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Philipp Grätzel von Grätz 28.07.2003

Mit Hilfe einer neuen Software wollen die Betreiber der Londoner U-Bahn aufgezeichneten Bilder der Überwachungskameras in Echtzeit nach auffälligen Passagieren oder Gepäckstücken durchsuchen

Bislang konnte man davon ausgehen, dass der Trend zu immer mehr Überwachungskameras sich irgendwann selbst ad absurdum führt, weil kein Mensch all die Monitore im Auge behalten kann, die angeblich die Welt sicherer machen. Auch die Betreiber der Londoner U-Bahn kämpfen mit diesem Problem. Doch sie wollen es jetzt lösen.

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In den U-Bahnstollen und Treppenhäusern unter der britischen Hauptstadt sind gegenwärtig etwa 6.000 Kameras rund um die Uhr am Filmen. Insgesamt brachte es das Mutterland der Kameraüberwachung im Herbst 2002 nach Schätzungen der in London ansässigen Organisation Privacy International auf [extern] 1,5 Millionen Geräte. Andere Quellen sprechen sogar von 2,5 Millionen. In dieser Zahl sind die Kameras, die private Haushalte, Grundstücke, Fabriken oder Unternehmen überwachen, noch gar nicht enthalten. An einem durchschnittlichen Tag, so lautet eine populäre Schätzung, werde ein Fußgänger in den größeren englischen Städte mindestens dreihundert Mal gefilmt.

Innerhalb der nächsten Jahre will die Londoner U-Bahn die Zahl ihrer Überwachungskameras noch einmal um fünfzig Prozent auf dann 9.000 nach oben schrauben. Doch mit der fehleranfälligen Kontrolle der Kameras durch bemitleidenswertes Security-Personal soll irgendwann Schluss sein. Computersoftware soll in Zukunft die Bilddaten auswerten. Den Anfang machen jetzt die beiden U-Bahnstationen Liverpool Street und Mile End.

Das System, das dort zum Einsatz kommt, nennt sich Intelligent Pedestrian Surveillance System, oder [extern] IPS. Im Gegensatz zu Gesichterkennungssoftware versucht IPS nicht, Objekte aus den Bilddaten herauszufiltern. Vielmehr basiert es auf der Echtzeitüberwachung sich bewegender Bildpunkte: Die Software vergleicht die aktuellen Bildpunkte der Kameraaufnahmen mit Bildern desselben Ortes ohne jegliche Menschen oder andere bewegliche Objekte. Unterschiede werden gespeichert, und im Zeitverlauf verfolgt das Programm dann das "Schicksal" der einzelnen Pünktchen.

Eine bewegliche Ansammlung von Bildpunkten etwa, die sich trotz mehrerer ein- und ausfahrender Züge nicht von der Plattform entfernt, könnte ein potenzieller Selbstmörder sein, der gerade in ziellosem Auf- und Abgehen Mut für den finalen Sprung sammelt. Unbewegliche Bildpunkte könnten auf Sprengsätze oder verlorene Gegenstände hindeuten. Ein außergewöhnliches Muster von Pixelbewegungen könnte etwa ein Kampf sein. Das System soll dabei nichts bewerten, sondern lediglich das Sicherheitspersonal alarmieren, zum Beispiel über Verhaltensauffälligkeiten von Passagieren auf dem Bahnsteig, die dann genauer in Augenschein genommen werden können.

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IPS at home: Demoversion zum Testen

Für die Entwicklung des IPS-Systems wurden über Jahre hinweg "Schauspieler" in die Londoner U-Bahn geschickt, die verschiedene Verhalten imitieren sollten, um eventuelle Probleme des Programms aufzudecken. Die aktuelle Testphase in den beiden U-Bahnstationen läuft bis Ende 2003.

Entwickelt wurde IPS in einem Gemeinschaftsprojekt mehrerer europäischer Institutionen. Federführend war die Londoner Kingston Universität. Softwareentwickler Sergio Velastin hat mittlerweile eine eigene Firma mit dem Namen [extern] Ipsotek gegründet, um sein System zu vermarkten. Wer im Besitz einer Webcam oder eines Camcorders ist, kann sich eine [extern] Demoversion des IPS herunterladen und mit eigenen Bildern experimentieren.

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