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Vice City - Stadt der Sünden, Land of the free!

Felix Knoke 08.06.2003

Mit Grand Theft Auto Vice City zeigt Take 2, wie ein intelligentes, vielschichtiges Spiel aussehen kann

Zynisch und moralisch völlig inkorrekt - und deshalb verdammenswert, finden es die einen. Zynisch und moralisch völlig inkorrekt - und deshalb verdammt wertvoll, finden es die anderen. Dabei bietet die Grand Theft Auto-Reihe viel mehr als nur schnöde Bösartigkeit. Das Vollpreis-Addon Vice City zeigt, wie großartig elektronische Unterhaltung sein kann. Oder könnte...

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Computerspiele sind langweilig. Zwar entwickelt sich die Technik immer weiter, immer mehr Effekte, größere Landschaften und noch detailliertere Charaktere sind möglich - doch die Spieltiefe der meisten Videospiele hat Soap Opera-Niveau. Eine klischeehafte Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten ohne wirkliche emotionale oder intellektuelle Tiefe.

Der Humor der meisten Games ist meist zotig und pubertär. Je mehr Brüste wackeln, je detaillierter man Polygone vom virtuellen Körper trennen kann, je cooler die Einzeiler der Helden, desto besser das Spiel - denken sich die langweiligen Designer. Das größte Übel ist allerdings die überall lauernde Linearitätsbremse. Meist hat der Spieler keine oder nur vorgegaukelte Freiheiten. Ein enges Regel- und Designkorsett zwingen zur "richtigen" Spielweise. Wie gut, dass es eine Ausnahme gibt. Wie gut, dass es Grand Theft Auto Vice City gibt!

Die Zukunft des Entertainments im Retro-Style

Denn Grand Theft Auto Vice CIty macht fast alles anders - und überragend besser - als die Konkurrenz. Die Entwickler DMA Designs versuchen nicht, nach irgendwelchen bekannten Strickmustern zu entwickeln, sondern schweben über all dem abgelutschten "Herkömmlichen".

Wir brauchen eine riesige Stadt? Machen wir! Der Spieler soll unzählige Autos und Motorräder steuern können? Kein Problem. Flugzeuge, Helikopter? Auf jeden Fall. Und Boote? Warum nicht. Wie sieht es zu Fuß aus - mit fetter Bewaffnung? Packen wir auch noch drauf! Was haltet Ihr von einem zigstündigen Radioprogramm mit über einem halben Hundert Original-Songs, moderiert von echten Radio-DJs? Müssten wir hinkriegen... und so weiter, und so fort!

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GTA3 erschlägt mit Freiheiten, Möglichkeiten und purer Design-Brillanz. Und sogar die Technik überzeugt. Eine solide Engine ermöglicht sogar auf durchschnittlichen Systemen eine riesige detaillierte Stadt, die mit nur wenigen technischen Spielereien protzt. Und angefangen beim C64-Ladescreen verbirgt sich hinter dem unglaublichen Understatement von GTA Vice City eine wahre Größe.

GTA 3 war das erste Spiel, das vertrauenswürdig das Leben in einer Großstadt vierdimensional simuliert. Während die Sonne auf und unter geht, wandert man wie in einem First-Person-Shooter zwischen Skyscrapern oder Slumbaracken umher, rast mit geklauten Wagen, die es in Duzenden verschiedenen Modellen mit jeweils eigener Fahrphysik gibt, über Highways und Schleichwege und boxt sich sogar durch Einkaufszentren oder fliegt mit einem Helikopter durch gigantische Baustellen.

Das alles für eine Karriere als Kleinkrimineller, als Hitman für diverse Gangster-Bosse, Politiker und sonstige Interessensvertreter. Als Genosse der Gangsterbosse macht man sich die Finger schmutzig und wird dafür fürstlich belohnt. Soweit zum eigentlichen Spielinhalt: Mission erfüllen, nächste Mission erfüllen, usw, usf... Daran hat sich auch in Vice City nichts geändert.

Klein und gemein

Die wirkliche Großartigkeit von Grand Theft Auto Vice City spannt sich aber neben dem eigentlichen Plot. Eliminieren Spieleentwickler sonst ziemlich alles, was vermeintlich nicht direkt der Story oder dem Gamedesign hilft, existiert bei GTA/VC ein Neben-Universum voller Mini-Spielchen, Details und Witz. Kapert man ein Taxi, steht es einem offen, Fahrgäste wie im Dreamcast-Hit "Crazy Taxi" innerhalb eines Zeitlimits ans Ziel zu bringen. Das gleiche Prinzip gilt für Krankenwagen (Verletzte ins Krankenhaus bringen), Polizei-Autos (Verbrecher verfolgen und töten) und Pizza-Motorroller (Pizza ausliefern).

Waghalsige Sprünge mit dem Auto liefern Geld, Wheelies und Stoppies mit dem Motorrad auch. Findet man spezielle Vans, kann man sogar mit kleinen Modellflugzeugen, -helikoptern und -autos Rennen fliegen und fahren. Dass es sogar eigens eine abgegrenzte Offroad-Rennstrecke und sogar ein Motordrom gibt, mit verschiedenen Renn-Modi, versteht sich da schon fast von selbst.

