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Persönlichkeitsveränderung durch Langzeittherapie

Thorsten Stegemann 19.10.2003

Klinische Studie belegt die Wirksamkeit der Psychoanalyse

Wer in der gegenwärtigen Diskussion um mögliche Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen für langfristige und obendrein noch kostenintensive Therapieformen plädiert, provoziert ohne Zweifel und Zeitverzug parteiübergreifenden Widerspruch. Angesichts der dramatischen Finanzlage ist das sicher verständlich, doch die Gefahr, dass Maßnahmen, deren Preis-Leistungs-Verhältnis sich nicht eindeutig bestimmen lässt, ohne größere Umstände zur Disposition gestellt werden, liegt auf der Hand.

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Die Psychoanalyse ist so ein Kandidat, denn ihre Wirksamkeit wird immer wieder mit dem Hinweis auf Psychotherapien angezweifelt, die in wesentlich kürzerer Zeit angeblich das gleiche Ziel erreichen können.

Klar ist immerhin: Psychoanalytische Behandlungen erstrecken sich in der Regel über eine Dauer von 240 bis 300 Stunden bei etwa drei Sitzungen pro Woche, während Psychotherapien 50 bis 80 Stunden umfassen und normalerweise einmal pro Woche durchgeführt werden. Nach Angaben der [extern] Kammer für psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Land Berlin belaufen sich die Kosten pro Stunde auf 60 bis 100 €, womit der durchschnittliche Unterschied im jeweiligen Höchstfall bei 17.600 € läge. Selbst wenn in diese Rechnung notwendige und teilweise erhebliche Variablen einbezogen werden, ist der Unterschied evident.

Wissenschaftler der Psychosomatischen Abteilungen des [extern] Universitätsklinikums Heidelberg und des [extern] Universitätsklinikums Benjamin Franklin in Berlin haben im Rahmen einer aufwendigen Langzeitstudie nun allerdings nachweisen können, dass psychoanalytische Behandlungen nicht nur unter Zeit- und Kostenfaktoren betrachtet werden können. Prof. Dr. Gerd Rudolf, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg, erklärt gegenüber Telepolis:


Beiden Methoden gelingt es verhältnismäßig gut, krankhafte Symptome zu reduzieren. Das Problem liegt in der Langzeitwirkung, denn die Psychoanalyse strebt eine dauerhafte Veränderung der Persönlichkeitsstruktur an, während es in Psychotherapien um die Bewältigung aktueller Konflikte geht.

Das hat gravierende Folgen. Die Studie, die seit 1996 mit 72, zumeist an schweren Persönlichkeitsstörungen leidenden Patienten durchgeführt wurde, konnte in 60% der psychoanalytisch behandelten Fälle eine erkennbare Persönlichkeitsveränderung nachweisen, während die Psychotherapie nur bei 11% erfolgreich war. Doch Gerd Rudolf geht es nicht nur um Zahlen:


Wir haben festgestellt, dass die Psychoanalyse-Patienten erkennbare Therapiefortschritte machten. Die Krankheitssymptome bildeten sich zurück, die Lebensqualität nahm kontinuierlich zu.

Unter diesen Umständen plädiert der Arzt geradezu für eine Umkehrung der Kostendiskussion:


Patienten, die derart erfolgreich therapiert werden, nehmen weniger Medikamente, Ärzte und Krankenhäuser in Anspruch. Das rechnet sich langfristig durchaus, denn wir wissen, dass Psychotherapien zwar kürzer sind, dafür aber ein hohes Rückfallrisiko haben. Viele psychische und psychosomatische Beschwerden sind tief in der Persönlichkeit der Betroffenen verankert. Diese Probleme lassen sich nicht im Handumdrehen lösen.

Ob psychoanalytische Behandlungen über mehrere Jahre wirksam sein und vielleicht eine endgültige Heilung versprechen können, lässt sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse allerdings noch nicht mit letzter Sicherheit sagen. Um definitive Aussagen zu treffen, wären weitere wissenschaftliche Untersuchungen notwendig, aber die sind natürlich auch nicht zum Nulltarif zu haben. "Wir betreiben Versorgungs- und keine Grundlagenforschung. Da ist die Pharmaindustrie leider nicht so interessiert", bedauert Gerd Rudolf.

Trotzdem ist der nächste Schritt erst einmal gesichert. In einer weiteren Studie wollen die Forscher herausfinden, ob sich erfolgreich behandelte Patienten auch nach einer therapiefreien Zeit von ein bis drei Jahren weiterhin auf dem Weg der Besserung befinden.

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15875/1.html

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Kommentare lesen
Krankenversicherung (parasight 13.1.2008 13:45)
Danke (arseno 25.10.2003 4:51)
Psychoanalyse kann sehr anregend... (von Vorgestern 22.10.2003 18:59)
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