Von Menschen-Monstern
Sebastian Susteck 27.12.2003
Michel Foucaults Vorlesungen aus dem Jahr 1974-75 erzählen von Urbildern der Abirrung und der Geburt der Psychiatrie
Kompromisslos hat Michel Foucault zeitlebens die Verbindung zwischen Macht und der Produktion von Wahrheit zu untersuchen versucht. Die Moderne seit dem 18. Jahrhundert sah der französische Philosoph durch das Normierungsstreben von Juristen, Professoren, Ärzten und Pädagogen beherrscht, die überall nach 'abweichendem' Verhalten fahndeten und es in Kategorien fassten, um ihm mit Maßnahmen der Disziplinierung zu begegnen. Posthum veröffentlichte Vorlesungen befassen sich nun - noch einmal - mit der gesellschaftlichen Erschaffung von 'Anormalen' und der Entstehung der Psychiatrie. Wie im Schnellverfahren eröffnen sie einen kompakten Zugang zu Foucaults Denken.
Im April 1975 besucht ein Journalist das Collège de France, um die Vorlesung Michel Foucaults zu hören. Was er erlebt, ist das Schauspiel einer durch Ruhm bedingten Isolation, das selbst für eine Foucaultsche Analyse geeignet wäre. Als der Philosoph seine Ausführungen beendet hat, verschwindet er in einer Traube von Zuhörern. Diskutieren will von ihnen freilich niemand. Die Menschen eilen nach vorne, um die Kassettenrekorder abzuschalten. "Wenn ich aufhöre zu sprechen, die Empfindung totaler Einsamkeit", notiert Foucault über die Erfahrung.
Dem Kassettenrekorder ist es zu verdanken, dass im Suhrkamp Verlag nun die Vorlesungen Foucaults aus dem Jahr 1974-75 erschienen sind. Der Band mit dem Titel 'Die Anormalen' streift noch einmal alle Themen, die Foucaults Werk auch sonst bestimmen und von Anfang an geformt haben. Dabei wirkt er alles andere als verstaubt. Gezwungen, sich für Zuhörer auf das Wesentliche zu beschränken, formulierte Foucault vielmehr übersichtlicher und präziser als in manchem für die Publikation bestimmten Text.
Der Mut zur Erzählung
Wer Foucaults Werk ein wenig kennt, findet viel Vertrautes. Dies betrifft die Themen: Wahnsinn, Sexualität, Strafe, die Logik der Institutionen und ihre Disziplinierungsmechanismen, die Beichtpraxis und das Geständnis, allgemein: die Technologien der Macht. Es betrifft aber auch die Fragestellungen und historischen Verschiebungen, die Foucault in den letzten Jahrhunderten sieht.
Vertraut ist auch die Sprache, die zwischen betont nüchterner Beobachtung und Bilderreichtum schwankt, um die passende Formulierung ringt und sich dabei immer wieder selbst zu korrigieren sucht. Und es gibt jene Unstimmigkeiten, die man an Foucault kritisieren kann und die kritisiert worden sind: Die Unentschiedenheit zwischen einer Haltung etwa, die historische Sachbestände nüchtern zu analysieren sucht, und einer Haltung, die mit kulturkritischem Pathos vor allem die Moderne seit dem achtzehnten Jahrhundert verdächtigt und negativ beschreibt. Oder der Hang zu einer Rhetorik, die große Konzepte entwirft und gegenüber dem historischen Detail mitunter fahrlässig verfährt. Einmal mehr präsentiert sich Foucault als großer Erzähler mit Mut zur Einseitigkeit.
Mechanismen des Ausschlusses
Thema der 'Anormalen' sind noch einmal die Ausschlussmechanismen, die besonders im neunzehnten Jahrhundert ein ganzes Feld als abweichend gebrandmarkter Individuen erzeugen. Zudem geht es um die Entstehung der Psychiatrie, die Foucault als "Technologie der Anormalie" bezeichnet und die ihn vom Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit an besonders fasziniert hat. Wie hängt die institutionelle Etablierung der Psychiatrie mit den Figuren der Anormalen zusammen? Und wie konnte die Psychiatrie sich einen Einflussbereich sichern, der bis heute zumal im Bereich des Strafprozesses auffällig ist?
