Ein Opfer der wissenschaftlichen Vorurteile seiner Zeit
Hubert Mania 17.04.2004
Die DNS wurde bereits 1869 im Tübinger Renaissanceschloss entdeckt
Ein prunkvolles Bauwerk weist auf einen bedeutsamen Ort und auf scheinbar wichtige Menschen hin. Sind es heute die Lenker von Wirtschaft, Banken und Handel, die in den höchsten Bürotürmen und teuersten Wohngegenden ihre Pracht entfalten, so waren es in früheren Jahrhunderten Kirchen, Schlösser und Paläste, in denen die Reichen und Mächtigen zu Hause waren. Bei mythischen Orten kann sich diese Binsenweisheit aber auch in ihr genaues Gegenteil verkehren.
Das berühmteste Beispiel ist zweifellos jener legendäre Stall im palästinensichen Bethlehem. Die rustikale Bescheidenheit dieses Ortes scheint der Bedeutung der angeblich dort geschehenen Geburt nicht gerecht zu werden. Albert Einsteins Elternhaus in der Ulmer Bahnhofstraße ist ein weiteres krasses Beispiel für die Schmucklosigkeit und Banalität eines nachträglich mit Bedeutung überfrachteten Ortes, nur weil dort die allerersten unbeholfenen Lebensäußerungen eines späteren Revolutionärs stattfanden. Und beim berühmten Woolsthorpe Manor, in dem Isaac Newton zur Welt kam, kann man, auch ohne einen besondern Hang zur Boshaftigkeit, einen fließenden Übergang zwischen Kuhstall und Datscha feststellen. Vergeblich sucht der mit einer lebhaften, aber offensichtlich falschen Fantasie über das Leben kleiner Genies geplagte Betrachter ein weites Atrium oder wenigstens eine veritable Säulenhalle, in der Klein-Isaac, großzügig ausschreitend, seine ersten selbst erdachten mathematischen Kopfnüsse geknackt haben könnte. Kein Apfelbaum. Nirgends. Stattdessen fällt der Blick nur auf eine heruntergekommene Bauernkate. Nichts weist darauf hin, dass hier ein Geistesgigant, der das Wissen der Menschheit um eine ganz neue Qualität bereichern sollte, seine ersten Laufversuche machte.
Die Verfügbarkeit bilderzeugender Techniken an jenem historischen Dezembertag in Bethlehem hätte eine Dokumentation dieses vermutlich folgenschwersten Geburtstags aller Zeiten enorm erleichtert. Aber offensichtlich waren die vom Glanz der Engel eingeschüchterten, vom weißen Rauschen ihrer verschlüsselt gesungenen Lobpreisungen irritierten und vom Dreikönigsweihrauch gehörig euphorisierten Hirten einfach nicht clever genug, sich beim Chillout des Events oder beim Verlassen der Location die Krippe unter den Nagel zu reißen und sie als ultimativen Kultgegenstand durch die Zeiten zu retten.
Die Merchandising-Idee kam erst ein paar hundert Jahre später so richtig in Schwung, als die bis dahin eher heidnisch orientierten Germanenstämme ihre natürliche Begabung für den Devotionalienhandel entdeckten. Dann aber entwickelte sich dieser Wirtschaftszweig so unaufhaltsam, dass die allein im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angesammelten, garantiert echten Splitter des Folterinstruments, an dem der Palästineser schließlich starb, ausgereicht hätten, um 1835 sämtliche Holzschwellen für die erste deutsche Eisenbahnlinie Nürnberg/Fürth zu liefern. Stallgeburt und Tod am Kreuz avancierten zu erfolgreichen Mythen mit der berüchtigten, aus selbst verschuldeter Unmündigkeit formulierten Sündenbockthese von der Erlösung der Menschheit durch diese eine, ganz spezielle Hinrichtung eines Revolutionärs der idealistischen Liebe.
