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Die adoptierten Medienhuren

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Medienrevolution oder Tagebücher

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Warum eine Matrix bauen?

Und warum Sie sich in einer befinden könnten

Ein wenig nackt

Thomas Pany 18.06.2004

The Revolution will (not) be Blogged - Teil 1

Ein paar lines genügen, um das System der user auf Hochtouren zu bringen. Sie sind schnell zu konsumieren, subversiv, intelligent, bewußtseinserweiternd, auf der höchsten Höhe der Zeit, der Kickstart in die jüngste revolutionäre Dimension des revolutionären WWW, sagt man: Weblogs, kurz Blogs genannt. Die Pump-Guns des neuen Journalismus?

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Blogger sind derzeit die Stars im Netz, sie leuchten um die Wette, keiner kann sie zählen, ebensowenig wie die Meinungsartikel zu den meinungsgeladenen Infoteilchen im Netz: Unzählige Abhandlungen über ihre Wirkung, ihre Macht, ihren Einfluss, ihre Rivalität zum etablierten Journalismus sind bereits verfasst, unzählige immer noch enthusiastischere Konferenzen - selbst auf dem elitären Weltwirtschaftsforum in Davos waren Blogger ein großes Thema (Lesenswertes dazu [extern] hier) - abgehalten worden. Die so genannte Blogosphäre ist, so sehen es die Enthusiasten, ein unübersichtlicher, prächtig lebendiger Kosmos, eine eigene Welt aus konzentrierten Informationspartikeln, die das geneigte Publikum demokratischer und besser informiert als alles, was je an Kommunikation gab. Eine neuer Quantensprung à la Gutenberg in der Vermittlung von Realität? Der Einbruch des "Laconic Turn" in der Welt der langatmigen Artikelprosa von angepassten, etablierten Mainstream-Journalisten, welche die Tinte nicht halten können und mit mehligen Erörterungen die Überzeugungen der Alte-Säcke-Welt nur festschreiben, statt sie frisch und frech zu demontieren wie eben die Blogger?

Opiniotainment für Nachrichtenjunkies

Was machen denn nun diese revolutionären Blogger? Die Frage taucht nicht nur im Kreis von Zeitgenossen auf, die zwar imstande sind, rare Musikstücke minutenschnell aus dem Netz zu fischen, wofür Liebhaber früher monatelang sämtliche Plattenläden in halb Europa durchforstet haben, für die Blogs aber nach wie vor nur als Fortsetzung von (langweiligen) Tagebüchern in virtueller Form gelten, die seit dem [extern] Geniestreich von Rainald Götz nie wieder ein akzeptables Niveau erreichten. Selbst im meist bestens informierten Telepolis-Forum wurde die Frage noch vor ein paar Monaten [extern] gestellt, deswegen sei hier eine nüchterne Definition wieder gegeben, die in einem kürzlich erschienenen [extern] Artikel der American Journalism Review nachzulesen ist:


Blog..ist die Abkürzung für "Web log", Online-Journale aus Gedanken und Kommentaren. Sie berichten mit einer persönlichen, unverwechselbaren Stimme, setzen links zu anderen Quellen und veröffentlichen regelmäßige postings, die in einer umgekehrten chronologischen Ordnung präsentiert werden - der neueste Eintrag zuoberst. Die Leser scrollen den Bildschirm hinunter und überfliegen die Blogs, die oft die Möglichkeit zu einem Kommentar des Lesers bieten, sowie ein Archiv zu früheren Eintragungen und so genannte Blogrolls, Link-Listen zu anderen Blogs, von denen der Autor denkt, dass sie nützlich sind.

Der Software-Hersteller Perseus Development Corp. hat die Zahl der Weblogs in den USA auf 4,12 Millionen geschätzt (vgl. [local] Ich fraß die Zeitung). 66 Prozent davon sollen jedoch schon wieder stillgelegt sein, ein Viertel davon nur einmal benutzt. Lediglich 2,6 Prozent der Blogs würden wöchentlich aktualisiert. Mehr als die Hälfte der Blogger seien Teenager, 40 Prozent in den 20ern. Auf der Online News Association 2003 wurde das Jahr 2004 mehrmals und lautstark als das "Jahr des Bloggings" ausgerufen. Der Einfluss der Weblogs sei jedoch mehr intellektuell als kommerziell zu sehen. Mit den Blogs sei ein neuer Typ des Konsumenten geboren, der "Pro-sumer", welcher gleichzeitig als Leser, Redakteur und Produzent tätig sei. Journalistische Verdienste seien hier oft nur ein Element unter vielen und spielten eine untergeordnete Rolle.

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Kampf zwischen Alt und Neu

Mit dieser Einschätzung aber würde sich der amerikanische Protagonist der Blogger-Revolution, [extern] buzzmachine Jeff Jarvis niemals zufrieden geben. Jarvis erinnert seine Leser jeden Tag daran, welche erstaunlichen journalistischen Verdienste der Blogosphäre zugeschrieben werden können. Mögen andere die schon länger währende Diskussion über die Rivalität zwischen Blogger und Big Journalism als müßig und aufgesetzt verstehen, für Jarvis ist dies neben der Zensur (und dem Wahlkampf, ein Thema, das er mit vielen amerikanischen Bloggern teilt) d a s Thema seines Blogs. Ständig führt Jarvis eine Polemik gegen die ignoranten Old-School- Journalisten, die doch bitte sehr ihre Neugier auf die Blogs ausdehnen sollten, wo sie Stories herauspflücken könnten, die sich woanders nicht finden lassen. Jarvis sieht in den Blogs die Möglichkeit zu einem demokratischeren New-School- Journalismus, der schneller ist, unabhängiger und sehr viel näher am Publikum.