Die grundlegende Verschiebung, die Foucault erkennt, ist eine Veränderung der Ökonomie der Macht, die sich ab dem neunzehnten Jahrhundert nicht mehr auf die Beurteilung und Bestrafung einzelner Handlungen von Menschen bezieht. Das neue (psychiatrische) Wissen etabliert stattdessen eine Perspektive, die dem Charakter gilt. Es erfindet Menschentypen, die unabhängig von ihren Handlungen mit Verdacht umstellt werden und in denen Taten vorhanden sind, die niemand sieht. Welches Monster verbirgt sich hinter dem kleinen Dieb?, werde im Laufe der Jahrzehnte zur psychiatrischen Frage.
Fürsorgemacht und Menschenmonster
Das Hauptinteresse der Psychiatrie zur Zeit ihrer Entstehung gilt, so Foucault, noch dem "Wahnsinn des Tötens", rational unerklärlichen Morden, die die Psychiatrie erklärbar und diagnostizierbar zu machen verspricht. Die Psychiatrie formiere sich als "Fürsorgemacht", die die Behauptung aufstellt: "Wo niemand sonst im vorhinein dies drohende Verbrechen aufspüren kann, kann ich als Wissen, als Wissenschaft von der Geisteskrankheit, als die, die den Wahnsinn kennt, diese Gefahr aufdecken, die für alle anderen unerkennbar und unwahrnehmbar ist."
Das Feld der Anormalen und den Aufstieg der Psychiatrie sieht Foucault historisch in drei Figuren vorbereitet, dem Menschenmonster, dem masturbierenden Kind und dem zu bessernden Individuum. Den ersten beiden dieser Figuren widmet er sich ausführlich. Das masturbierende Kind beschäftigt zwischen dem späten achtzehnten Jahrhundert und dem zwanzigsten Jahrhundert die Phantasie von Pädagogen, Theologen, Ärzten und Eltern. Die angeblich zu schlimmsten Krankheiten und zum Tode führende Masturbation wird zu einem Schreckensbild.
Der Begriff des Monster dagegen bezeichnet seit dem Mittelalter "ein Mischgebilde aus zwei Arten", das aus der Ordnung der Natur herausfällt. Dieser Verstoß gegen Naturgesetze verdoppelt sich im Verstoß des Monsters gegen bürgerliches, religiöses oder göttliches Recht. Im Umkreis der französischen Revolution werden dem Menschenmonster in den 1790er Jahren wirkungsvoll die archetypischen Handlungen menschlicher Abirrung zugeschrieben: der Vollzug des Inzests und der Kannibalismus.
Die Pathologisierung des Alltags
Erst die Verkopplung der sexualisierten Gestalt des masturbierenden Kindes mit der des Monsters aber bringt laut Foucault jenen Typ des Anormalen hervor, mit dessen Hilfe die Psychiatrie im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ihre Macht entfaltet. Verbindungsglied wird besonders das Konzept des "Triebes", der die Anormalen angeblich zu ihren Handlungen drängt. Nun geht es um Lebensgeschichten und sexuelle Biographien, die das Übel der Abweichung schon in der Kindheit festzumachen verstehen. Das Monster ist dabei längst in die Alltäglichkeit abgesunken. Das "große Menschenfressermonster" werde im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts "in die Form all dieser kleinen perversen Monster gestanzt", die sich "ununterbrochen" zu vermehren scheinen.
Indem die psychiatrische Intervention auch die Banalität des Alltags betrifft, werde sie zu einer wuchernden Macht, die gerade durch ihre Subtilität über das eigene Wirken hinwegtäuscht. Dem alltäglichen Verbrechen, schließlich der alltäglichen Abweichung und Exzentrizität zwinge die Psychiatrie ihr Urteil auf. Diese zutiefst pessimistische, ins Paranoide strahlende, jedoch mit vielen historischen Zeugnissen belegte Sicht ist nun auf gut vierhundert packenden Seiten nachzulesen.
Michel Foucault: Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974-1975). Aus dem Französischen von Michaela Ott. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2003. 476 S. Preis: 38,- E.