Das Originalkreuz oder die Originalkrippe: gar nicht auszudenken, was in Rom oder Bethlehem zu Ostern und Weihnachten zusätzlich los wäre, wenn diese Kultobjekte überlebt hätten. Auch wissenschaftshistorisch bedeutsame Gegenstände sind Besuchermagnete in Museen und auf Jubiläumsausstellungen. Berühmt ist die Schublade von Einsteins Schreibtisch im Berner Patentamt, die er "mein Büro für theoretische Physik" nannte, der alte, arg verzogene Holztisch im Deutschen Museum in Bonn, an dem Otto Hahn die erste Kernspaltung gelang oder die Originalapparatur von Marie und Pierre Curie in München, mit der sie die Radioaktivität der Pechblende maßen, aus der sie ihr Radium gewannen, das nachts im dunklen Labor die Flaschen, Schalen und Bottiche zum Leuchten und Marie schließlich den Knochenmarkskrebs brachte. Selbstverständlich lösen diese Kultobjekte den Schauer der Erregung nur in einem entsprechend vorinformierten und freundlich geneigten Bewusstsein aus. Manchmal erzeugen sie vielleicht sogar für einen kurzen Augenblick die Illusion, man könne sich in eine imaginäre Zeitschleife einfädeln und nachträglich noch zum Augenzeugen der spektakulären Tat werden.
Das
Renaissanceschloss Hohentübingen, durch einen sanften Hügel den Alltagsgeschäften der Bürger von Tübingen enthoben und dadurch ein wenig über den Dingen thronend, begrüßt den Besucher mit einer architektonisch verwegenen Stilcollage. So taucht hier, über den Dächern der Tübinger Altstadt, zurückgezogen zwar, aber in Rufweite zur Welt da draußen, hinter einer Kurve urplötzlich die Breitseite eines fossilen Kriegsschiffs auf, das den Weg zu versperren scheint.
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Eine schroffe Konfrontation mit einem massiv steinernen Bollwerk aus abweisend dunklen Quaderblöcken, gut zehn Meter hoch und zwanzig Meter breit, vor dem man sich klein fühlen muss. In seiner Mitte aber ist ein Portal eingelassen, das aus hellerem Stein wie ein römischer Triumphbogen gestaltet ist. Und über dem Tor protzt in der ganzen Breite von gut sechs Metern das maßlos verspielte herzogliche Wappen des ehemaligen Besitzers, umrahmt von den unvermeidlichen Landsknechten in Pluderhosen. Es ist der Eingang zu einer naturwissenschaftlichen Kultstätte allerersten Ranges, die allerdings, von einem Insiderzirkel abgesehen, noch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert ist.
Unappetitliche Umstände der Untersuchungen
Heute ist das Schloss ein Museum, unter anderem mit Abteilungen für Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Völkerkunde, doch bis 1968 hatte die Universität Tübingen 150 Jahre lang ihre Bibliothek sowie einige wissenschaftliche Institute hier untergebracht. Der Biochemiker Felix Hoppe-Seyler richtet sich 1860 in der Schlossküche ein für damalige Maßstäbe hochmodernes Labor ein und trägt mit seiner Arbeit zum besseren Verständnis des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin bei. 1868 kommt der Schweizer Mediziner
Friedrich Miescher von Basel nach Tübingen und erforscht unter der Leitung von Hoppe-Seyler das Innenleben der Zelle.
Dr. Ralf Dahm vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen
beschreibt 2003 die "unappetitlichen" Umstände der Untersuchungen: Miescher besorgt sich eitrige, blutverschmierte Wundverbände aus der Städtischen Klinik, um daraus seine weißen Blutzellen zu gewinnen. Beim Versuch, die verschiedenen Eiweißstoffe der Zelle zu identifizieren und katalogisieren, stößt der junge Forscher allerdings schon bald an die Grenzen der mangelhaften Technik und des unzulänglichen Wissens seiner Zeit, so dass er sich schließlich auf den Zellkern konzentriert, der 1868 immer noch zur "terra incognita" der Biochemie gehört.
