurde bereits vom preußischen König Friedrich dem Großen als kontraproduktiv und unpolitisch verworfen. Sind nicht die deutsch-französischen Beziehungen ein beredetes Beispiel für den langwierigen Weg von der aus Rachegelüsten geschürten Feindschaft zur Freundschaft?

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