Und wenn man nur ein wenig die Augen offen hält, wird man von einem wahren Detail-Sturm davon geweht. Von Postern, über Graffitis bis hin zu Werbeplakaten verstecken sich unendlich viele kleine Sticheleien, Frotzeleien oder Kalauer. Und dass eine Hotel völlig unauffällig "Moist Palms" - feuchte Palme oder feuchte Hand - heißt, zeigt nur einmal mehr, wie viel Designliebe in GTA Vice City steckt.

Polierte Oberfläche - dunkelschwarzer Hintergrund

Und wo der Inhalt so toll ist, glänzt auch die Verpackung. Lag der Dreck in GTA 3 auf den Straßen, findet man sich in Vice City im warmen Florida wieder: Die Sonne scheint, die Menschen tragen Bikinis oder Badehosen und Palmen und Strand zaubern virtuelle Sommersprossen auf die Nase. In diesem Setting bieten sich dem Spieler fast ungekannte Spielerlebnisse. Schnappt man sich eine Harley, fährt gen Sonnenuntergang und hört dabei Blondies "Atomic", eröffnet sich ein so intensives Gefühl, gerade wirklich dort zu sein, gerade wirklich die Sonne und die gute Laune zu spüren, wie man das von seinem Computer einfach noch nicht kennt. Gerade Vice City, noch viel stärker als das Mutterspiel, zaubert unglaublich eindrucksvolle Momente auf den Bildschirm, Momente von Größe und Schönheit.

Doch wo eitel Sonnenschein und Urlaubsstimmung herrscht, verbergen sich auch düstere Abgründe. Mit Doppelzuckerguss und Sahnehäubchen jubeln uns DMA Designs eine bitterböse Gesellschafts- und Kulturkritik unter. Am offensichtlichsten ist das noch im Radioprogramm. Acht Radiostationen mit Original-Songs und professionellen DJs und Radiomoderatoren spiegeln die amerikanische Radiolandschaft wieder, die von wenigen Konzernen im Würgegriff gehalten wird. Und so auch in GTA!

Da verkünden die Vice-City-Moderatoren mit bester Laune, wie einfältig das Radioprogramm ist und wie dumm das Publikum. Das fängt bei den Moderatoren von der Stange an, geht über die bitterbösen Commercials und endet immer noch nicht bei den saublöden Studiogäste und Live-Anrufern. Und wenn ein Präsidentschaftskandidat mit unverhohlener Dreistigkeit für sich wirbt - und dabei Mr. Shrub (engl. Synonym für "Bush") heißt - ist jedem klar: Das soll ein offensichtlicher Rundumschlag gegen die Medien und ihre Rezipienten und die Politik, die so etwas erlaubt, sein. Es geht aber auch subtiler, subversiver.

Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit

Durch die komplette GTA-Reihe zieht sich ein roter Faden - die völlige moralische Freiheit. Das Spiel lässt es offen, ob man abseits der Missionen Passanten abknallt oder nicht, ob man mit einem Golf-Wägelchen eine Gruppe älterer Damen (von denen eine inbrünstig nach einem Gin 'n Tonic verlangt) ummäht oder mit einem Schulbus Strandgäste umfährt. Eine Strafe für solche Schandtaten gibt es nicht wirklich. Irgendwann ist einem zwar die Polizei auf den Radkappen, ohne großen Aufwand - nur ein paar tausend Dollar sind nötig - kann man sich aber von der Schuld freikaufen.

DMA Designs nehmen die Spieler ernst - und fordern ihn heraus, konfrontieren ihn mit dem eigenen Voyeurismus und Sadismus. Wer GTA spielt, spielt mit den eigenen Wertvorstellungen. Und unversehens begrenzt man die Freiheit, die das Spiel bietet, ganz von selbst - und erfährt so wirkliche Freiheit. Die Freiheit, wirklich selbst zu bestimmen, wie man sich in einem Spiel verhält. Und genau in diesem Moment setzt die große Sogwirkung von GTA Vice City ein. Plötzlich fühlt man sich im Spiel, regt sich über das dumme Geschwätz der Passanten auf, staunt ob der Dreistigkeit der städtischen Polizei oder lacht einfach über die gelungenen Witze im Radio - ob vom virtuellen DJ beabsichtig, oder auch nicht. Und dann ist der richtige Moment gekommen, sich eine Harley zu schnappen, gen Sonnenuntergang zu brausen und dabei lauthals zu Blondies "Atomic" mitzusingen.

Das ist die Freiheit, die Vice City bietet! Die GTA-Spiele sind nicht zynisch und moralisch inkorrekt. Das können nur Menschen sein. Und GTA-Vice City ist das erste Spiel, das den Spieler die große Frage stellt: Willst Du wirklich zynisch und moralisch inkorrekt vorgehen? Egal ob die Antwort "Ja" oder "Nein" lautet - der Rest der Geschichte liegt allein in den Händen - oder dem Gamepad - des Spielers! Welcome to Vice City!

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Kommentare lesen
na dann üb mal (m7shadow 31.12.2003 3:55)
Ein paar Links... (Sloopy_DE 14.6.2003 11:15)
Überschrift (bitte unbedingt ausfüllen) (Nordwind 11.6.2003 16:34)
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