In diesem Jahr erscheint Leo Tolstois "Krieg und Frieden", James Clerk Maxwell formuliert seine grandiose Theorie des Elektromagnetismus, Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" wird in München uraufgeführt und der deutsche Zoologe und Naturfilosof Ernst Haeckel veröffentlicht in Jena eine Vortragsreihe unter dem Titel "Natürliche Schöpfungsgeschichte", in der er die epochale Bedeutung von Charles Darwins Evolutionstheorie herausstellt. Doch wie genau die körperlichen Merkmale von einer Generation zur nächsten vererbt werden, kann selbst Darwin noch nicht erklären.
Dabei entfaltet sich die Antwort auf diese Frage im bescheidenen Weiß der Blütenblätter eines Erbsenbeetes im Gewächshaus des Augustinerklosters St. Thomas im österreichischen Brünn. Bruder Gregor, der sich acht Jahre lang intensiv um die Vererbungsprozesse des jungen Gemüses gekümmert hat, wird in diesem Jahr 1868 zum Abt des Kosters gewählt und hat nun keine Zeit mehr für seine Experimente. In der Tübinger Schlossküche aber wird der unbekannte Friedrich Miescher vermutlich im Januar oder Februar 1869 überraschenderweise zum Entdecker einer noch nie zuvor identifizierten Substanz:
In Extrakten der Zellkerne bemerkt er einen Niederschlag, der nicht aus Proteinen zu bestehen scheint. Enzyme, die Proteine spalten, können ihm nichts anhaben. Außerdem stellt Miescher fest, dass der Stoff sich auch in anderer Hinsicht von Proteinen unterscheidet: Er enthält in großen Mengen Phosphor. Er nennt den neu entdeckten Stoff "Nuclein" - abgeleitet von nucleus, dem lateinischen Wort für Kern.
Erst 1871 veröffentlicht Laborleiter Hoppe-Seyler den ungewöhnlichen Fund, weil er Mieschers Nuclein, das aufgrund seiner Eigenschaften den Eiweißstoffen durchaus den Rang ablaufen könnte, erst verifizieren möchte. Der Entdecker ist inzwischen Lehrstuhlinhaber für Physiologie an der Universität Basel und vermutet bereits, das Nuclein könne kausal mit der Befruchtung zu tun haben, da er es in den Spermien verschiedener Wirbeltiere gefunden hat. Zwar ist er der Wahrheit auf der Spur, und ahnt wohl auch, dass ihm mit der Entdeckung der neuen Substanz ein großer Coup gelungen sein könnte, doch wird er tragischerweise ein Opfer der wissenschaftlichen Vorurteile seiner Zeit, denn kein zeitgenössischer Chemikerkollege Mieschers verschwendet einen Gedanken daran, dass eine einzige materielle Substanz universell für die Vererbung in mehr als einer Tierart verantwortlich sein könnte. Wie sollte ein noch so interessant gebautes Molekül wohl diese enorme Vielfalt bewirken können?
Also verwirft auch Miescher diesen Denkansatz. 1895 stirbt er mit 51 Jahren an den Folgen der Tuberkulose, offensichtlich aufgerieben im akademischen Betrieb, ausgebrannt und erschöpft von der erfolglosen Suche nach der Funktion seines Nucleins. So bleibt die wahre Bedeutung von Mieschers Entdeckung noch weitere 70 Jahre lang verborgen, bis der kanadische Bakteriologe Oswald T. Avery 1944 das Nuclein eindeutig als den Träger der Erbinformation identifiziert. Mittlerweile wird es Desoxyribonukleinsäure oder DNS genannt.
Eher Alchemistenküche als ein moderner Chemiearbeitsplatz
Durch einen glücklichen Umstand hat eine
Fotografie des Labors in der Schlossküche in den Archiven der Tübinger Universität überlebt. Sie stammt von dem Fotografen Paul Sinner, der diesen Raum im Südflügel von Schloss Hohentübingen nachweislich 1879 auf die Platte gebannt hat. So bekommt man also, zehn Jahre nach Mieschers Entdeckung der DNS, einen plastischen Eindruck vom Ort des historischen Geschehens. Der Parasitologe Dr. Alfons Renz sammelt und inventarisiert die historischen Instrumente der Universität Tübingen. Mit seiner Hilfe lassen sich die Laborgeräte von 1879 identifizieren.