Als aktuellstes Beispiel für den Kampf zwischen Alt und Neu zitiert Jarvis den Scoop seines Blogger-Kollegen [extern] Rafat Ali der den "großen, faulen Blättern" die Story über die Gründung eines [extern] Internet Movie channels abgejagt hat. Mit ziemlich unorthodoxen Mitteln. Während sich nämlich die traditionell gesinnten Journalisten gehalten sahen, dem Nachrichtenembargo der Initiatoren des Moviechannels zu folgen und die News erst später zu veröffentlichen, stellte sie Rafat Ali gleich ins Netz.

In dem darauf folgenden Streit zwischen einem Journalisten, der sich an das Embargo hielt und die Gründe dafür verteidigte, und Rafat Ali stellt sich Jarvis eindeutig auf die Seite des Bloggers, der in seiner Antwort auf den Old-School Journalisten reklamiert, dass er an der Story schon eine Woche vor der Pressekonferenz gearbeitet habe und diese nur mehr abgewartet habe, um seine Informationen zu bestätigen und um ein offizielles Statement, das ihm verweigert wurde, zu bekommen. Er würde sich nicht verpflichtet sehen, PR-Regeln einzuhalten, antwortet der Blogger auf den Vorwurf des Journalisten. Jarvis gibt ihm recht:


Go get 'im, Rafat! Genau. Wenn dies alles ist, was Sie tun, Herr Reporter, darauf zu warten, dass das Embargo aufgehoben wird und die Pressemitteilung verschickt wird, damit Sie Ihre Story schreiben können, dann brauchen wir Sie nicht; Pressemitteilungen können wir selbst lesen...Wir brauchen keine Reporter, die uns diese Sorte von "News" liefern...Setzen Sie einen Link auf die verdammte Pressemitteilung. Starten Sie einen Blog! Wir haben Berichterstatter nötig, die echt arbeiten, die den Leuten Fragen stellen, die sie nicht beantworten wollen, nicht die, welche auf den Pressemitteilungen stehen, die sie verschicken...Die Verbindung, die hier wichtig ist, ist die mit Ihrer Leserschaft, nicht mit Ihren Quellen.

Im Laufe der Auseinandersetzung stellt sich heraus, dass es hier nicht um die Rivalität von einem journalistisch ambitionierten Amateur mit einem altvorderen Vertreter der Zunft geht, sondern dass der Blogger, Rafat, selbst ein "professioneller Journalist" ist, was dem Kampf zwischen Alt und Neu einen anderen Akzent gibt. Für Jarvis gehört Bloggen und das Lesen von Blogs zum unabdingbaren Repertoire eines Journalisten, der seine Leserschaft auf der Höhe der Zeit informieren will.


Ich hasse es, es Ihnen zu stecken, mein Freund, aber Rafat ist ein professioneller Reporter. Er verdient Geld damit. Er bedient die Öffentlichkeit. Er wird zitiert. Er liefert News. ..Wenn professionelle Reporter so handeln würden, wie es einige Blogger wie Rafat tun..., dann würden sie News liefern statt Presseberichte abzutippen... Kein Wunder, dass die Öffentlichkeit "Reportern" nicht mehr traut. Dies ist ein Fallbeispiel.

Informieren Blogs besser als die "faulen, alten Blattschreiber und Newslieferanten"?

Anfang Juni hat der amerikanische Blogger und PR-Fachmann [extern] Steve Rubel ein [extern] Experiment durchgeführt: Eine Woche lang holte er sich seine Informationen nur aus Weblogs. Keine Zeitungen, keine Fernsehnachrichten, kein Radio, keine Online-Nachrichten. Wenn er in der Stadt unterwegs war, bemühte sich Rubel seinen Blick von Zeitungsschlagzeilen, die an Kiosken ausgestellt sind, fernzuhalten, wenn seine Freundin das Fernsehgerät anschaltete, verließ er den Raum; er lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema, sobald Freunde oder Familienmitglieder über Neuigkeiten aus dem Irak oder andere aktuelle Ereignisse sprachen: Er wollte herausfinden, ob Blogs auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe, einen adäquaten Zugang zum aktuellen Geschehen bieten können - ob sie die traditionellen Formen ersetzen können.

Das Ergebnis: Rubel [extern] beklagte einen Mangel an "tieferem Wissen" über die laufenden Ereignisse im Vergleich zu einer normalen Woche; er habe über die Blogs nur die dürftigen Grundelemente der Nachrichten der Woche erhalten, nicht das "Fleisch".

Ich fühlte mich ein wenig nackt.


Im zweiten Teil : Was Rubel aus der Blog-Klausur-Woche dennoch gelernt hat. Über Blogologists und: "The Revolution will not be Blogged"

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Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17694/1.html

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Kommentare lesen
Herr Pany kennt mutmasslich die Studie nicht, die er zitiert, (Alphonso Porcamadonna 20.6.2004 0:27)
weblog-essay (hagbard_C 19.6.2004 14:29)
Die Spreu vom Weizen trennen - techn. möglich (Slawek74 18.6.2004 18:21)
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