Auf dem Arbeitstisch stehen "zwei schwarze Retorten [...] und eine Destillationsanlage, bestehend aus einer Glasretorte auf einem runden Heizer, einem langen Kühlgefäß und einem runden Glaskolben als Aufnahme." Neben einer Durchgangstür steht in einer Ecke des Labors eine mannshohe "Anlage zur Herstellung destillierten Wassers": Ein ebenfalls metallisch schwarz glänzender Kessel über einem steinernen Ofen. Unmittelbar daneben ruht auf einem Dreibeingestell ein ebenfalls dunkler "Kühltank, vor dem ein Glasgefäß erkennbar ist, offenbar zum Auffangen des destillierten Wassers."[1]
Alles nichts Besonderes, sollte man denken, dennoch beschwört dieser Kontrast aus fast unsichtbaren Glasgefäßen und schwarz glänzenden Apparaten auf diesem alten Schwarzweißfoto eine eigenartige archaische Stimmung herauf. Dieses Labor, so will es einem Laien mit dem Referenzbild eines klinisch sauberen Hightechlabors von heute im Hinterkopf scheinen, steht einer Alchemistenküche viel näher als einem modernen Chemiearbeitsplatz. Auf geradezu schockierende Weise spartanisch wirkt dieses Gewölbe mit den kahlen, roh verputzten Wänden. An der Fußleiste der Schranktüren unter dem Arbeitstisch sind deutlich dunkle Spuren von den Schuhen der Mitarbeiter zu erkennen. Die unbearbeiteten Steinplatten des Fußbodens hinterlassen ebenfalls einen leicht schmuddligen Eindruck. Jeden Augenblick könnten Wagner, Faust und Mephisto im Türrahmen erscheinen, um nach dem Homunculus in der Retorte zu sehen.
Doch nicht allein die Atmosphäre des Labors auf dem Foto lässt die Nähe zur Alchemie spüren. Es ist die Konstellation der Versuchsanordnung Mieschers selbst, die an das uralte alchemistische Prinzip erinnert, dass im Niedrigsten und Schmutzigsten der Glanz der schwer erreichbaren Kostbarkeit verborgen liegt. Schließlich benutzt Miescher zur Gewinnung seiner Zellen eitrige Wundverbände. In der undurchdringlichen substantia nigra des Eiters verbirgt sich die quinta essentia in Gestalt der Nukleinsäure, die es zu befreien gilt. Denn das ist die klassische Tat des Alchemisten: die Befreiung edler Gestalten aus der dunklen Materie.
Könnte es nun sein, dass 1869 ein moderner Naturwissenschaftler die Suche der Alchemisten ein für alle Mal erfolgreich beendet hat, indem er die DNS aus dem Dunkel des Zellkerns ins Licht der Welt hinausführte? Ist die Erbsubstanz der lang gesuchte Stein der Weisen, der als Katalysator den alchemistischen Traum von der Transmutation beschleunigt? Oder - bioinformatisch formuliert - lässt sich durch die Entschlüsselung der Informationsfülle im Erbgut die gentechnische Umgestaltung unvollkommener und die Neuprogrammierung kranker, dem Altern unterworfener Säugetierzellen verwirklichen?
Der deutsche Wissenschaftsautor Ernst Peter Fischer hat das alchemistische opus ganz modern als "Wertschöpfung" interpretiert. Schon Goethe habe die Wirtschaft als alchemistischen Prozess gedeutet. Aus einem relativ wertlosen Gegenstand wie Papier Geld zu machen, sei zeitgenössische Alchemie ohne die giftigen Dämpfe und ineffizienten Metallveredelungsetüden in feuchten Kellergewölben. Für Fischer ist das Kapital der Stein der Weisen: "Es schafft bekanntlich neues Geld aus sich selbst, ohne eine Leistung zu erbringen."[2]
Gewiss eine kluge und anregende Interpretation.
Geburt einer sensationellen Wissenschaft an einem bescheidenen Ort
Die beispiellose Karriere des DNS-Moleküls in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Goldrauschatmosphäre des Humangenomprojekts, die Börsengänge von Biotech-Unternehmen: Alles deutet ja tatsächlich auf einen satten zeitgenössischen Wertschöpfungsprozess hin. Das genmedizinische Potenzial der DNS scheint atemberaubend zu sein, die geweckten Erwartungen sind riesig. Auf dem Grund der DNS hört mancher Enthusiast bereits das erste leise Plätschern eines Jungbrunnens, der von einem Enzym namens "Telomerase" gespeist wird und zum Sprudeln gebracht werden könnte - möglicherweise ein wichtiges Element einer künftigen naturwissenschaftlichen Antwort auf das versprochene Unsterblichkeitselixier der Alchemie.
Friedrich Miescher hat die prometheische Tat vollbracht und die DNS aus ihrer Isolation befreit. Jetzt ist die Verwandlung ihrer Geschöpfe nicht länger den planlosen Verschleppungslaunen der natürlichen Auslese überlassen. Homo sapiens kann seine Transmutationen selbst in die Hand nehmen.
Angesichts der immensen Bedeutung der DNS als Molekül des Lebens besteht die Gefahr, beim Blick auf die Fotografie von 1879 dieselbe Torheit zu begehen wie die Jesus-Aficionados bei der Mystifizierung der nicht dokumentierten Geburtsstätte ihres Idols. Zumal die aus heutiger Sicht ausgesprochen reduzierte Architektur des Labors mit der primitiv wirkenden Ausstattung eine schnell konstruierbare assoziative Brücke zum Stall in Bethlehem zulässt. Genauer betrachtet, haben wir es bei Mieschers Experiment dann sogar mit einer Doppelvariante des alchemistischen Prinzips zu tun, wonach das Höchste im Niedrigsten verborgen liegt. Denn es geht ja hier nicht allein um den Nukleinglanz im Eiterschmutz, sondern auch um die Geburt einer sensationellen Wissenschaft an einem bescheidenen Ort - eine Konstellation, die man augenzwinkernd das "Stall-von-Bethlehem"-Syndrom nennen könnte.
Der dort in armseliger Umgebung angeblich jungfräulich geborene Religionsstifter und die hier in einem dunklen Gewölbe mit biochemischem "Kaiserschnitt" aus Eiterzellen ans Tageslicht geholte Erbsubstanz sind jeweils Verkörperungen schöpferischer Gipfelpunkte von immenser historischer Bedeutung in der Evolutionslandschaft. Dabei dürfen wir allerdings nicht den erkenntnistheoretischen Fehler begehen und, metaphorisch gesprochen, die Hochvolt-Halogenleuchte mit der Elektrizität vergleichen. Der Palästinenser war ein Mensch wie jeder andere auch, die DNS aber ist Vatermutter und Urgrund aller Wesen, die je gelebt haben.
1869 geht es also nicht allein um die Freisetzung einer unbekannten biochemischen Substanz unter vielen im Zellkern, sondern um nichts Geringeres als die erste öffentliche Begegnung mit der Herrscherin über alles Leben auf diesem Planeten. Friedrich Miescher klopft an die Tür des Zellkernpalastes und trifft auf Ihre Majestät höchstpersönlich. Dreieinhalb Milliarden Jahre hielt sie sich dort vor den Blicken ihrer eigenen Geschöpfe verborgen, bis ihre Isolationspolitik hier, in der Tübinger Schlossküche, an der Neugier und dem Anfängerglück eines Forscheramateurs scheitert.
Mit der Einschränkung natürlich, dass Miescher nie erfährt, wem er da eigentlich begegnet ist, denn noch gibt sie ihre Identität und ihre Gestalt nicht freiwillig preis. Fünfundachtzig Jahre lang verweigert sie sich jedem Annäherungsversuch und verhüllt ihre Schönheit mit einem undurchdringlichen Schleier. Dass die Kaiserin gar keine Kleider trägt, werden erst 1953 James Watson und Francis Crick entdecken und dann die intimen Details ihrer tollen Figur enthüllen.